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M. Biard, H. Leuwers (dir.), Danton (Guido Braun)

Francia-Recensio 2017/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Michel Biard, Hervé Leuwers (dir.), Danton. Le mythe et l’Histoire, Paris (Armand Colin) 2016, 234 p., ISBN 978-2-200-61413-3, EUR 24,90.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Guido Braun, Marburg

Georges Danton (1759–1794) zählt zweifellos zu den Protagonisten der Geschichte der Französischen Revolution. In der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts erhielt er durch das Drama Georg Büchners (1835) einen zentralen Platz in der Erinnerungskultur an die revolutionären Ereignisse des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Von der DDR-Forschung abgesehen, präferierten Öffentlichkeit, Politiker und Historiker in Deutschland auch im 20. Jahrhundert Danton gegenüber anderen führenden Akteuren der Revolution, namentlich Maximilien Robespierre. Dies gilt, wie Jean-Numa Ducange in seiner 2012 publizierten Studie »La Révolution française et la social-démocratie. Transmissions et usages politiques de l’histoire en Allemagne et Autriche (1889–1934)« zeigt, insbesondere auch für die deutsche Sozialdemokratie. Dennoch beschäftigt sich die jüngere deutsche Forschung wenig mit der Biografie und dem politischen Wirken Dantons sowie seinem Bild in der Nachwelt.

Generell lässt sich nach dem Bicentenaire von 1989 und seinen Nachwirkungen ein Rückgang der Intensität deutschsprachiger Forschungen zur Französischen Revolution konstatieren, trotz einiger bedeutender jüngerer deutscher Arbeiten etwa zur Kulturgeschichte der Revolution oder den Memoiren zur Revolutionszeit sowie der Beiträge deutscher Wissenschaftler zur internationalen Revolutionsforschung. Insbesondere wäre hier das von Matthias Middell gemeinsam mit Alan Forrest 2016 herausgegebene, ungemein perspektivreiche Werk »The Routledge Companion to the French Revolution in World History« zu nennen. Dennoch illustriert der Vergleich zur intensiven französischen sowie angelsächsischen Publikationstätigkeit der vergangenen Jahre und Jahrzehnte, dass die Französische Revolution in der deutschen Geschichtswissenschaft keineswegs mehr einen so zentralen Forschungsgegenstand bildet wie noch bis um 1989, und auch ihre Akteure finden – jenseits einiger für ein breiteres Publikum konzipierter Biografien – im internationalen Vergleich wenig Beachtung.

Als umso gewinnbringender erweist sich die Konsultation der jüngeren französischen und englischsprachigen Forschungsliteratur. Selbst bei (scheinbar) bekannten Protagonisten der Revolutionsgeschichte vermag die Forschung neue und originelle Wege zu gehen, nicht nur wenn (wie im Falle Robespierres) ein jahrhundertelang verschollener Quellenbestand entdeckt wird. Einen die Haupterkenntnisse früherer Forschungen bündelnden, sich in Kontroversen behutsam, aber klar positionierenden und die Forschungsdiskussion weiterführenden Sammelband über Georges Danton haben mit Michel Biard und Hervé Leuwers nun zwei in den vergangenen Jahren höchst produktive französische Revolutionshistoriker vorgelegt. 2014 erschien ihr sehr überzeugender Sammelband »Visages de la Terreur. L’exception politique de l’an II«, 2013 das von ihnen gemeinsam mit Philippe Bourdin und Pierre Serna herausgegebene Sammelwerk »1792. Entrer en république«. 2014 trat Leuwers zudem mit einer Robespierre-Biografie hervor, die zu den herausragenden einschlägigen Veröffentlichungen der letzten Jahrzehnte zählt, Biard 2015 mit einer für die Kultur-, Sozial- und Akteursgeschichte der Französischen Revolution höchst aufschlussreichen Monografie »La Liberté ou la mort. Mourir en député, 1792–1795«.

In ihrem nun erschienenen »Danton« nehmen Herausgeber und Autoren eine doppelte Perspektivierung vor, die dessen Leben und Wirken sowohl im zeitgenössischen Kontext untersucht als auch die verschiedenen Facetten der von der Nachwelt entwickelten Danton-Bilder sowie die Prozesse und Ergebnisse der Mythenbildung um Danton dekonstruiert. Insofern lässt sich ihr Werk mit dem 2013 von Marc Belissa und Yannick Bosc zu einem anderen Protagonisten der Revolutionsgeschichte vorgelegten Sammelband »Robespierre. La fabrication d’un mythe« oder mit dem 2014 in zweiter Auflage von Michel Biard und Philippe Bourdin herausgegebenen Sammelwerk »Robespierre. Portraits croisés« vergleichen.

Die vierzehn Beiträge (nebst Einleitung) des hier rezensierten Sammelbandes eröffnen ein breites Panorama von Dantons sozialem Aufstieg aus einfachen Verhältnissen zum Anwalt – avocat ès Conseils du roi – vor 1789 (Philippe Tessier) und seinem Weg zum Revolutionär (Haim Burstin) über das Verhältnis des Ministers und Konventspräsidenten Danton zum Theater sowie die spätere Verarbeitung des historischen Stoffes seines revolutionären Wirkens auf der Bühne (Philippe Bourdin) bis hin zur berühmten Kontroverse zwischen Alphonse Aulard und Albert Mathiez um die Deutung Dantons und der Französischen Revolution (Alric Mabire) sowie einer Dekonstruktion der Mythenbildung um seine Person und Politik (Annie Duprat und Pascal Dupuy).

Obgleich ein Sammelband, an dem fünfzehn Autorinnen und Autoren mit Aufsätzen zu teilweise recht speziellen Themen beteiligt sind (das Autorenverzeichnis führt kurioserweise eine sechzehnte Autorin auf, von der sich kein Beitrag im Band findet), nicht die inhaltliche Geschlossenheit einer Biografie aus einem Guss erreichen kann, werden doch alle wesentlichen Aspekte behandelt oder zumindest angeschnitten. Neben den bereits genannten Beiträgen widmen sich die Aufsätze des Bandes Dantons Wirken im Club der Cordeliers, der nach Jules Michelet als »école révolutionnaire« für Danton bezeichnet wird (Raymonde Monnier), ferner der konträr diskutierten Frage nach seiner Verantwortlichkeit für die »Septembermassaker« 1792 (Côme Simien), seiner Funktion als Kommissar des Nationalkonvents in Belgien zwischen Dezember 1792 und März 1793 (Laurent Brassart), dem Konzept der »natürlichen Grenzen« (»frontières naturelles«) in seinen Reden zum Krieg und zur Verteidigung des Vaterlandes (Bernard Gainot), der Rolle Dantons in der »Terreur« (Annie Jourdan), seiner Ausgleichspolitik und Positionierung im Kampf der politischen Faktionen (Anne de Mathan), dem Problem seiner Korrumpierbarkeit (Richard Flamein) sowie Prozess und Hinrichtung Dantons (Michel Biard). Schließlich ist der überzeugende Beitrag Hervé Leuwers zum Verhältnis Danton-Robespierre zu nennen, dessen Charakterisierung als »duel« gängig ist, aber allzu schablonenhaft wirkt und eigentlich eine posthume Konstruktion darstellt, die zwei »Brüder in der Revolution« (»frères en Révolution«, S. 142) zu »zwei Archetypen der Revolution« (»deux archétypes révolutionnaires«, S. 153) transformiert, wie der Verfasser eindrücklich vor Augen führt.

Obwohl sich die Autorinnen und Autoren des Bandes in Forschungsdebatten eindeutig positionieren, betonen Annie Duprat und Pascal Dupuy im abschließenden Beitrag, der sich dekonstruktivistisch mit den »Images et mémoires« befasst, zu Recht und überzeugend die Offenheit der Diskussion, indem sie – in augenfälliger Analogie zu dem Robespierre gemeinhin zugeschriebenen Attribut »der Unbestechliche« (»l’Incorruptible«) – Danton zum »Unfassbaren« (»l’Insaisissable«) deklarieren. Diese Einsicht in die Unabgeschlossenheit der Bewertung ergibt sich konsequenterweise aus der in verschiedenen Beiträgen des Bandes herausgearbeiteten Prägung der vielfältigen historischen Danton-Bilder durch die Orientierungs- und Legitimierungsbedürfnisse der jeweiligen Gegenwart und Interessen. Die Tatsache, dass ein ausgewogener und offener »Danton« heutzutage eher als das kollektive Werk einer Reihe von Spezialistinnen und Spezialisten denn als Darstellung aus einer einzigen Feder zu überzeugen vermag, legt ihrerseits von der Komplexität und Verästelung der Forschungsdiskussion Zeugnis ab. Darüber hinaus legt der Band eine Reihe weiterhin bestehender Forschungsdesiderate offen, etwa die überfällige semantische Analyse des Corpus der Reden Dantons.

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PSJ Metadata
Guido Braun
Danton
Le mythe et l’Histoire
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Frühe Neuzeit (1500-1789), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
Frankreich und Monaco
Familiengeschichte, Genealogie, Biographien
18. Jh.
1759-1794
Danton, Georges Jacques (118523732)
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M. Biard, H. Leuwers (dir.), Danton (Guido Braun)
In:
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-2/fn/biard_braun
Veröffentlicht am: 20.06.2017 13:21
Zugriff vom: 07.08.2020 14:16
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