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    U. Gießmann, Der letzte Gegenpapst: Felix V. (Jörg Schwarz)

    Francia-Recensio 2017/1 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Ursula Gießmann, Der letzte Gegenpapst: Felix V. Studien zu Herrschaftspraxis und Legitimationsstrategien (1434–1451), Köln, Weimar, Wien (Böhlau) 2014, 410 S. (Papsttum im mittelalterlichen Europa, 3), ISBN 978-3-412-22359-5, EUR 71,90.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Jörg Schwarz, München

    Mitten in einer Zeit, in der der Begriff »Gegenpapst« völlig zu Recht mehr denn je infrage gestellt wird1, legt Ursula Gießmann (vormals Ursula Lehmann), in ihren Forschungen über den Gegenstand der Zunft gut bekannt, ihr Buch über Felix V. vor, den vormaligen Herzog Amadeus VIII. von Savoyen (1383–1451; Herzog seit 1416), der 1439 in einer ganz besonders schwierigen Situation der Kirchengeschichte vom Basler Konzil zum Papst gewählt wurde (in Konkurrenz zu Eugen IV.). Das Buch von Ursula Gießmann, eine an der Humboldt-Universität zu Berlin 2012 angenommene Dissertation, füllt eine schon seit Langem empfundene Forschungslücke. Obwohl die Geschichte des »duc qui devient pape« in den Grundzügen schon seit geraumer Zeit bekannt ist2, fehlte doch bislang eine neuere monografische Gesamtwürdigung – die gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen um den Begriff »Gegenpapst« umso unverzichtbarer erschien. Die lange (und für den Geschmack des Rezensenten zu stark zergliederte) Einleitung greift diese Problematik auf (v. a. S. 12f.) – wenn auch (dazu unten noch etwas mehr) zu kurz und zu unreflektiert.

    Dennoch: Was U. Gießmann im Folgenden vorlegt, ist nichts anderes als eine in sich geschlossene, um viele Neuerkenntnisse bereicherte Geschichte des Pontifikats Felix’ V. und seiner Voraussetzungen, und ganz gewiss handelt es sich bei ihrem Buch für die Geschichte des Basiliense und seines Personals um einen großen Fortschritt. Die Arbeit ist – von Einleitung und Schlusskapitel abgesehen – in drei große Abschnitte eingeteilt. Das erste dieser großen Kapitel (2) ist überschrieben mit »Von Ripaille nach Basel (1434–1440)«. Dabei geht es zunächst um Ripaille als dynastischen Memoria-Ort und »heimliche« Residenz, um Amadeus VIII. als Gesetzgeber und Ripaille als politisches Zentrum. Wesentlich für die Verfasserin erscheint, dass es sich bei Ripaille um ein langfristiges Projekt Amadeus’ VIII. zur Sicherung und Förderung der Memoria seines Hauses gehandelt habe. Ohne die hergebrachte Grablege in Hautecombe völlig aufzugeben, habe er versucht, ein eigenes Memorialzentrum zu schaffen und dieses als spirituellen Mittelpunkt zu etablieren (v. a. S. 140). Der archimedische Punkt der Biografie Amadeus’ – seine Papstwahl auf dem Basler Konzil 1439 – wird in Kapitel 2.4 abgehandelt. Ausführlich geschildert werden die Wahlannahme in Ripaille sowie die Bedingungen der provisorischen Residenz in Thonon.

    Im zweiten Hauptabschnitt (in der Zählung: 3), betitelt mit »Rom in Basel (1439–1442) «, untersucht U. Gießmann zunächst den Papsthof in Basel, sodann – anknüpfend vor allem an die grundlegenden Forschungen Claudius Sieber-Lehmanns3 – den Einzug Felix’ V. in der Stadt sowie die Papstkrönung auf dem Basler Münsterplatz. Während die neuere Forschung – vor allem natürlich C. Sieber-Lehmann – davon ausgeht, dass Felix V. und das Basler Konzil eine »Imitation Roms« betrieben haben, d. h. eine symbolische Aneignung des Basler Stadtraums nach römischem Vorbild, will U. Gießmann hier beweisen, dass Felix und seine Entourage dieses überörtliche Rom-Konzept vorrangig savoyisch ausformuliert haben. Die »deutlichen Überblendungen der herzoglich-savoyischen Herrschaftszeichen mit denjenigen der römisch-päpstlichen Tradition« (S. 145), die, so Gießmann, den Pontifikat Felix’ V. von Anfang an geprägt hatten, seien in der historischen Überlieferung nachweisbar und könnten somit als zentrale Legitimationsstrategie identifiziert werden. Weitere Untersuchungen in diesem Abschnitt gelten der liturgischen und akustischen Präsenz, den Kardinälen und den Behörden (der Kurie Felix’ V.), Dynastie und Diplomatie sowie – noch einmal – der »Savoyardisierung« Roms in Basel.

    Der dritte Hauptabschnitt (4) widmet sich dem Thema »Savoyen als Patrimonium Petri (1442–1449/51)«. Untersucht werden darin vor allem die Benefizien Felix’ V., die päpstlich-herzogliche Hofkultur am Genfer See, Savoyen als Heiliges Land und Patrimonium Petri (ergänzt um eine Analyse des um 1444 entstandenen Genfer Altars von Konrad Witz, bekannt unter dem Titel »Der wunderbare Fischzug«). Weitere Kapitel dieses Abschnitts widmen sich dem Ende des Pontifikats, Amadeus als Kardinal und Bischof von Genf, seinem Tod und Begräbnis sowie dem Papst und seinem Land, wobei – im Blick auf die von Felix V. im Laufe seines Pontifikats von der Basler Kirchenversammlung zur Deckung seiner finanziellen Bedürfnisse gewährte Erlaubnis, sich eine Reihe von Pfründen in Savoyen anzueignen – vor allem betont wird, dass die Repräsentation Felix’ als savoyischer Papst der hier hervortretenden Logik des Papstes als Territorialherr gehorcht habe.

    Ursula Gießmann hat – angesichts ihrer überzeugenden Vorarbeiten wenig überraschend – in ihrer Dissertation Grundlegendes geleistet. Die angestrebten Differenzierungen und Präzisierungen hinsichtlich des »savoyardischen Pontifikats« scheinen – auch wenn weitere Blickschärfungen im Vergleich mit dem vormaligen Tun Martins V. im Kirchenstaat erfolgen sollten – im Ganzen durchaus geglückt, und die Forschung über Felix V. wird zweifelsohne künftig von ihrem Buch ausgehen müssen. Dennoch bleibt es ein wenig zu bedauern, dass das Thema »Felix V. als letzter Gegenpapst« in einer Zeit in der Gesamtkonzeption der Arbeit nicht noch stärker durchgeschlagen ist. Konsequent wäre doch gewesen, wenn sich die Verfasserin das Konzept der Problematisierung des Begriffs »Gegenpapst« ganz zu Eigen gemacht hätte und der Begriff »Gegenpapst« im Titel der Arbeit am besten ganz weggelassen oder allenfalls (wenn auch weniger gut) in Anführungszeichen gesetzt worden wäre. So aber bedient der Titel nach wie vor das alte Klischee. Noch konsequenter wäre es gewesen, wenn sich diese Infragestellung in einem eigenen, vor allem die kirchengeschichtliche Rezeption betreffenden Kapitel in der Arbeit niedergeschlagen und dadurch deutlich gemacht hätte, wie sehr es sich bei dem Begriff »letzter Gegenpapst« um eine spätere Zuschreibung oder noch deutlicher gesagt um ein Verdikt handelt. Andernfalls hat das ganze Konzept doch gar keinen Sinn. Die Verfasserin schließt zwar ihr Buch mit einem (in meinen Augen: zu kurzen) Kapitel »Der letzte Gegenpapst« (S. 375–379), doch gerade hier, da so gut wie ganz rekurrierend auf die zeitgenössischen Strategien, vermisst man die Rezeptionsgeschichte. So aber hängt die – natürlich zentrale – Seite 12f., auf der die Problematik behandelt wird, innerhalb der Arbeit in der Luft. Schade, dass hier nicht wenigstens die Reihenherausgeber, die den aktuellen Diskurs um den Begriff »Gegenpapst« doch ganz wesentlich mittragen, eingegriffen haben.

    Auch hätte – der Meinung des Rezensenten nach – der Untertitel der Arbeit unbedingt der Possessivpronomen »seiner«/»seinen« bedurft, denn es handelt sich sowohl bei der »Herrschaftspraxis« wie auch bei den »Legitimationsstrategien« kaum um ein Absolutum, sondern um ein Spezifikum, wie die nachgestellten Pontifikatsjahre (sowie natürlich die gesamte Arbeit) bezeugen. Vor allem aber erscheint mir – und mit dem Vorstehenden durchaus verknüpft – die Behauptung, dass die Papstwahl im Konklave den legitimitätsstiftenden Akt für das Papsttum »schlechthin darstellte« und dass das Fehlen von Kardinälen im Basler Konklave daher letztlich ein fatales Legitimitätsdefizit für Felix V. bedeutet habe (S. 376), zu kurz gegriffen. Legitimität sieht – selbst beim formenstrengen Papsttum – dann doch wohl anders aus. Das hat die Verfasserin in ihrer Einleitung unter Verweis auf die Fixsterne Weber und Luhmann selbst so beschrieben.

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    PSJ Metadata
    Jörg Schwarz
    Der letzte Gegenpapst: Felix V.
    Studien zu Herrschaftspraxis und Legitimationsstrategien (1434–1451)
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Europa
    Kirchen- und Religionsgeschichte
    15. Jh.
    1434-1451
    Felix V., Antipapa, Papa (118686526), Pontifikat (4503264-6), Legitimation (4114382-6)
    PDF document giessmann_schwarz.doc.pdf — PDF document, 285 KB
    U. Gießmann, Der letzte Gegenpapst: Felix V. (Jörg Schwarz)
    In: Francia-Recensio 2017/1 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-1/ma/giessmann_schwarz
    Veröffentlicht am: 16.03.2017 11:58
    Zugriff vom: 07.08.2020 15:20
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