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P. Webster, King John and Religion (Jörg Peltzer)

Francia-Recensio 2017/1 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Paul Webster, King John and Religion, Woodbridge (The Boydell Press) 2015, XVI–250 p., 4 maps, 1 fig., 2 tabl. (Studies in the History of Medieval Religion, 43), ISBN 978-1-78327-029-3, GBP 60,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Jörg Peltzer, Heidelberg

Der englische König Johann (1199−1216) war nicht nur ein schlechter Herrscher, er war auch ein durch und durch gottloser König, so das verdammende Urteil der englischen Chronisten. Aber wie verhielt es sich tatsächlich mit Johann und der Religion? Dieser Frage geht Paul Webster in seinem Buch nach und stellt dabei gleich zu Beginn klar, dass es nicht darum gehen kann, in Johanns Herz schauen zu wollen. Stattdessen ist zu untersuchen, wie sich Johann im Vergleich zu seinen Vorgängern und Nachfolgern auf verschiedenen Feldern religiösen Handelns bewegte. Webster nimmt hierzu den Gottesdienst, die Heiligenverehrung, die Beziehungen zu kirchlichen Institutionen, die Gedächtnis- und Almosenstiftung sowie das Verhältnis zum Papst, in den Blick.

Er kann zeigen, dass die englischen Könige des 12. und 13. Jahrhunderts sich auf diesen Feldern innerhalb bestimmter Rahmen bewegten, sich Handlungsmuster etabliert hatten. Man kann geradezu von institutionalisiertem religiösem Handeln des Königtums sprechen. Johanns Verhalten, so Websters wesentliches Ergebnis, entsprach diesen Erwartungen in der Regel, er suchte also nicht bewusst den Bruch mit hergebrachten Konventionen. Er folgte dem Rhythmus der Kirchenfeste, besuchte Gottesdienste, gründete und unterstützte kirchliche Institutionen und stiftete für das Gedenken seiner Verwandten, insbesondere seiner gekrönten Familienmitglieder. Sein Bruder Gottfried und dessen Sohn Arthur, Johanns Rivale um den Thron, wurden freilich nicht bedacht. Sein politischer Umgang mit der Kirche war nicht von grundsätzlicher Feindseligkeit geprägt, sondern von Opportunismus und dem Pochen auf königlichen Prärogativen. In der Tat war es Johanns mangelnde Bereitschaft, vielleicht auch Unfähigkeit, sich neuen Entwicklungen anzupassen, mithin das Muster königlichen Verhaltens zu ändern, die zu Auseinandersetzungen mit dem Papsttum führten.

Beispielsweise ignorierte Johann die sich ändernde Rolle des Königs bei Bischofswahlen. Lange hielt er eisern am traditionellen Rollenverständnis der angevinischen Herrscher fest, Bischöfe nach eigenem Gutdünken bestimmen zu können, und provozierte damit den Konflikt mit dem Papsttum. Letztlich, so Websters Schluss, ist Johanns Reputation als gottloser Herrscher das Ergebnis fehlgeschlagener königlicher Propaganda. Der königliche Hof habe nicht genügend Integrationskraft entwickelt, nicht genügend Menschen an sich gebunden, die Johanns Religiosität in einem positiven Licht hätten darstellen können. Entscheidender aber war vielleicht ein anderer Aspekt, den Webster durchaus sieht, dem er aber nicht das stärkste Gewicht beimisst: Johanns politische Fehlschläge benötigten eine Erklärung, und die vielleicht einfachste Antwort auf die Frage nach dem Warum war der Verweis auf Gottes Ungnade. Diese wiederum konnte leicht mit Johanns Verhalten gegenüber der Kirche, insbesondere gegenüber Stephen Langton, begründet werden. So wurde aus einem erfolglosen König ein gottverlassener, da gottloser Herrscher. Websters detailreiche und auf intensiver Quellenarbeit basierende Studie differenziert dieses von den Chronisten entworfene Bild auf sehr fruchtbare Art und Weise.

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PSJ Metadata
Jörg Peltzer
King John and Religion
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Hohes Mittelalter (1050-1350)
Großbritannien
Politikgeschichte, Kirchen- und Religionsgeschichte
6. - 12. Jh., 13. Jh.
1167-1216
John I., England, King (118639927), Religion (4049396-9)
PDF document webster_peltzer.doc.pdf — PDF document, 246 KB
P. Webster, King John and Religion (Jörg Peltzer)
In: Francia-Recensio 2017/1 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500) | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-1/ma/webster_peltzer
Veröffentlicht am: 16.03.2017 12:01
Zugriff vom: 22.01.2020 19:28
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