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C. J. Tozzi, Nationalizing France’s Army (Martin Rink)

Francia-Recensio 2017/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Christopher J. Tozzi, Nationalizing France’s Army. Foreign, Black, and Jewish Troops in the French Military, 1715–1831, Charlottesville, VA (University of Virginia Press) 2016, XII–306 p., ISBN 978-0-8139-3833-2, USD 45,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Martin Rink, Potsdam

»Söldner« gelten nicht als echte Soldaten, so will es die im 19. und frühen 20. Jahrhundert gepflegte Erzählung: Dienten erstere als »Ausländer« für Geld, so letztere als »enfants de la patrie«. Wirkungsmächtig denunzierte die Marseillaise die »féroces soldats« im Dienste ausländischer Tyrannen – und meinte auch die Männer, die im Ancien Régime einen beträchtlichen Teil der französischen Armee bildeten. »Pas d’argent, point de suisse« – das galt auch für die anderen Ausländer im Dienste der Könige von Frankreich.

Christopher Tozzi widmet seine Arbeit der multiethnischen Dimension der französischen Armee der Revolutionszeit und des Empire. Der im Titel angegebene Betrachtungszeitraum fokussiert sich bei genauerem Hinsehen auf den Zeitraum von 1789 bis 1815. Er zeigt die Armee als Laboratorium, Symbol und massenwirksame Wirkstätte der Nationalisierungsprozesse, die modellhaft im revolutionären Frankreich entwickelt, unter Direktorium, Konsulat und Empire konsolidiert und später in anderen Nationalstaaten der westlichen Welt adaptiert wurden. Der von Tozzi verwandte Ausdruck »Nationalizing the Army« bezeichnet einerseits den Verstaatlichungsprozess als Ausschaltung von korporativen Sonderrechten und von intermediären Gewalten wie der Regimentschefs. Andererseits wurden die Streitkräfte zum organisatorischen Fluchtpunkt der Nation in Waffen. Diese Homogenisierung unter nationalem Vorzeichen erfolgte keineswegs vollständig und war einer Vielzahl semantischer und realhistorischer Umbrüchen ausgesetzt, dies unterstreicht Tozzis Arbeit eindrucksvoll.

Nach einer konzisen Hinführung zum Thema (S. 1–11) schildert der Autor die Ausgangslage im Ancien Régime. In den zahlreichen Ausländerregimenter zählten namentlich Schweizer, Deutsche und Iren, aber auch Ungarn oder Männer aus Nordamerika, aus Afrika und den Kolonien. Ein Problem der ethnischen oder nationalen Qualifizierung des »ausländischen« Charakters dieser Truppenteile bestand zum einen darin, dass nicht wenige geborene Franzosen in diesen Verbänden dienten. Zum anderen blieb der Status von in Frankreich geborenen Söhnen ausländischer Soldaten unsicher, zumal dann, wenn diese den Beruf ihrer Väter ergriffen. Gleichwohl erblickte eine Vielzahl der militärischen Ausländer vor und während der Revolution Frankreich als ihre »Adoptivnation«; sie fühlten sich keineswegs als die Fremdkörper, zu denen sie der sich radikalisierende Diskurs der Revolutionäre stigmatisierte. Überdies verfügte Frankreich um 1789 noch über einen erheblichen Teil von Staatsbürgern, deren Muttersprache keineswegs das Französische war. Unabhängig davon, dass ausländische Soldaten auch dem revolutionären Frankreich meist zuverlässig dienten und teils pro-revolutionäre Einstellungen vertraten, gerieten sie im Verlauf der Radikalisierung der Revolution unter Druck. Zusätzlich zur Abschaffung aller korporatistischen Strukturen des Ancien Régime proklamierte der revolutionäre Diskurs die Verknüpfung von Staatsbürgerschaft und Militärdienst; beides war inkompatibel mit dem Konzept von Fremdenregimentern. Die Elite-Ausländerverbände der Monarchie zählten zu den Liebling-Hassobjekten im revolutionären Diskurs der nationalen Integrationsideologie. Diese letztlich xenophobe Grundhaltung der Revolutionäre verdrängte die anfangs kosmopolitische Befreiungsrhetorik (S. 52). Entsprechend wurden die Ausländerregimenter in reguläre Verbände umgewandelt, im August 1792 wurden als letzte auch die Schweizerregimenter aufgelöst (S. 78). Gleichzeitig aber bildeten sich pro-revolutionäre Ausländer-Legionen; teils stammten ihre Angehörigen aus später an Frankreich angegliederten Regionen wie die »Allobrogen« in Savoyen, teils waren es Sympathisanten aus Deutschland, Amerika und Italien. Vor allem aber strebten Polen danach, an der Seite Frankreichs für die Befreiung ihrer Nation zu kämpfen, wurden aber rücksichtslos für die Ziele der französischen Staatslenker eingespannt: Nach ihrem Einsatz in Italien wurde ein großer Teil der polnischen Legionäre ab 1804 zur Niederschlagung des Sklavenaufstandes in Saint-Domingue/Haïti eingesetzt, wo sie massenweise Tropenkrankheiten erlagen. Umgekehrt dienten auch Schwarze als Soldaten für Frankreich, so Thomas-Alexandre Dumas, der Vater des Romanciers Alexandre.

Vollends offenbarten sich die Grenzen des Pragmatismus in der Phase der Terreur. Die Verfolgung von Ausländern als potentielle Verräter erreichte ihren Höhepunkt ausgerechnet dann, als der Bedarf Frankreichs an Soldaten am größten war (S. 115). Unter den 1794 Hingerichteten befand sich der in Bayern geborene Marschall Johann Nikolaus Graf von Luckner – jener, dem die »Marseillaise« ursprünglich gewidmet war. Unter dem Direktorium mündeten die neukonzipierten staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten in der Loi Jourdan vom 5. September 1798, die zumindest theoretisch die ausnahmslose Militärdienstpflicht aller Franzosen proklamierte. Dies diente (wie bereits vorher etwa in Lothringen) der Integration vormals geografisch oder sprachlich-ethnisch randständiger Regionen und ihrer Einwohner; ein Konzept das sich in dem Maß ausweitete, in dem Frankreichs Grenzen expandierten. So definierte der vom Ersten Konsul Bonaparte erlassene Code civil 1801 eine sehr weite Zugehörigkeit zur französischen Nation – vor allem wegen des hohen Bedarfs an Wehrpflichtigen (S. 168f.). Ausländerverbände, soweit ihre Angehörigen nicht ohnehin nunmehr Franzosen waren, wurden dagegen mit wenig prestigeträchtigen Unterstützungsleistungen betraut, so etwa die gescheiterten Versuche zur Revolutionierung Irlands. Zudem bildeten sich in den revolutionären Schwesterrepubliken Legionen. In ähnlicher Weise wurden die Rheinbundtruppen Teil der französischen Militärmaschinerie. Echte Ausländerverbände gerieten so an den Rand. Umgekehrt verfügte Napoleon im April 1809 die »Nationalisierung« seiner Armee: Nun mussten alle geborenen Franzosen, die in fremden Armeen dienten, bei Todesstrafe nach Frankreich zurückkehren, unabhängig davon wie lange sie im Ausland gedient hatten (S. 190f.). Paradoxerweise dienten aber zahlreiche französische Offiziere in verbündeten Armeen, zumal des Rheinbundes, was die asymmetrischen Beziehungen im Empire unterstreicht. Nach den großen Niederlagen Napoleons im Herbst 1813 hatten die Ausländer konzeptionell für ihren Kaiser ausgedient. Er verfügte nun ihre Entwaffnung.

Das letzte, zeitübergreifend angelegte Kapitel Tozzis gilt Frankreichs jüdischen Soldaten. Quantitativ fiel die überproportionale Teilhabe der 71 000 Juden am französischen Militär nicht ins Gewicht. In dem Maße, in dem diese zu vollwertigen französischen Staatsbürgern avancierten, wurde dies den »Ausländern« abgesprochen. Fortwährend blieben Disparitäten zwischen Konzept und Realität angesichts der zahlreichen nicht (originär) französischen Soldaten der französischen Armee. Das Werk endet mit einem kurzen Abspann zu den Entwicklungen nach dem politischen Ende Napoleons. Nach 1815 wurden die Schweizerregimenter retabliert, 16 Jahre später folgte die Fremdenlegion. Dass diese nur wenig Ähnlichkeiten mit den prestigeträchtigen Ausländerregimentern des Ancien Régime aufwies, bestätigt Tozzis Nationalisierungsthese.

Man mag bedauern, dass nur wenig Zeitzeugnisse zitiert werden, die die Soldaten selbst zu Wort kommen lassen – das hätte das Werk aber wohl auch überfrachtet. Dieses einzige, letztlich geringfügige Monitum schmälert nicht den Wert dieser gründlich recherchierten, klar gegliederten und gut erzählten Arbeit.

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PSJ Metadata
Martin Rink
Nationalizing France’s Army
Foreign, Black, and Jewish Troops in the French Military, 1715–1831
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Frühe Neuzeit (1500-1789), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
Frankreich und Monaco
Militär- und Kriegsgeschichte
18. Jh., 19. Jh.
1715–1831
Frankreich (4018145-5), Armee (4143024-4), Soldat (4055409-0), Söldner (4055364-4), Ausländer (4003725-3), Juden (4028808-0), Schwarze (4116433-7), Napoleonische Kriege (4041216-7)
PDF document tozzi_rink.doc.pdf — PDF document, 266 KB
C. J. Tozzi, Nationalizing France’s Army (Martin Rink)
In: Francia-Recensio 2017/1 | Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500-1815) | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-1/fn/tozzi_rink
Veröffentlicht am: 16.03.2017 12:08
Zugriff vom: 07.08.2020 15:11
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