Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

R. Stone, C. West (ed.), Hincmar of Rheims (Irmgard Fees)

Francia-Recensio 2016/4 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Rachel Stone, Charles West (ed.), Hincmar of Rheims. Life and work, Manchester (Manchester University Press) 2015, XVI–309 p., ISBN 978-0-7190-9140-7, GBP 75,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Irmgard Fees, München

Hervorgegangen aus mehreren Sektionen des International Medieval Congress in Leeds 2012, präsentieren die Beiträge des Bands neue Forschungen zu Hinkmar, Erzbischof von Reims 845–882. Rachel Stone, »Introduction: Hincmar’s world«, S. 1–43, liefert einleitend einen Überblick über Leben und Werk Hinkmars mit einer Vorschau auf die folgenden Beiträge, die bei aller thematischen Unterschiedlichkeit immer wieder dieselben Charakteristika von Hinkmars Arbeitsmethoden hervortreten lassen, Methoden, die er sein ganzes Leben hindurch anwandte: Anmerkungen und Hervorhebungen in von ihm genutzten Texten, insbesondere zu theologischen und juristischen Ausführungen; die Zusammenstellung von thematischen Dossiers; die Wiederverwendung von älteren Unterlagen; die geschickte Interpretation von Normen und Konzepten zur Durchsetzung politscher Ziele; die Neuinterpretation von Texten zur Etablierung neuer sozialer, politischer und religiöser Regeln und Normen. Die starke Verankerung seiner Werke in den großen Streitfragen seiner Epoche sei die Ursache dafür, dass – trotz Hinkmars eminent wichtiger Rolle zu seinen Lebzeiten – seine Nachwirkung vergleichsweise gering geblieben sei.

Janet L. Nelson, »Hincmar’s life in his historical writings«, S. 44–59, geht den Verbindungen zwischen dem Leben Hinkmars und seinen politischen Überzeugungen am Beispiel des Vertrags von Coulaines 843, des Kapitulars von Toulouse 844, der »Collectio de ecclesiis et capellis« 857/858 und der »Annales Bertiniani« nach - Christine Kleinjung, »To fight with words: the case of Hincmar of Laon in the Annals of St-Bertin«, S. 60–75, zeigt auf, wie Hinkmar den Fall Hinkmars von Laon in den »Annales Bertiniani« darstellte und wieviel er dabei mit Schweigen überging.

Elina Screen, »An unfortunate necessity? Hincmar and Lothar I«, S. 76–92 (Appendix: »The authenticity of the letters of Leo IV in the ›Collectio Britannica‹«, S. 85–92), unterscheidet in den Beziehungen zwischen Lothar I. und dem Reimser Erzbischof drei Phasen, deren erste (845–847) von einer sehr reservierten Haltung Lothars I. gegenüber Hinkmars Bemühungen gekennzeichnet gewesen sei, während die zweite (847–854) als eine Zeit der Kooperation gelten könne und Lothar am Ende seines Lebens Hinkmar als »one source of salutary admonition, alongside Hrabanus Maurus and the pope«, akzepiert habe.

Clémentine Bernard-Valette, »›We are between the hammer and the anvil‹: Hincmar in the crisis of 875«, S. 93–109, vergleicht das Schreiben der Bischöfe an Ludwig den Deutschen von 858 (MGH Conc. III, Nr. 41) mit dem anlässlich des erneuten Einfalls Ludwigs in das Westfrankenreich verfassten Schreiben Hinkmars »De fide Carolo regi servanda« (bislang Migne PL125, Sp. 961–984), dessen Neuedition sie im Rahmen ihrer bislang unpublizierten Dissertation erarbeitet hat. – Margaret J. McCarthy, »Hincmar’s influence during Louis the Stammerer’s reign«, S. 110–128, untersucht Art und Ausmaß des Einflusses, den Hinkmar auf Ludwig den Stammler ausübte; die hohe Bedeutung, die Hinkmar zu Beginn von Ludwigs Regierung zugekommen sei, habe seit November 877 beständig abgenommen. Eine große Rolle in der Argumentation spielen Überlegungen darüber, wie Einfluss feststellbar und messbar sei und ob Hinkmar aus Eigeninteresse oder altruistisch gehandelt habe. – Simon Corcoran, »Hincmar and his Roman legal sources«, S. 129–155, fragt danach, welche Texte römischen Rechts Hinkmar kannte und direkt oder indirekt zitierte, in welcher Form sie ihm vorlagen und wie er sie einsetzte; er stellt fest, dass Hinkmar über manche Quellen nur eine begrenzte Zeit verfügte, dass er römische Rechtstexte besonders stark in den Jahren 868–871 verwendete und dass er nicht selten Zitate kürzte oder leicht veränderte, um seine Ziele zu erreichen.

Philippe Depreux, »Hincmar et la loi revisited: on Hincmar’s use of capitularies«, S. 156–169, legt seinen Schwerpunkt auf die Frage, in welchem Zusammenhang und zu welchen Zwecken Hinkmar Kapitularien nutzte, und kann darlegen, dass der Reimser Erzbischof gegenüber dem König und den weltlichen Großen des Reichs vor allem Kapitularien Karls des Großen und Ludwigs des Frommen verwendete. Nutzte er dagegen jüngere Texte, so vor allem, um an den Entscheidungen Beteiligte mahnend an ihre eingegangenen Verpflichtungen zu erinnern.

Marie-Céline Isaïa, »The bishop and the law, according to Hincmar’s life of Saint Remigius«, S. 170–189, sieht in der »Vita Remigii« »the testament of Hincmar« (S. 171), ein Medium, das die Quintessenz seiner theologischen wie politischen Überzeugungen enthalte, nicht zuletzt einen Fürstenspiegel darstelle, ja ein quasi normativer Text sei (S. 173f.) und der Vermittlung seiner Grundsätze an ein größeres Publikum gedient habe. Eine frühe Version der Vita, so die Vermutung, sei für Ludwig den Deutschen bestimmt gewesen (S. 187 Anm. 20). – Sylvie Joye, »Family order and kingship according to Hincmar«, S. 190–210, interpretiert die Schrift »De raptu« (»De coercendo et exstirpando raptu viduarum puellarum ac sanctimonalium«), deren Edition und französische Übersetzung sie vorbereitet. – Josiane Barbier, »›The praetor does concern himself with trifles‹: Hincmar, the polyptych of St-Remi and the slaves of Courtisols«, S. 211–227 (Appendix: »The nota and the structure of the entry for Courtisols in the Paris manuscript«, S. 221–227), schreibt die Nota-Zeichen, die den Kopien zufolge im verlorenen Originalmanuskript des Polyptychons von St-Remi in Reims beim Eintrag zum Ort Courtisols angebracht waren, Hinkmar und seinem Interesse an dem Problem der mancipia dieses Gutes zu, die versucht hatten, sich aus ihrem unfreien Stand zu lösen.

Charles West, » Hincmar’s parish priests«, S. 228–246, analysiert Hinkmars zwiespältige Haltung zu Pfarrern und Pfarreien: Einerseits galt die Pfarrei dem Erzbischof als zeitloser, nahezu unveränderlicher Teil der Kirche, und an die Pfarrer stellte er hohe Anforderungen in Bildung und Sozialverhalten; andererseits war ihm bewusst, dass die Pfarrer sich in ihren Pfarreien sozial integrieren mussten und dass die Pfarrei als Institution Wandlungen unterlag.

Matthew Bryan Gillis, »Heresy in the flesh: Gottschalk of Orbais and the predestination controversy in the archdiocese of Rheims«, S. 247–267, zeichnet den Lebensweg Gottschalks und insbesondere den Konflikt mit Hinkmar nach. – Mayke de Jong, »Hincmar, priests and Pseudo-Isidore: the case of Trising in context«, S. 268–288 (Appendix: »Letter from Hincmar of Rheims to Pope Hadrian II, spring 871«, S. 281–288), weist auf die Zunahme der Fälle hin, in denen straffällig gewordene Priester sich ohne Wissen und Erlaubnis ihrer Bischöfe an den Papst wandten und sich dabei der Argumente aus den Texten Pseudo-Isidors bedienten; das Phänomen habe zur Kenntnis und Ausbreitung Pseudo-Isidors in Rom seit den 860er Jahren und im Westfrankenreich seit den 870er Jahren beigetragen. Im Appendix liefert sie eine englische Übersetzung des Teils von Hinkmars Brief, der den Fall Trising betrifft.

Sorgfältig ausgestattet mit mehreren Abbildungen, einem Literaturverzeichnis und einem Index zu Personen, Orten und Sachen liegt ein anregender und in vieler Hinsicht weiterführender Band zu Hinkmar und seinem Werk vor.

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

PSJ Metadata
Irmgard Fees
Hincmar of Rheims
Life and work
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Frühes Mittelalter (600-1050)
Frankreich und Monaco
Kirchen- und Religionsgeschichte
6. - 12. Jh.
806-882
Hincmarus Remensis (118551280)
PDF document stone_fees.doc.pdf — PDF document, 343 KB
R. Stone, C. West (ed.), Hincmar of Rheims (Irmgard Fees)
In: Francia-Recensio 2016/4 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500) | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2016-4/ma/stone_fees
Veröffentlicht am: 12.12.2016 09:33
Zugriff vom: 20.01.2020 16:32
abgelegt unter: