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M. Cymes, Hippokrates in der Hölle (Marco Pukrop)

Francia-Recensio 2016/4 19.‒21. Jahrhundert ‒ Époque contemporaine

Michel Cymes, in Zusammenarbeit mit Laure de Chantal, Hippokrates in der Hölle. Die Verbrechen der KZ-Ärzte. Aus dem Französischen von Birgit Lamerz-Beckschäfer, Darmstadt (Theiss) 2016, 198 S., 21 s/w Abb., ISBN 978-3-8062-3285-1, EUR 19,95. 978-3-8062-3347-6

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Marco Pukrop, Osterholz-Scharmbeck

Im Gefolge der neueren Täterforschung sind vornehmlich im deutschsprachigen Raum vermehrt Studien zu Medizinern erschienen, die während der Zeit des Nationalsozialismus als Arzt in einem Konzentrationslager (KZ) unmittelbar oder aber als Befehlsgeber in der übergeordneten Medizinalbürokratie mittelbar zu Tätern wurden. Sie eint der Versuch, die unbeschreiblichen Medizinverbrechen in den KZ und Tötungsanstalten der Krankenmordaktion nicht mehr monokausal als Tat psychisch abnormer, gewissenlos ehrgeiziger aber fachlich völlig unqualifizierter Ärzte zu erklären, die der »Todesengel« Josef Mengele lange Zeit idealtypisch verkörpert hatte. So konnte gezeigt werden, wie heterogen strukturiert gerade die Gruppe der SS-Mediziner in den KZ war, in der der alte routinierte Praktiker ebenso anzutreffen war wie der junge, fachlich unerfahrene Berufsanfänger, der eben erst das Studium beendet hatte. Zu Tätern konnten sie alle werden.

Der französische Arzt, Medizinjournalist und TV-Moderator Michel Cymes, dessen beide Großväter in Auschwitz umkamen, hat mit dem 2015 auf Französisch erschienen und nun in deutscher Übersetzung vorliegendem Buch »Hippokrates in der Hölle. Die Verbrechen der KZ-Ärzte« ein Werk vorgelegt, das er – wie er selber betont – nicht als Historiker, sondern als Arzt und Populärwissenschaftler verfasst und für das er selber wiederum vornehmlich auf populärwissenschaftliche Literatur zurückgegriffen hat, wie der Blick in die Bibliografie zeigt. Im einleitenden Prolog wird die zentrale Frage der Untersuchung formuliert, die er im Verlauf des Buches ergründen und beantworten möchte. Cymes will verstehen, warum Ärzte, deren ureigenste Berufung und Aufgabe es ist, Leben zu retten, Menschen töten konnten, die sie nicht einmal mehr als menschliche Wesen wahrgenommen hätten.

Das erste Kapitel beginnt mit einem kurzen Abriss des Nürnberger Ärzteprozesses, den dort angeklagten Medizinern und dem daraus resultierenden Nürnberger Kodex, der seither die Grenzen von Humanversuchen definiert. In den folgenden zwei Kapiteln werden die Biografie und die flugmedizinischen Menschenversuche von Sigmund Rascher skizziert, die ihn laut Cymes zum »Ungeheuer«, »Schuft« und »Monstrum« werden ließen. Das nachfolgende Kapitel vier widmet sich Wilhelm Beiglböck und seinen Versuchen zur Trinkbarmachung von Meerwasser, die er 1944 im KZ Dachau an Häftlingen durchgeführt hatte. Anschließend folgt in Kapitel fünf, und damit etwas deplatziert, ein Abriss über Heinrich Himmlers Verhältnis zu den Wissenschaften. Dieser wäre am Beginn des Buches sinnvoller positioniert gewesen, da Himmler als Reichsführer-SS die beschriebenen Menschenversuche in den Lagern legitimierte, zum Teil aber auch selber erst initiierte.

Kapitel sechs behandelt mit Aribert Heim, den ersten SS-Arzt, der regulären Dienst als Lagerarzt in einem KZ verrichtet hatte und der für Cymes der »Schlächter von Mauthausen« und ein »sadistisches Ungeheuer« war. Die beiden anschließenden Kapitel sieben und acht thematisieren August Hirt, seine Senfgasversuche im KZ Natzweiler sowie seine Pläne, in der Reichsuniversität Straßburg eine Sammlung von Skeletten »jüdisch-bolschewistischer Kommissare« aufzubauen. In Kapitel neun beschreibt der Autor seine Suche nach verbliebenen menschlichen Präparaten aus der NS-Zeit an der Universität Straßburg.

Die Kapitel zehn und elf widmen sich dem für Populärwissenschaftlern offenbar unverzichtbaren Josef Mengele und seinen Taten. Auch hier bedient sich Cymes längst überwunden geglaubter Begriffe wie »Ungeheuer in Menschengestalt«, »Todesengel« und »Nosferatu im weißen Kittel« und erklärt Mengele kurzerhand zu einem »Haupttäter des Nationalsozialismus«, als habe dieser außerhalb des KZ Auschwitz jemals Befehlsgewalt ausgeübt. Im Anschluss folgen drei Kapitel über Carl Clauberg und seine Sterilisationsversuche im KZ Auschwitz, über die ehemalige Lagerärztin im KZ Ravensbrück und einzige weibliche Angeklagte im Nürnberger Ärzteprozess, Herta Oberheuser, sowie über Erwin Ding-Schuler und dessen Fleckfieberversuche im KZ Buchenwald. Im vorletzten Abschnitt verfolgt Cymes die Nachkriegskarrieren belasteter NS-Mediziner, die ihm Rahmen der »Operation Paperclip« in die USA verbracht worden waren und dort im Dienste der Regierung weiterarbeiten konnten.

Am Ende seines Buches kommt Michel Cymes zwar zu dem treffenden Schluss, dass die von ihm skizzierten Mediziner mitnichten allesamt unfähige Nichtskönner waren und diese nur im Verbund mit renommierten Pharmaunternehmen und Universitäten ihre Verbrechen begehen konnten. Jedoch bleibt diese – auch schon vorher bekannte – Tatsache die einzige Erkenntnis am Ende des Buches. Die eingangs formulierte Frage, wie Ärzte zu Mördern werden konnten, lässt der Autor jedoch unbeantwortet. Auch eine Erklärung, warum er gerade die von ihm vorgestellten Mediziner ausgewählt hat, fehlt ebenso wie eine grundlegende Definition, wer für ihn eigentlich ein »KZ-Arzt« ist. Der SS-Arzt, der in einem KZ regulären lagermedizinischen Dienst verrichtet hatte oder ein – nicht zwangsläufig der SS zugehöriger – Mediziner, der ausschließlich zur Durchführung von Humanversuchen dorthin abgestellt, mit der medizinischen Versorgung der Häftlinge aber nicht betraut worden war?

Ärgerlich, an Theatralik und peinlicher Selbstinszenierung nicht zu überbieten sind jene Passagen, in denen Cymes etwa bei einem Besuch in der Gedenkstätte Auschwitz »die ausgezehrten Leiber, die sich vor Schmerzen krümmen, flehen« erahnen will, wenn er sich am Anatomischen Institut der Universität Straßburg »schlagartig [...] zurückversetzt in das Jahr 1943« fühlt oder er am Ende des Buches die Schreie der Opfer der Medizinversuche »geradezu hören« konnte. Insgesamt gesehen, verliert sich die Beschreibung zu oft in billiger Sensationsgier und arbeitet mit längst überwunden geglaubten Dämonisierungen der Täter als »Monstrum« oder »sadistisches Ungeheuer«. Darüber hinaus ist das Buch zu nachlässig recherchiert und zu fehlerhaft in der Darstellung, um einen seriösen Beitrag zu gegenwärtigen oder zukünftigen Forschungsdebatten zur KZ-Medizin oder den medizinischen Tätern leisten zu können. So behauptet Cymes beispielsweise, Heinrich Himmler habe das landwirtschaftliche Studium nur mit Mühe abgeschlossen, obwohl er dieses mit gutem Erfolg bestanden hatte. Zu Sigmund Rascher schreibt er hingegen, dieser habe im Jahr 1936 seine chirurgische Facharztausbildung erfolgreich absolviert, dabei hatte Rascher zu jener Zeit lediglich das medizinische Staatsexamen bestanden und damit sein Medizinstudium beendet. Josef Mengeles anthropologisches Studium und der daraus resultierende philosophische Doktortitel fallen gleich ganz unter den Tisch, dafür ist sich Cymes aber zweifellos sicher, dass Mengele mindestens einen seiner beiden Großväter in Auschwitz selektiert hatte. Diese ärgerlichen, weil mit wenig Aufwand zu vermeidenden, Fehler ziehen sich durch den gesamten Text.

Abschließend ist festzuhalten, dass das Buch dem sachkundigen Leser keinerlei neue Erkenntnisse vermitteln kann. Der noch nicht informierte, jedoch interessierte Leser ist für einen ersten Einblick in die Thematik mit Ernst Klees Büchern oder der von Alexander Mitscherlich und Fred Mielke herausgegebenen und noch immer lesenswerten Dokumentation zum Nürnberger Ärzteprozess1 in jedem Fall besser beraten.

1 Alexander Mitscherlich, Fred Mielke (Hg.), Medizin ohne Menschlichkeit. Dokumente des Nürnberger Ärzteprozesses, Frankfurt a. M. 1960.

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PSJ Metadata
Marco Pukrop
Hippokrates in der Hölle
Die Verbrechen der KZ-Ärzte
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Zeitgeschichte (1918-1945)
Deutschland / Mitteleuropa allgemein
Medizingeschichte, Politikgeschichte
20. Jh.
1933-1945
Deutschland (4011882-4), Arzt (4003157-3), Menschenversuch (4038649-1), Nationalsozialistisches Verbrechen (4075228-8)
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M. Cymes, Hippokrates in der Hölle (Marco Pukrop)
In: Francia-Recensio 2016/4 | 19.-21. Jahrhundert - Époque contemporaine | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2016-4/zg/cymes_pukrop
Veröffentlicht am: 12.12.2016 13:49
Zugriff vom: 27.01.2020 00:45
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