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D. A. Bell, Napoleon (Gabriele B. Clemens)

Francia-Recensio 2017/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

David A. Bell, Napoleon. A Concise Biography, New York (Oxford University Press) 2015, XII–139 p., ISBN 978-0-19-026271-6, USD 18,95.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Gabriele B. Clemens, Saarbrücken

Napoleon ist gewiss einer der »großen Männer«, die Geschichte machten und vor allem männliche Historiker faszinieren. Über ihn wurden bereits ganze Bibliotheken geschrieben. Der Autor wirft dann auch zu Beginn seines Buches die berechtigte Frage auf, warum wir nun noch eine weitere biographische Skizze zu seiner Person benötigen. Bell wendet sich mit seinem kleinen Buch explizit an ein größeres Publikum. Ausgewiesene Kenner der napoleonischen Geschichte werden auf den vorliegenden 113 Seiten wenig Neues erfahren. Um die enorme Stoffmenge zu meistern, spitzt der Autor sein Thema auf folgendes Interpretationsmuster zu: Die Revolution und vor allem die Revolutionskriege hätten völlig neue Karrieremöglichkeiten gerade im Bereich des Militärs ermöglicht, was Napoleon brillant auszunutzen gewusst hätte. Er sei ein »Produkt« des »totalen« Kriegs, er würde sein Meister werden und am Ende sein Opfer sein (S. 13). Weiterführende Überlegungen, ob und warum man die Koalitionskriege als »totale« Kriege bezeichnen sollte, fehlen. Begründet wird diese Interpretation immer wieder mit den extrem hohen Opferzahlen bei den Schlachten; auf vielen Seiten werden Gewaltexzesse breit dargestellt. Aber waren diese Grausamkeiten wirklich so charakteristisch für die Kampfhandlungen der französischen Truppen, wie hier suggeriert wird? Nach einer konzisen Einleitung folgt der Leser chronologisch Aufstieg und Niedergang Napoleons. Im Epilog thematisiert Bell dessen Rezeption nach Waterloo. Das Regierungssystem ordnet er dem Absolutismus zu, seine Gegner versuchte Napoleon mit harter Zensur und Bespitzelung in Schach zu halten, und natürlich ist er nicht mit Stalin oder anderen Diktatoren des 20. Jahrhunderts zu vergleichen (S. 53).

Thematisiert wird weiterhin Napoleons großes Engagement im Bereich der Kodifizierung des liberalen Rechts und der Aufbau seines Herrschaftssystems nach rationalen Kriterien. Das von Napoleon eingeführte Präfekturwesen besteht bis zum heutigen Tag. Des Weiteren bietet der Band interessante Hinweise zu Napoleons Prestigepolitik. Er versuchte das Defizit als monarchischer Emporkömmling aus niederem Provinzadel mit seiner repräsentativen Bau- und Kunstpolitik sowie höfischem Gepränge vergeblich zu übertünchen. Das alles half wenig, er war zu militärischen Siegen gleichsam »verdammt«. Aufgrund seines Leitfadens widmet Bell folgerichtig Napoleons militärischem Genie und den Feldzügen breiten Raum. Doch auch gesellschaftliche und wirtschaftliche Themen werden angeschnitten, wobei es gerade in diesen Feldern zu leicht schiefen Darstellungen kommt. Napoleon rührte nicht an den wesentlichen Errungenschaften der Französischen Revolution. Auch die Versteigerungen von enteignetem Kirchengut wurden fortgeführt. Hauptnutznießer dieser Besitzumschichtung waren aber nicht in erster Linie die vermögenden Bauern, sondern die reichen Notabeln, auf die Napoleon zur Stabilisierung seiner Herrschaft angewiesen war (S. 56). Zudem gab es keine Steuer auf Einkommen, sondern auf Grundbesitz, der in Frankreich noch lange über politische Partizipation, Ansehen und Kreditfähigkeit entscheiden sollte.

Darüber hinaus tradiert Bell den Mythos vom Befreiungskrieg weiter, der von Ute Planert schon vor zehn Jahren dekonstruiert wurde (S. 89). In der preußischen Armee spielten ab 1813 Freiwillige nur sehr kurz eine untergeordnete Rolle. Auch diese Koalitionskriege waren immer noch Kabinettskriege alten Musters, und die Offiziere Friedrich Wilhelms III. hatten wenig Interesse an der militärischen Unterstützung durch unkontrollierte Freischärler. Auffallend ist, dass auf der Liste mit weiterführender Literatur nur zwei Titel von Jean Tulard und einer von Jacques Olivier Boudon in französischer Sprache empfohlen werden, obwohl gerade letzterer in jüngster Zeit zahlreiche Studien zu Militär, Umgang mit Gefangenen sowie zur Polizei vorgelegt hat. Das mag natürlich der Tatsache geschuldet sein, dass Bell sich mit seiner Studie an eine größere Öffentlichkeit richtet. Für diese historisch interessierten Leser legt er mit seiner Biografie eine sehr gut lesbare Studie vor, brillant im Stil und spannend geschrieben. Aufgelockert wird der Text durch zahlreiche pointierte Zitate und Abbildungen.

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/

PSJ Metadata
Gabriele B. Clemens
Napoleon
A Concise Biography
de
CC-BY 4.0
Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
Europa
Familiengeschichte, Genealogie, Biographien
Neuzeit bis 1900
1769-1821
Napoléon I., Frankreich, Kaiser (118586408)
PDF document bell_clemens.doc.pdf — PDF document, 251 KB
D. A. Bell, Napoleon (Gabriele B. Clemens)
In:
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-2/fn/bell_clemens
Veröffentlicht am: 13.06.2017 15:16
Zugriff vom: 20.10.2020 22:33
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