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    V. J. Pitts, Embezzlement and High Treason in Louis XIV’s France (Christian Mühling)

    Francia-Recensio 2017/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Vincent J. Pitts, Embezzlement and High Treason in Louis XIV’s France. The Trial of Nicolas Fouquet, Baltimore (Johns Hopkins University Press) 2015, 224 p., 8 ill., ISBN 978-1-4214-1824-7, USD 44,95.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Christian Mühling, Würzburg

    Nach den grundlegenden Arbeiten von Daniel Dessert u. a.1 hat nun der Amerikaner Vincent J. Pitts eine Studie über den Hochverratsprozess gegen den surintendant der Finanzen Nicolas Fouquet vorgelegt. Er beabsichtigt dezidiert, weder eine weitere Biografie des französischen Staatsmannes vorzulegen, noch eine neue positivistische Geschichte von Schuld und Unschuld zu schreiben, wie es die bisherigen Untersuchungen unternommen haben. Sein Forschungsinteresse zielt stattdessen auf die Frage, wie es Fouquet und seinen Verteidigern gelang seine Richter und einen Großteil der politischen Öffentlichkeit von seiner Unschuld zu überzeugen (S. 5). Ob und inwieweit er sich damit von den bereits vorliegenden Arbeiten unterscheidet, muss gezeigt werden.

    Pitts Studie folgt einem chronologischen Aufbau, der mit einer Beschreibung von Fouquets Herkunft und Ausbildung beginnt und mit seiner lebenslangen Inhaftierung auf der Festung Pignerol endet. Pitts gibt dabei einen Einblick in das französische Steuersystem Mitte des 17. Jahrhunderts. Deutlich weist er darauf hin, dass das Steueraufkommen nur durch ein ganz Frankreich umspannendes Netz finanzpolitischer Patronage funktionierte, bei der Fouquet eine Schlüsselstellung erlangte, die ihn zu den höchsten Würden im Staate emporbrachte. Die persönlichen Beziehungen des surintendant erhöhten die Kreditwürdigkeit des Königs und machten ihn für Kardinal Mazarin unentbehrlich (S. 38). Nach dem Tod dieses leitenden Ministers habe Fouquet quasi die Rolle eines Premierministers ausgefüllt (S. 53). In Jean-Baptiste Colbert sei ihm aber ein gefährlicher Konkurrent erwachsen, der eifrig an seinem Sturz arbeitete. Der Hauptvorwurf Colberts war derjenige der Veruntreuung von Staatsgeldern, der letztendlich zur Verhaftung und Anklage Fouquets führte. Dem Angeklagten kamen seine eigene Herkunft aus dem Milieu der noblesse de robe und seine detaillierte Kenntnis des französischen Rechtssystems zu Gute (S. 76–78). Seine Klientel, die nicht allein der Finanzwelt entstammte, sondern mit Marie de Sévigné, Jean de La Fontaine und Paul Pelisson auch wichtige Gelehrte und Schriftsteller umfasste, übernahm seine publizistische Verteidigung (S. 76–78). Das parlement und die öffentliche Meinung ergriffen zusehends Partei für Fouquet (S. 95).

    Colbert hingegen beschuldigte Fouquet öffentlich, durch Veruntreuung von Steuergeldern für einzelne Niederlagen im Spanisch-Französischen Krieg verantwortlich gewesen zu sein. Ein Beweis dafür sei sein eigener luxuriöser Lebenswandel (S. 96–119). Durch gezielte Manipulation der Akten gelang es, Fouquet als Schuldigen darzustellen. Der Angeklagte war sich dieser Manipulationen aber bewusst und zeigte sie seinen Richtern an (S. 136). Dennoch wurde er durch den unnachgiebigen Willen des Königs trotz abweichender Meinung des Gerichts zu lebenslanger Festungshaft verurteilt (S. 137–159).

    Pitts stellt sich grundlegend auf die Seite Fouquets und verteidigt seine finanzpolitischen Aktionen dadurch, dass sie im 17. Jahrhundert zur gängigen Praxis gehörten. In einem eigenen Appendix beweist er, dass Fouquets Privatvermögen deutlich kleiner war als das anderer Minister, die sich an den Staatseinkünften bereicherten, insbesondere dasjenige seines Mentors Jules Mazarin. Dennoch erscheinen die zu große Empathie des Autors mit dem surintendant und der daraus resultierende tendenziell apologetische Charakter der Studie heikel. Problematisch sind auch der methodische Ansatz und das zu Grunde liegende Quellenmaterial, die an keiner Stelle erläutert werden. Pitts hat für seine Studie einen beachtlichen Teil der Archivüberlieferung ausgewertet. Für sein Ansinnen, die öffentliche Meinung zu untersuchen und sich dadurch von bestehenden Studien abzugrenzen, hätte er allerdings in stärkerem Maße Printmedien miteinbeziehen müssen. Wo dies geschieht, wird stellenweise nicht klar, weshalb er die Quellen für seine Fragestellung verwendet. Der ein knappes Jahrhundert später wirkende Voltaire (S. 57) kann trotz seines kanonischen Charakters für die französische Geistesgeschichte nicht als Zeuge für die Beeinflussung öffentlicher Meinung im Frankreich der 1660er Jahre gelten.

    Trotz der weitgehend gelungenen historischen Kontextualisierung und der guten Lesbarkeit von »Embezzlement and High Treason in Louis XIV’s France« ist ein Mehrwert zur bestehenden Forschungsliteratur nur ansatzweise zu erkennen. Ein Großteil der Ausführungen beschränkt sich auf die Schilderung ohnehin bekannter Fakten. Über die von ihm selbst kritisierte positivistische Geschichte von Schuld und Unschuld kommt der Autor aus diesem Grund kaum hinaus. Pitts Verdienst ist es deshalb allenfalls, auf ein Desiderat der Erforschung der Rolle öffentlicher Meinung bei Gerichtsprozessen im Ancien Régime hingewiesen zu haben.

    1 Vgl. bspw. Daniel Dessert, Argent, pouvoir et société au Grand Siècle, Paris 1984, S. 279–310; id., Fouquet, Paris 1987; Jean Meyer, Le cas Fouquet: faut-il réhabiliter Fouquet?, in: Chantal Grell, Klaus Malettke (Hg.), Les années Fouquet. Politique, société, vie artistique et culture dans les années 1650, Münster 2001 (Forschungen zur Geschichte der Neuzeit. Marburger Beiträge, 2), S. 11–34.

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    PSJ Metadata
    Christian Mühling
    Embezzlement and High Treason in Louis XIV’s France
    The Trial of Nicolas Fouquet
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Frankreich und Monaco
    Politikgeschichte, Rechtsgeschichte
    17. Jh.
    1600-1700
    Fouquet, Nicolas (118684302), Ludwig XIV., Frankreich, König (118816829), Frankreich (4018145-5), Prozess (4047577-3)
    PDF document pitts_muehling.doc.pdf — PDF document, 427 KB
    V. J. Pitts, Embezzlement and High Treason in Louis XIV’s France (Christian Mühling)
    In: Francia-Recensio 2017/1 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-1/fn/pitts_muehling
    Veröffentlicht am: 16.03.2017 12:08
    Zugriff vom: 17.01.2020 19:41
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