Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

    W. von Ockham, De potestate papae et cleri III. 1 Dialogus (Andreas Kosuch)

    Francia-Recensio 2016/4 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Wilhelm von Ockham, De potestate papae et cleri III. 1 Dialogus, vol. I/Die Amtsvollmacht von Papst und Klerus, III. 1 Dialogus, Band I. Lateinisch-Deutsch. Übersetzt und eingeleitet von Jürgen Miethke, Freiburg im Breisgau (Herder) 2015, 389 S. (Herders Bibliothek der Philosophie des Mittelalters 2. Serie, 36/I), ISBN 978-3-451-34197-7, EUR 50,00; Wilhelm von Ockham, De potestate papae et cleri, III. 1 Dialogus, vol. II/Die Amtsvollmacht von Papst und Klerus, III. 1 Dialogus, Band II. Lateinisch-Deutsch. Übersetzt und eingeleitet von Jürgen Miethke, Freiburg im Breisgau (Herder) 2015, IX–735 S. (Herders Bibliothek der Philosophie des Mittelalters 2. Serie, 36/II), ISBN 978-3-451-34897-6, EUR 50,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Andreas Kosuch, Augsburg

    Mit dem Fragment gebliebenen »Dialogus« wollte der Franziskanermönch Wilhelm von Ockham eine Summe der politischen Theorie in insgesamt drei großen Abhandlungen vorlegen. Während sich die erste Abhandlung (»I Dialogus«) mit dem Thema der Ketzerei befasste – und hier insbesondere mit der Frage, was es bedeute, wenn der Papst ein Ketzer sei – plante Ockham im zweiten Teil (»II Dialogus«) eine Darstellung der Lehren Papst Johannes’ XXII., ehe in der abschließenden dritten Abhandlung (»III Dialogus«) der »Streit um den wahren Glauben« untersucht werden sollte, der Kirche und Reich in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts in Atem hielt. Dieser nicht überlieferten und offenbar nie verwirklichten zeithistorischen Abhandlung stellte Ockham zwei Traktate voran, in denen er systematisch »die Amtsvollmacht von Papst und Klerus« (»III. 1 Dialogus«) und »die Amtsvollmacht und Rechte des Römischen Reiches« (»III. 2 Dialogus«) darlegte. Der Traktat über »die Amtsvollmacht von Papst und Klerus«, der wiederum in vier Bücher unterteilt ist, ist nun erstmals vollständig in deutscher Übersetzung mit seitenparalleler Wiedergabe des lateinischen Textes erschienen.

    Bereits 1992 legte Jürgen Miethke Auszüge aus dem »Dialogus« in deutscher Übersetzung vor, die einige Jahre später in vermindertem Umfang in einer zweisprachigen Edition in »Reclams Universal-Bibliothek« erneut veröffentlicht wurden. Während sich diese Übersetzung noch am Text des Inkunabeldrucks von Johannes Trechsel orientierte, der im frühen 17. Jahrhundert von Melchior Goldast im 2. Band seiner Quellensammlung »Monarchia S. Romani Imperii« verbreitet wurde, kann sich die vorliegende Edition auf den kritischen Text stützen, der 2011 von John Kilcullen und John Scott in den »Opera politica« veröffentlicht wurde. Die bereits früher übersetzten Passagen wurden von Miethke daher erneut durchgesehen und gegebenenfalls überarbeitet.

    In einer gut 80 Seiten umfassenden Einleitung gibt Miethke im ersten Teilband zunächst einen Überblick über das Leben Ockhams und seinen Weg zur politischen Theorie. Nach einer kurzen Inhaltsangabe des Traktats und seiner Verortung in der Gesamtkonzeption des »Dialogus« erläutert er die formalen, sprachlichen und inhaltlichen Eigenheiten des Traktats und gibt Auskunft über editorische Eingriffe und Schwierigkeiten, die das Übersetzen eines spätscholastischen Textes stets mit sich bringt. Literaturhinweise, ein Glossar, ein Register der Namen und geografischen Bezeichnungen sowie ein Index der Zitate beschließen den zweiten Teilband, der zudem auch die Übersetzung der programmatischen Prologe zu »I Dialogus« und »III. 2 Dialogus« enthält, ebenso wie die eines weiteren »versprengten Prologs«, der nach dem Abfassen von »I Dialogus« entstanden sein muss und – Authentizität vorausgesetzt – Rückschlüsse auf eine gestaffelte Veröffentlichung des »Dialogus« erlaubt.

    Der gesamte »Dialogus«, an dem Ockham seit 1332/1334 bis zu seinem Tode 1348/1349 arbeitete, ist als Gespräch zwischen einem Schüler und seinem Lehrer angelegt und will ganz bewusst keine parteiische Polemik liefern, wie sie etwa Ockhams Exilgenosse Marsilius von Padua einige Jahre zuvor in seinem »Defensor Pacis« (1324) gegeben hatte. Vielmehr will Ockham die Gesamtheit der Argumente vor dem Leser ausbreiten, ohne dabei seine eigene Meinung kenntlich zu machen, um so die Wahrheit allein durch den argumentativen Diskurs und nicht durch magistrale Autorität evident werden zu lassen. Freilich gelingt ihm diese Verschleierung des eigenen Standpunkts nicht immer. Die in der Frage der päpstlichen plenitudo potestatis dargestellte via media etwa, die dem Papst eine weitreichende, jedoch nicht uneingeschränkte Gewalt zugesteht, wird von Miethke mit guten Gründen als Ockhams eigene Position identifiziert. Die päpstliche plenitudo potestatis, also der umfassende Herrschaftsanspruch des Papstes sowohl in kirchlichen als auch in weltlichen Angelegenheiten, ist ein zentrales Anliegen nicht nur des hier übersetzten Traktats, sondern des gesamten »Dialogus«. Breiten Raum nimmt die Auseinandersetzung mit Marsilius von Padua ein, der die Sonderstellung des Apostels Petrus gegenüber den übrigen Aposteln bestritten hatte und damit auch den Machtanspruch, den der Papst als successor Petri und Vicarius Christi innerhalb der Kirche und gegenüber den weltlichen Herrschern einforderte. Dass dabei weder Marsilius’ Name noch der seines Hauptwerks »Defensor Pacis« fällt, obwohl Ockham seitenweise daraus zitiert, ist eine für den modernen Leser sicher irritierende Eigenheit des »Dialogus«, die gleichwohl für scholastische Traktate keineswegs ungewöhnlich ist.

    Mit dieser Übersetzung kommt Jürgen Miethke zweifelsohne das Verdienst zu, das politische Werk Ockhams einem breiteren Kreis von Interessierten zugänglich gemacht zu haben, und sollte die kritische Gesamtedition des »Dialogus« in den »Opera politica« abgeschlossen sein, wird die von ihm in Aussicht gestellte Übersetzung der weiteren Teile ebenso zu begrüßen sein. Denn die obligatorische Klage über die schwindenden Lateinkenntnisse ist längst nicht mehr nur auf den Kreis der Studierenden beschränkt, wie auch Miethke zu verstehen gibt, wenn er vom »Rückgang der Lateinkenntnisse selbst bei entfernteren Fachgenossen« (S. 78) spricht.

    Inzwischen profitiert die wissenschaftliche Forschung von modernen Übersetzungen kaum weniger als vom Erstellen einer kritischen Edition. Dass der Übersetzung ein kritisch bereinigter Text als Grundlage dienen sollte, ist natürlich ein verständlicher Wunsch, und die Furcht vor einer »falschen Autorität«, die einer auf einer unkritischen Vorlage beruhenden Übersetzung zukommen könnte, ist nicht von der Hand zu weisen. Diese Bedenken hatten Miethke vor über 20 Jahren allerdings nicht daran gehindert, eine Auswahlübersetzung des »Dialogus« anzufertigen, und es wäre wünschenswert, dass ein derartiges Projekt auch für andere Werke in Angriff genommen wird.

    Solange etwa der einflussreiche Fürstenspiegel aus der Feder des Ägidius Romanus nur in Drucken des 16. und 17. Jahrhunderts rezipiert werden kann, wird er in der wissenschaftlichen Forschung auch weiterhin nicht die Aufmerksamkeit erfahren, die ihm gemessen an seiner Bedeutung zukommen müsste. Eine kritische Edition ist für diesen Traktat aus mehreren Gründen bis auf Weiteres nicht zu erwarten, eine Auswahlübersetzung aus einem der frühen Drucke wäre daher ein verdienstvolles Unterfangen für die Erforschung der spätscholastischen Politikreflexion, die Jürgen Miethke seit Jahrzehnten mit seinen Arbeiten vorantreibt. Die erforderlichen philologischen und editorischen Fähigkeiten sowie die nötigen Kenntnisse im Umgang mit der Textsorte hat er mit der vorliegenden Edition einmal mehr unter Beweis gestellt.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

    PSJ Metadata
    Andreas Kosuch
    De potestate papae et cleri III. 1 Dialogus, vol. I/Die Amtsvollmacht von Papst und Klerus, III. 1 Dialogus, Band I ; De potestate papae et cleri III. 1 Dialogus, vol. II/Die Amtsvollmacht von Papst und Klerus, III. 1 Dialogus, Band II
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Hohes Mittelalter (1050-1350)
    Europa
    Kirchen- und Religionsgeschichte
    13. Jh., 14. Jh.
    1285-1347
    Papst (4044561-6), Klerus (4031147-8), Macht (4036824-5), Dekretalen (4149034-4), Wilhelm von Ockham (118633015), Politische Theologie (4046562-7)
    PDF document ockham_kosuch.doc.pdf — PDF document, 346 KB
    W. von Ockham, De potestate papae et cleri III. 1 Dialogus (Andreas Kosuch)
    In: Francia-Recensio 2016/4 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2016-4/ma/ockham_kosuch
    Veröffentlicht am: 12.12.2016 09:33
    Zugriff vom: 08.07.2020 06:46
    abgelegt unter: