Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

    Stiftsbibliothek Sankt Gallen, Abracadabra – Medizin im Mittelalter (Isabella Radmann)

    Francia-Recensio 2017/1 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Stiftsbibliothek Sankt Gallen, Abracadabra – Medizin im Mittelalter. Sommerausstellung 8. März bis 6. November 2016, St. Gallen (Verlag am Klosterhof St. Gallen) 2016, 130 S., zahlr. farb. Abb., ISBN 978-3-905906-18-9, CHF 25,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Isabella Radmann, München

    Unter der Bezeichnung »brennendes Wasser« glaubte Magister Salernus um 1160, einen neuen Zustand des Wassers gefunden zu haben. Allerdings hatte er nach dem Studium naturwissenschaftlicher arabischer Schriften an einer der bedeutendsten medizinischen Schulen des Mittelalters in Salerno bei einem Experiment erfolgreich Alkohol destilliert. Diese »Essenz des Lebens« zeitigte erstaunliche Wirkungen: So schien sie bei Kranken die Lebensgeister wieder zu erwecken und trat ihren Erfolgszug als allgemeines Heilmittel durch Europa an. Unter Namen wie Aqua vitae, Aquavit, Eau de vie oder Uisga Beatha verbreiteten sich die hochprozentigen Destillate aus unterschiedlichsten Heilpflanzen und mit ihnen die Technik des Alkoholbrennens.

    Der Katalogband »Abracadabra« wurde von der Stiftsbibliothek St. Gallen anlässlich der dortigen Sommerausstellung 2016 gleichen Namens erstellt und um zwei Gastbeiträge ergänzt. Die Ausstellung speiste sich aus dem reichen Fundus der Stiftsbibliothek, sodass eine ganze Reihe von Codices und Abbildungen vom 9. bis zum 15. Jahrhundert zu unterschiedlichen Bereichen der mittelalterlichen Heilkunde gezeigt werden konnte. Der Katalog ist der Ausstellung entsprechend in acht verschiedene Themenbereiche zu medizinischen Praktiken und Vorstellungen im europäischen Mittelalter gegliedert. Dabei wird immer eine Abbildung aus einem Codex gezeigt und durch eine knappe, informative Erklärung ergänzt. Eine Einführung bietet zum einen der Beitrag des Medizinhistorikers Kay Jankrift über die frühmittelalterliche Heilkunde und zum anderen der Querschnitt durch die Entwicklung und den Nutzen von Heilpflanzen und Arzneimitteln von Frank Petersen vom Novartis Institute for BioMedical Research. Beide Texte betten den eigentlichen Ausstellungskatalog in einen medizinhistorischen Kontext ein und tragen zum besseren Verständnis der Ausstellung bei.

    Medizin im Mittelalter baute auf einer Basis aus überliefertem antiken Wissen auf und wurde vor allem in und von Klöstern tradiert, die dieses, mit christlichem Gedankengut angereichert, weiter nutzten. Dazu zählt vor allem die Viersäftelehre von Hippokrates und Galen, nach der der menschliche Körper aus Schleim, Blut, gelber und schwarzer Galle besteht, die im Krankheitsfall aus dem Gleichgewicht geraten sind. Als Benedikt von Nursia im Jahre 529 das erste Kloster gründete, trug er nicht nur zur Überlieferung und zum Erhalt des antiken Wissens bei, sondern legte in seiner Regel durch die Verpflichtung zur Krankenfürsorge den Grundstein für die institutionelle Krankenversorgung.

    Neben dem antiken Wissen und dem christlichen Gedankengut war ein weiterer Aspekt für die Medizin im Mittelalter zentral, der vielleicht bis heute im kollektiven Gedächtnis einen zu hoch bewerteten Stellenwert einnimmt: Magie, Wunder und Aberglaube. Sie erklärten alles, was man nicht verstehen konnte. So findet sich in einem ca. 860 geschriebenen Codex der Ratschlag, dass Wasser, in dem Blätter aus irischen Büchern aufgelöst worden waren, als Gegengift bei Schlangenbissen helfen würde. Ein weiterer Codex aus dem 9. Jahrhundert überliefert ein spätantikes Rezept gegen Malaria: Ein Zettel, auf den in einer bestimmten Art und Weise das Wort »Abracadabra« geschrieben wurde, sollte um den Hals getragen werden, um dadurch eine heilende Wirkung zu entfalten. Neben diesen ganz »praktischen« Tipps existierten viele religiöse Riten und der Glaube, dass letztlich die Heilung nur durch Gott selbst bewirkt werden könne.

    Der heutige Stand der Medizin ist – trotz dieser uns eher fremdartig erscheinenden Methoden und Vorstellungen – ohne die über Jahrtausende kontinuierlich andauernde Beschäftigung mit Heilkräutern und die Erforschung des menschlichen Körpers undenkbar. Viele der Quellen der mittelalterlichen Medizin sind noch nicht ediert oder genauer untersucht worden. Daher bietet dieser Ausstellungskatalog nicht nur einen gelungenen Einblick in die Schätze der St. Gallener Handschriftensammlung, sondern auch in das Themen- und Quellenspektrum der mittelalterlichen Medizingeschichte.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

    PSJ Metadata
    Isabella Radmann
    Abracadabra – Medizin im Mittelalter
    Sommerausstellung 8. März bis 6. November 2016, St. Gallen
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Schweiz
    Medizingeschichte
    Mittelalter
    500-1500
    Medizin (4038243-6), Handschrift (4023287-6)
    Stiftsbibliothek Sankt Gallen, Abracadabra – Medizin im Mittelalter (Isabella Radmann)
    In: Francia-Recensio 2017/1 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500) | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-1/ma/stiftsbibliothek-sankt-gallen_radmann
    Veröffentlicht am: 16.03.2017 12:01
    Zugriff vom: 22.09.2020 20:11
    abgelegt unter: