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C. Wienand, Returning Memories (Byron Schirbock)

Francia-Recensio 2017/1 19.‒21. Jahrhundert ‒ Époque contemporaine

Christiane Wienand, Returning Memories. Former Prisoners of War in Divided and Reunited Germany, Rochester, NY (Camden House) 2015, XVI–346 p. (German History in Context), ISBN 978-1-57113-904-7, GBP 60,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Byron Schirbock, Köln

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren mehrere Millionen deutsche Soldaten als Kriegsgefangene der Siegermächte auf verschiedenen Kontinenten interniert worden. Während die Westalliierten bis Ende 1948 alle Kriegsgefangenen entließen, dauerte es bis 1955, ehe die letzten Überlebenden aus den Lagern in der Sowjetunion zurückkehren konnten. Einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis errangen vor allem die über zwei Millionen Heimkehrer aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft.

Nun sind die Heimkehrer eine nicht gerade wenig erforschte Gruppe, viel ist in den letzten Jahren zu ihnen publiziert worden. Die vorliegende Arbeit, eine am University College London bei Mary Fulbrook entstandene Dissertation, versucht durch die Beantwortung der Frage, wie und durch welche Umstände die Erfahrung der Kriegsgefangenschaft sich in das individuelle und das kollektive Gedächtnis einschrieb, eigene Wege zu gehen. Christiane Wienand hat dazu nicht nur reichlich und aus einer Vielzahl von Archiven geschöpft, sondern auch 27 Oral-History-Interviews geführt. Entstanden ist eine mit 230 Seiten eng gedrucktem Text und 70 Seiten Endnoten kompakte und überaus gesättigte Darstellung.

Wienands Studie setzt mit der Rückkehr der letzten Heimkehrer 1955 an und reicht bis in die Gegenwart, nimmt also einen sehr langen Zeitraum in den Blick. Sie betrachtet BRD und DDR vergleichend und betont die grundsätzliche Asymmetrie zwischen beiden Ländern durch jeweils eigene politische Zäsuren, den Wandel der Erinnerungskulturen und die sich verändernde Rolle der Medien. Auch wird von ihr der Begriff »Heimkehrer« selbst problematisiert, der, weil vor allem in der BRD geprägt, analytisch unscharf und daher eher wenig geeignet sei, auf diese Weise alle aus der Kriegsgefangenschaft nach Deutschland zurückkehrenden Männer zu bezeichnen. Sie selbst verwendet den englischen Begriff »returnees«, der auch in seiner deutschen Variante (Rückkehrer) allerdings auch nicht wirklich präziser ist.

Die Autorin verfolgt vier Stränge, die sich in der Kapiteleinteilung des Buches spiegeln. Zunächst geht es im ersten Kapitel um die Untersuchung massenmedialer Repräsentationen der Heimkehrer. In beiden deutschen Staaten wurden sie weniger als Individuen wahrgenommen denn vielmehr als eine Schicksalsgemeinschaft die im jeweiligen Land zu einem spezifischen Mythos beitrug, dem der »antifaschistischen Rück-/Heimkehrer« in der DDR und jenem von der »sauberen Wehrmacht« im Westen. Während mit der Rückkehr der letzten Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion in der Bundesrepublik ein regelrechter Presseboom einsetzte, blieb es im Osten öffentlich eher still um die Heimkehrer. Konkret spürt Wienand den Figurationen von Heimkehrern nach und konzentriert sich dabei auf drei wichtige Entwürfe: jene des Heimkehrers als Täter, als Opfer und als Helden.

Pauschal und vor allem die Diktion der Sowjetunion aufgreifend verstand die SED im Osten die deutschen Kriegsgefangenen als Kriegsverbrecher, denen allerdings durch die Hinwendung zum Antifaschismus die Chance geboten wurde einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen. Daraus schöpfe die DDR auch ihren Anspruch eines Neubeginns. Im Westen war trotz einer pluralistischeren Medienlandschaft schnell ein klarer Entwurf von der sauberen Wehrmacht und der verbrecherischen SS tragend. Täter waren mithin vor allem jene, die in der Gefangenschaft zu Ungunsten der Kameraden gehandelt haben. Selbst die Thematisierung von Kriegsverbrechern unter den letzten Rückkehrern 1955 bestätigte öffentlich schließlich nur, dass wirkliche Täter letztlich eine kleine Gruppe der Heimkehrer ausmachten. Als Opfer tauchten in den Medien der DDR – wenn überhaupt – nur Kommunisten auf, in Zusammenhang mit Heimkehrern sei die Bezeichnung gar nicht benutzt worden. Hingegen war Opfersein in der BRD eine Zuschreibung auf mehreren Ebenen.

Öffentlich verhandelt wurde besonders die Rückkehr in die Familie und die Herausforderung des Wiederzueinanderfindens. An Dynamik gewann der Opferdiskurs durch die Rezeption von Fersehserien wie »Holocaust«. Viele Heimkehrer fühlten sich als Täter gebrandmarkt und machten umso stärker ihren Status als Opfer geltend. Das Heldennarrativ ist die einzige stark auch in den ostdeutschen Medien verhandelte Variante von Kriegsgefangenschaft, da sie die heldenhafte Transformation hin zum Antifaschismus während der Zeit im Lager mit einer Erzählung vom anschließenden Aufbau der Gesellschaft in der DDR verband. In Westdeutschland gab es mehrere, zum Teil sich überlagernde Komplexe, die besonders durch belletristische und cineastische Bearbeitung Verbreitung erfuhren, allen voran den erfolgreichen Ausbrecher als Heldenfigur. Weiterhin wurde auch hier wie in der DDR, allerdings unter entsprechend anderen Vorzeichen, die Integration in den neuen Alltag und die Rückkehr zur Familie heroisiert. Wienand betrachtet diese Figurationen aber nicht isoliert, sondern betont überzeugend deren Verwobenheit miteinander im jeweiligen Diskurs. Vor allem über die Grenzen beider Länder hinaus werden gegenseitige Bezugnahmen und Abgrenzungen im Täter-Opfer-Schema deutlich.

Im zweiten Kapitel stehen die politischen Debatten über die Entschädigungen der Heimkehrer im Zentrum, die so Wienand, ein narratives Gerüst für die Formierung von Erinnerung geschaffen haben. Sie begreift sie daher als »political arenas of memory«. Auch hier bleiben die Ausführungen zur DDR knapp, eine Entschädigung geschweige denn eine Debatte darum habe es bis 1990 schließlich nicht gegeben. Dafür konnten nach der Wiedervereinigung auch in den neuen Bundesländern ehemalige Kriegsgefangene vom bereits seit 1954 in der BRD geltenden Kriegsgefangenenentschädigungsgesetz profitieren. Im Ringen um Entschädigungen, die mitunter als Reparationen und durch Vergleich mit Zwangsarbeitern geltend gemacht wurden, blieb die durch die Lobbyorganisation des Verbands der Heimkehrer vorgetragenen Entwürfe von Opfersein dominant.

Um individuelle Narrative und ihre Transformation geht es im dritten Kapitel. Wienand argumentiert anhand der geführten Interviews, dass, anstatt nur öffentliche Diskurse zu spiegeln, die persönlichen Erinnerungen wesentlich vielfältiger und vor allem identitätsbildend waren. Anhand des Narrativs der Wandlung bzw. Konversion zeigt sie auf, welche hohe Bedeutung der Zeit der Kriegsgefangenschaft unter dem Signum einer Transition beigemessen wurde. Entsprechend unterstützt Wienand auch Konrad Jarauschs These von der »kritischen Wandlungsgesellschaft« der Deutschen nach 1945. In der DDR habe sich diese in Form der »Wandlungsliteratur« Bahn gebrochen durch Zustimmung zum einzig öffentlich legitimen Motiv der antifaschistischen Konversion, wie die Autorin an der Autobiografie »Die Nacht der Entscheidung« von Bernt von Kügelgen aufzeigt. In Westdeutschland hingegen wurden die Erfahrung der Kriegsgefangenschaft in Lagern der Westalliierten stärker unter der Wandlung hin zur Demokratie begriffen, während die öffentlich wesentlich dominanteren Erfahrungen von der Internierung in der Sowjetunion als sinnlose Schinderei und entsprechend größeres Opfer durch individuelle Stimmen repräsentiert war. In jedem Fall halfen, so Wienand, die Narrative der Konversion den Übergang in eine neue Gesellschaftsordnung für das Selbst und die eigene Identität neu zu formieren und sich entsprechend an die veränderten politisch-sozialen Rahmungen anzupassen. Durch den Mauerfall geschah dies für jene Heimkehrer in der DDR gewissermaßen ein zweites Mal, die Autorin spricht von »reunified identities«.

Im vierten Kapitel geht es schließlich um weitere Projekte der Erinnerungsproduktion, allen voran durch Akteure wie den Verband der Heimkehrer (VdH). Wienand beschäftigt hier besonders die Frage wie Heimkehrer mit Erinnerungsorten umgegangen sind. Bedingt durch politische Rahmensetzungen spielt die DDR hier so gut wie keine Rolle. In der alten Bundesrepublik und nach 1990 dann auch im Osten, repräsentierten die vielen durch den VdH oder lokale Initiativen errichteten Denkmäler das Opfernarrativ. Am Beispiel des »Feld des Jammers« zeigt Wienand, wie mit der Errichtung des Denkmals öffentliche Debatten verknüpft waren, die stellenweise Heimkehrer in die Nähe von NS-Verfolgten wie Inhaftierte der Konzentrationslager setzten. Die Besuche der Erinnerungsorte, seien sie organisiert oder individuell, fungierten durch die Anwesenheit der Angehörigen als »intergenerationeller Transmissionsriemen«. Traditionsverbände und Lobbyorganisationen wie der VdH boten vielen Heimkehrern ein soziales zu Hause und wirkten als »memory agents« in Form der öffentlichen Adressierung von Forderungen und Anerkennung des Opferstatus, genauso wie durch Ausstellungen und gemeinsame Fahrten zu Erinnerungsorten.

Abschließend stellt Wienand fest, dass in Westdeutschland statt einer »Privatisierung der Kriegsfolgen« seit den 1950er Jahren die Heimkehrer ein Dauerthema waren, wenn auch mit changierender Intensität. Während sich in der DDR mit dem offiziellen Bild des antifaschistischen Heimkehrers ein Integrationsangebot an die ehemaligen Kriegsgefangen bot, war der Diskurs in der BRD weniger stark durch einseitige Machtgefälle bestimmt. Tonangebende Akteure hatten, so Wienand, keinerlei Hemmungen, Heimkehrer als Opfer darzustellen, die, so die Legendenbildung, vom Staat und von der Gesellschaft vergessen worden seien.

Die Autorin arbeitet gut die Rollen einzelner Akteure heraus, sie geht mit den Quellen insgesamt sehr behutsam um und ist sich der entsprechenden Belastbarkeit und Reichweite sehr wohl bewusst. Handwerklich gibt es an der Studie insoweit wenig auszusetzen. Allerdings kommt die DDR insgesamt doch etwas zu kurz. Die Asymmetrie der Repräsentation der Heimkehrer zwischen Ost und West aufgrund der unterschiedlichen Rahmenbedingungen wird zwar mehrfach thematisiert, taucht aber mal als Annahme, mal als These und schließlich auch als Befund auf. Das wirft die Frage auf, ob nicht bereits durch die Anlage der Arbeit und des Vergleichs das Ergebnis vorgezeichnet war. Es mag sein, dass es in der DDR keine vergleichbaren Aushandlungsprozesse zwischen Politik, Medien und Lobbygruppen bezüglich der Heimkehrer und ihrer Forderungen gegeben hat. Zwar berücksichtigt Wienand die Zäsur der Wiedervereinigung hinreichend und kann aufzeigen, dass Betroffene in Ostdeutschland sich nun nicht nur als Betroffene dazu frei äußern konnten, sondern auch dem einstigen Westverband VdH nun neues politisches Gewicht zukommen ließen. Doch bleibt die Feststellung, dass Heimkehrer im Osten entweder im Sinne der Selbstintegration und Adaption das hohe Lied des Antifaschismus einstimmen konnten oder aber über ihre Erinnerungen schweigen mussten, unbefriedigend.

Auch wenn Christiane Wienands Studie eine klassische Erzählung von den Unterschieden zwischen BRD und DDR fortschreibt und nicht immer Neues zu präsentieren vermag, so ist das Buch aufgrund seiner insgesamt sehr gelungenen Analyse der Narrative lesenswert. Die komplexe Formierung von Erinnerung mittels plausibler Schneisen zumindest in Teilen nachvollzogen zu haben, ist das Verdienst dieses Buchs.

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PSJ Metadata
Byron Schirbock
Returning Memories
Former Prisoners of War in Divided and Reunited Germany
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
Deutschland / Mitteleuropa allgemein
Sozial- und Kulturgeschichte
20. Jh.
Deutschland (4011882-4), Heimkehrer (4024141-5), Erinnerung (4015272-8), Kollektives Gedächtnis (4200793-8)
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C. Wienand, Returning Memories (Byron Schirbock)
In: Francia-Recensio 2017/1 | 19.-21. Jahrhundert - Époque contemporaine | ISSN: 2425-3510
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-1/zg/wienand_schirbock
Veröffentlicht am: 16.03.2017 12:25
Zugriff vom: 16.07.2020 06:59
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