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    S. Broomhall, S. Finn (ed.), Violence and Emotions in Early Modern Europe (Claudia Jarzebowski)

    Francia-Recensio 2017/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Susan Broomhall, Sarah Finn (ed.), Violence and Emotions in Early Modern Europe, London, New York (Routledge) 2016, XVI–213 p. (Routledge Research in Early Modern History), ISBN 978-1-138-85402-4, GBP 90,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Claudia Jarzebowski, Berlin

    Die deutschsprachige Historische Gewaltforschung, unter internationaler Beteiligung maßgeblich vorangebracht auf dem Frühneuzeittag 2003 in Berlin und kürzlich von Francisca Loetz (2012) aktualisiert und zusammengefasst, hat es durchgängig als ihren Vorteil angesehen, dass der Begriff Gewalt sowohl körperliche als auch nicht körperliche Gewaltformen, die sich aus der Möglichkeit ergeben, sie zu verüben oder anzudrohen (Macht), umfasst. Die Ambivalenz frühneuzeitlicher Gewaltkonzepte zwischen blutiger, angedrohter oder auch nur (an)drohbarer Gewalt (nach Max Weber) ist Gewalt als analytischem Terminus demnach inhärent. Diesen Vorteil bietet die englische Sprache nicht, wie am Titel des zu besprechenden Bandes deutlich wird. Der Fokus liegt auf Gewalt (violence), die als körperlich ausgeübte oder erfahrene Gewalt thematisiert wird. Die Gewalt, die als Macht, Gewalt auszuüben oder anzudrohen (power), relevant ist, bleibt weitgehend außen vor, stattdessen wird mit dem Bezug auf Emotionen eine Perspektive aufgemacht, die, wie Susan Broomhall in ihrer Einleitung zu Recht feststellt, nicht voraussetzungslos ist; Johan Huizinga, Lucien Febvre, Norbert Elias und Jean Delumeau werden genannt. Mittlerweile hat die Historische Emotionenforschung, wie sie in den vergangenen zehn Jahren aus dem Bereich der Vormoderne und auf internationalem Parkett entwickelt wurde, einen enormen Beitrag zur Historisierung von Emotionen und zur entsprechenden Methodendiskussion geleistet. Auch die elf Beiträge dieses Sammelbandes sind im Rahmen einer Tagung, die vom Centre of Excellence for the History of Emotions, 1100–1800 (http://www.historyofemotions.org.au), veranstaltet wurde, entstanden. Die Autoren und Autorinnen, die aus unterschiedlichen Wissenschaftsgenerationen und -traditionen stammen, hatten ihren Schwerpunkt bisher entweder in der Historischen Gewaltforschung oder in der historischen Emotionenforschung, bringen aber in ihren Beiträgen meistens beides zusammen. Insofern sind die Beiträge durchweg lesenswert, auch wenn das theoretische Reflektionsniveau auf unterschiedliche Erkenntnisinteressen verweist.

    Im ersten Teil, »Order and Disorder«, geraten Gewalt und Emotion aus einer sozialgeschichtlichen Perspektive in den Blick. Die Beiträge von Élisabeth Crouzet-Pavan, Charles Zika und Lisa Beaven verbindet die Frage nach der Funktion von Emotionen in ordnungspolitischen Auseinandersetzungen, die sich vor frühneuzeitlichen italienischen Stadtgerichten (Crouzet-Pavan), in deutschsprachigen Einblattdrucken (Zika) sowie in der Campagna Romana (Beaven) ereignet haben. Dabei stehen vor allem Wut, Kränkung, Angst und Ergriffenheit im Vordergrund. Crouzet-Pavan nimmt bei Kriminalfällen ihren Ausgang und erkundet die Bedeutung, die starken Emotionen in der Begehung eines Verbrechens zukommen bzw. in der gerichtlich dokumentierten Argumentation beigemessen werden. Ehrdiskurse und ihre Bedeutung für die Legitimierung von Gewalt und Wut bilden den Fokus in Zikas differenzierendem Beitrag. Er kann zeigen, wie mit Emotionalisierung und Emotionen gearbeitet wurde, um Wahrnehmungen und damit Realitäten zu formen. Beaven wiederum erkundet anhand von hochspannenden Listen, in denen die Tode in der Campagna verzeichnet wurden, welche Emotionen im Kontext von Mord und Tod artikuliert wurden bzw. aufkamen. Dabei versteht sie Emotionen im Anschluss an neuere Forschungen vor allem als vermittelnde Praktik.

    Der Komplex »Bodies and souls« bildet den roten Faden in den Beiträgen des zweiten Abschnitts, wobei die Verbindungen nicht immer auf der Hand liegen. Das Pariser Spital Hôtel-Dieu ist institutionenhistorisch bestens aufgearbeitet und es ist deswegen begrüßenswert, dass mit Lisa Keane Elliotts Beitrag zu Tumulten und ihren Verursachern einer Perspektive aufgemacht wird, die dezidiert bei den Insassen und Patienten ihren Anfang und ihr Ende nimmt. Die Beiträge von Susan Broomhall und Sarah Ferber erschließen spirituelle Gemeinschaften von Frauen aus emotionenhistorischer Perspektive und thematisieren Gewalt vor allem als emotionale und psychisch erfahrene Gewalt, Ferber spricht von »devotional violence«. Diese spannende Erarbeitung entlang der Frage, wann was als emotionale, psychische oder eben devotionale Gewalt erlebt wird, ist sowohl körperhistorisch – denn der Körper ist der Austragungsort – als auch emotionenhistorisch aufschlussreich, insbesondere in der Auseinandersetzung mit Rosenweins These von den »emotional communities«. Für beide Beiträge wäre es hilfreich gewesen, die analytischen Kategorien – emotional, psychisch, devotional – stärker historisch aufzuschließen. Mit der Frage nach Gewalt in der medizinischen Behandlung hätte der Bogen zum ersten Beitrag des Abschnitts geschlagen werden können, doch inhaltlich und methodisch bleibt Robert Westons Darlegung hinter den anderen zurück. Westons Gewaltbegriff scheint kaum problematisiert und eine emotionenhistorische Perspektivierung des Materials, vor allem medizinische Abhandlungen des 17. und 18. Jahrhunderts, bleibt an der Oberfläche. Insgesamt hätte in diesem Teil die moderne Assoziierung von Körper als Äußeres und Seele als Inneres noch deutlicher unterlaufen werden können.

    Mit »Textual affect and effect« umschreibt der Titel des dritten und abschließenden Abschnitts präzise die Analyseebene: die Sprache, die Aushandlung von Gewalt sowie die Bedeutungen von Emotionen in dieser Aushandlung in gelehrten Kreisen, in der politisch-religiösen Propaganda. Andrea Rizzi macht es sich zur Aufgabe, sich mit dem Komplex von Beschimpfungen und Beleidigungen in vor allem italienischen Gelehrtenkreisen und ihrer Briefe, Traktate, Pamphlete auseinanderzusetzen. Das liest sich streckenweise amüsant und wirft die Frage auf, welche Umgangsweisen mit starken Emotionen sich eigentlich in der gegenwärtigen Gelehrtenkommunikation etabliert haben. Die reinigende Wirkung der konkreten verbalen Auseinandersetzung sollte nach Rizzis Darstellung nicht unterschätzt werden. Mit physikotheologischen Überlegungen entlang von Nostradamus und seinen Ansichten zu den res mirabilia setzt sich Denis Crouzet in gewohnt eloquenter und deswegen lesenswerter Weise auseinander. Emotionenhistorische oder gewalthistorische Aspekte bleiben hingegen weitgehend unberücksichtigt, wird von sehr allgemeinen Vorannahmen dazu, was Emotion (Sünde) und Gewalt (Angst) seien, abgesehen. Propaganda ist heute ebenso wie in der Geschichte nicht ohne Emotionen und deren Manipulation zu denken. Umso verdienstvoller ist deswegen Troy Heffernans Beitrag zur Frage, wie Emotionen (und von wem) in Propagandaschriften des Civil War eingesetzt wurden, um die Spaltung Englands zu befördern bzw. wie der gezielte Einsatz von Emotionen geholfen hat, eine solche Spaltung unumkehrbar zu machen. Dass es sich hier um ein gesamteuropäisches Phänomen handelt, mit Übersetzungen und Modifikationen, wird durchaus berücksichtigt. Es bleibt das Verdienst von Giovanni Tarantino, den Blick über Europa hinaus geweitet zu haben und sich mit John Lockmans »Book of Martyrs« auseinandergesetzt zu haben. Deutlich hervorgehoben werden Lockmans eigene emotionale Anteile in der Konstruktion der Begegnungssituationen, die er in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entwirft. Ebenso deutlich wird die religionspolitische Intention, die Dämonisierung der Katholiken als Ventil. Auch bei Tarantino werden Emotion und Gewalt aus dem Kontext heraus historisiert.

    Der vorliegende Sammelband bietet einen wertvollen Beitrag zur Frühneuzeitgeschichte und unterschiedliche Ansatzpunkte, neu über die Bedeutung von Emotionen in der historischen Gewaltforschung nachzudenken. Die Inspirationen für die Historische Emotionenforschung liegen weniger deutlich auf der Hand, aber es gibt sie, wenngleich eher implizit bzw. auf methodischer Ebene, etwa indem verschiedene Möglichkeiten vorgeführt werden, Emotionen historisch sichtbar zu machen und zum Ausgangspunkt für Refigurationen historischer Zusammenhänge und ihrer Akteure und Akteurinnen zu nehmen.

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    PSJ Metadata
    Claudia Jarzebowski
    Violence and Emotions in Early Modern Europe, London
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Europa
    Sozial- und Kulturgeschichte
    Neuzeit bis 1900
    1500-1760
    Europa (4015701-5), Gewalt (4020832-1), Gefühl (4019702-5)
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    S. Broomhall, S. Finn (ed.), Violence and Emotions in Early Modern Europe (Claudia Jarzebowski)
    In: Francia-Recensio 2017/1 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-1/fn/broomhall_jarzebowski
    Veröffentlicht am: 16.03.2017 12:05
    Zugriff vom: 16.07.2020 06:05
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