Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

    J. Beck, B. Wassenberg (dir.), Vivre et penser la coopération transfrontalière (Ines Funk)

    Francia-Recensio 2017/1 19.‒21. Jahrhundert ‒ Époque contemporaine

    Joachim Beck, Birte Wassenberg (dir.), Vivre et penser la coopération transfrontalière (Volume 6): Vers une cohésion territoriale? Contributions du cycle de recherche sur la coopération transfrontalière de l’université de Strasbourg et l’Euro-Institut, Stuttgart (Franz Steiner Verlag) 2014, 377 p., 38 b/w ill. (Studien zur Geschichte der Europäischen Integration (SGEI)/Études sur l’histoire de l’Intégration européenne [EHIE]/Studies on the History of European Integration [SHEI], 26), ISBN 978-3-515-10964-2, EUR 62,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Ines Funk, Saarbrücken

    Der Sammelband »Vers une cohésion territoriale?« ist der letzte Band der Reihe »Vivre et penser la coopération transfrontalière/Grenzüberschreitende Zusammenarbeit leben und erforschen«, die auf einen Forschungszyklus des Historischen Forschungszentrums und des Forschungszentrum FARE der Universität Straßburg, des Euro-Instituts in Kehl sowie des Pôle européen d’administration publique de Strasbourg zurückgeht. Er besteht aus Beiträgen des im Jahr 2010 stattfindenden Abschlusskolloquiums des Projekts.

    Die Herausgeber Joachim Beck und Birte Wassenberg, deren Arbeitsgebiete die Europäische Integration und die grenzüberschreitenden Zusammenarbeit sind, haben ein internationales Autorenteam versammelt. Die Aufsätze sind in Französisch, Deutsch oder Englisch verfasst, die einführenden Abschnitte und das Fazit liegen in allen drei Sprachen vor. Der Verlag ordnet die Publikation der Disziplin Geschichte zu. Unter den 21 Autoren sind jedoch viele Sozialwissenschaftler und Geographen sowie Verwaltungsangehörige vertreten.

    Der Sammelband möchte die These, dass Grenzregionen in der EU eine wichtige Rolle für den territorialen Zusammenhalt spielen, überprüfen. Eine innovative und erfolgreiche grenzüberschreitende Zusammenarbeit ist nach Ansicht von Joachim Beck eine Voraussetzung für das Gelingen von Kohäsion und Integration in der EU. Weiterhin stellt die Publikation die Frage, ob es in Grenzregionen gelingt, neue Governance-Formen zu entwickeln. Können die Beiträge also aufzeigen, dass die grenzüberschreitende Zusammenarbeit maßgeblich zum territorialen Zusammenhalt in der EU beiträgt sowie neue Governance-Formen hervorbringt und Grenzregionen damit zu Recht als europäische Modellregionen bezeichnet werden können?

    Die ersten zwei Abschnitte des Bands beschäftigen sich mit Beispielen der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit in Europa – sie konzentrieren sich auf Grenzen mit einer langen Tradition der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. Der dritte Abschnitt enthält theoretische Überlegungen und ist als Blick in die Zukunft zu verstehen. Die im ersten Abschnitt »Governance und Netzwerkbildung in grenzüberschreitenden Regionen« vorgestellten Beispiele verdeutlichen, dass in vielen Grenzregionen – unabhängig von der Dauer und dem Umfang der grenzüberschreitenden Kooperation und dem Grad der Institutionalisierung – v. a. die Vielfalt der beteiligten Akteure, institutionelle Asymmetrien und die Diversität der Verwaltungssysteme den Wunsch nach einer stärkeren grenzüberschreitenden Governance auslösen. Ob der Europäische Verbund für Territoriale Zusammenarbeit hierfür einen geeigneten Lösungsansatz darstellt, ist unter den Autoren umstritten. Einige Beispiele weisen bereits auf die Bedeutung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit für die Förderung der Kohäsion hin, z.B. bei der Entwicklung ländlicher Regionen an der Ostgrenze der EU oder der Schaffung eines grenzüberschreitenden bassin de vie in den Pyrenäen.

    Dieser Zusammenhang wird im zweiten Abschnitt »Grenzüberschreitende Gebiete als Modell für die territoriale Kohäsion« in konzeptioneller und empirischer Hinsicht vertieft. Der erste Aufsatz erläutert den Aufstieg des Begriffs der territorialen Kohäsion in der EU und definiert ihn als »justice spatiale«, »dimension territoriale du développement durable« und »dimension territoriale du ›modèle social européen‹«(S. 156f.). Die folgenden, empirisch orientierten Beiträge setzen sich mit den metropolitanen Räumen und grenznahen Städten am Oberrhein auseinander und zeigen, dass die grenznahen Metropolen für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit am Oberrhein große Bedeutung haben – auch wenn das Engagement für die Kooperation häufig v. a. der Profilierung im nationalen und europäischen Städtewettbewerb dient. Daneben ist die Divergenz in vielen metropolitanen Grenzregionen ein Motor für grenzüberschreitende Interaktionen und fördert dort die Konvergenz. Aus der Unterschiedlichkeit gehen gleichzeitig auch Herausforderungen hervor, wie das Beispiel der Rheinbrücken und die Probleme beim Ausbau der grenzüberschreitenden Verkehrsverbindungen illustrieren. Das Beispiel der Life-Sciences in der Euregio Maas-Rhein zeigt, dass auch ähnliche Strukturen und Strategien beiderseits der Grenze keine Garantie dafür sind, dass sich ein grenzüberschreitendes Netzwerk bildet. Insgesamt zeichnet sich ab, dass v. a. pragmatische Projekte erfolgsversprechend sind und eine konsequente Ausrichtung der Kooperation auf konkrete Ziele die territoriale Kohäsion unterstützen könnte.

    Welche Empfehlungen werden im dritten Abschnitt »Die Zukunft der Forschung und Bildung zur grenzüberschreitende Zusammenarbeit« aus diesen Ergebnissen abgeleitet? Erstens wird die Entwicklung von Aus- und Weiterbildungsangeboten gefordert, die für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit qualifizierte Spezialisten hervorbringen. Die zweite Empfehlung bezieht sich auf die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Thematik, ist vielschichtiger und beruht auf der Diagnose, dass trotz zahlreicher Publikationen und Projekte Forschungsdefizite bestehen. Um diese zu beheben, wird eine intensivere intellektuelle Auseinandersetzung mit der Rolle und Funktion von Grenzen angeregt. Des Weiteren wird die Suche nach gemeinsamen Forschungsfragen und -methoden als notwendig erachtet, um von einer pluridisziplinären Forschung zu einer wirklich interdisziplinären überzugehen. Die Vorschläge zur Ausrichtung der Forschung sind ambivalent: Einerseits wird ein Wandel von der empirischen Forschung zur Theoriebildung gefordert, andererseits eine anwendungsorientierte Forschung und die Verbesserung der Datenbasis präferiert.

    Die Schlussfolgerungen der beiden Herausgeber zeigen, dass in vielen Fällen die gleichen Probleme die grenzüberschreitende Governance herausfordern. Als Lösungsansatz wird eine »horizontale Subsidiarität« (S. 347) vorgeschlagen, um eine klarere Arbeitsteilung zu erreichen. Das Fazit bezüglich der Kohäsion ist von Skepsis geprägt: Die Beiträge zeigten, dass die Grenzregionen »(noch) keine überragende Rolle bei der Förderung der territorialen Kohäsion in Europa spielen« (S.364).

    Die Beiträge sind nicht nur bezüglich ihrer Herangehensweise – was das zugrundeliegende Forschungsprojekt explizit anstrebt – und ihres Innovationpotentials sehr heterogen, sondern auch hinsichtlich ihres Beitrages zur Beantwortung der beiden Forschungsfragen. In ihrem Fazit gelingt es Birte Wassenberg, für jeden Aufsatz einen Bezug zur titelgebenden Kohäsion herzustellen, obwohl einige der Autoren das Thema nur tangieren. Dabei böten z. B. die theoretischen Ausführungen von Jean Peyrony zu den Zusammenhängen zwischen Grenzen und Kohäsion viele Anknüpfungspunkte. Dem Leser bleibt es in einigen Fällen stattdessen selbst überlassen, den Bezug zur Kohäsion herauszuarbeiten. Viele der Beiträge überzeugen jedoch, die Autorinnen und Autoren stellen relevante sowie inspirierende Ergebnisse dar und möchten die Forschung offensichtlich in empirischer und konzeptioneller Hinsicht voranbringen.

    Der Sammelband ist trotz des pessimistischen Fazits kein Abgesang auf die grenzüberschreitende Kooperation, sondern ein Plädoyer dafür, sich sowohl in der Wissenschaft als auch in der Praxis (noch) intensiver mit der grenzüberschreitenden Kooperation auseinanderzusetzen und ihre Potenziale auszuschöpfen. Seit 2010 konnten hier durchaus Fortschritte erzielt werden. Die Frage des territorialen Zusammenhalts in der EU hat seit dem Erscheinen des Sammelbands nichts von seiner Aktualität eingebüßt.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

    PSJ Metadata
    Ines Funk
    Vivre et penser la coopération transfrontalière
    6: Vers une cohésion territoriale?
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    Europa
    Politikgeschichte
    20. Jh., 21. Jh.
    Europäische Union (4131753-1), Grenzüberschreitende Kooperation (4194363-6), Frankreich (4018145-5), Deutschland (4011882-4), Schweiz (4053881-3)
    PDF document beck_funk.doc.pdf — PDF document, 343 KB
    J. Beck, B. Wassenberg (dir.), Vivre et penser la coopération transfrontalière (Ines Funk)
    In: Francia-Recensio 2017/1 | 19.-21. Jahrhundert - Époque contemporaine | ISSN: 2425-3510
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-1/zg/beck_funk
    Veröffentlicht am: 16.03.2017 12:21
    Zugriff vom: 07.08.2020 14:08
    abgelegt unter: