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A. Burkardt, L’Économie des dévotions (Michael Quisinsky)

Francia-Recensio 2017/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Albrecht Burkardt (dir.), L’Économie des dévotions. Commerce, croyances et objets de piété à l’époque moderne, Rennes (Presses universitaires de Rennes) 2016, 428 p. (Histoire), ISBN 978-2-7535-4890-9, EUR 24,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Michael Quisinsky, Freiburg (Schweiz)

Wenn Monty Pythons »Ritter der Kokosnuss« (S. 20) in einer wissenschaftlichen Veröffentlichung zu historischen und theologischen Ehren kommen, muss es sich um ein wichtiges Buch handeln. Natürlich ist die entsprechende Nebenbemerkung in der Einleitung des Herausgebers Albrecht Burkardt (Limoges) in erster Linie ein clin d’œil, aber dieser steht – faktenbezogen Ritterorden, Pilgerdevotionalien und Handelswege aufeinanderbeziehend – für Weite und Tiefe der Perspektiven und Analysen in der überaus dichten Einleitung, auf deren Höhe auch die meisten Beiträge des Bandes angesiedelt sind.

Der Band widmet sich dem höchst spannenden Zusammenhang von Wirtschafts- und Religionsgeschichte, näherhin der Geschichte der religiösen Praxis bzw. Praktiken. Gleich vorweg gesagt sei, dass sowohl die historische Perspektive, die in Albrecht Burkardts Einleitung im Vordergrund steht, als auch die theologische Perspektive, die sich nicht zuletzt im wohlwollenden Aufgreifen des Potentials dieses Bandes äußern kann, von der Erforschung dieses Zusammenhangs in hohem Maße bereichert werden. Beide sind ja mit dem Sachverhalt konfrontiert, dass noch das religiöse Bestreben, die Welt zu transzendieren, durch und durch weltlich geprägt ist (ohne aus theologischer Sicht auf diese Prägung reduziert werden zu können). Geschichtliche Auswirkungen dieses Sachverhalts – etwa unterschiedliche konfessionelle Prägungen, wie sie sich aufgrund entsprechender Vorläufer und ausgelöst durch konkrete Konstellationen im Reformations- und Konfessionalisierungszeitalter herausbildeten – spielen bis heute eine zentrale, wenn auch oft unterschwellige Rolle für das historische wie zeitgenössische Verständnis von Gesellschaft und Kultur.

Als Konkretisierung und Exemplizifierung eignen sich die Studien dieses Bandes besonders in ihrer Zusammenschau, und so kann man Burkardt nur zustimmen, wenn er resümiert: »D’entrée de jeu, il est clair en tout cas qu’une stricte opposition entre sphères religieuses et activités ou intérêts économiques n’a pas de sens pour les terrains d’études ici envisagés. L’enjeu consiste bien plutôt à analyser dans quelles configurations précises s’établissent les rapports entre les deux domaines« (S. 12). Dabei gilt den impliziten und expliziten Spannungen ebenso Aufmerksamkeit wie den ausgesprochenen und unausgesprochenen Überschneidungen.

Vier Teile umfassen insgesamt siebzehn Beiträge. Im ersten Teil geht es um Wallfahrts- und andere religiös konnotierte Orte. Der zweite und der dritte Teil widmen sich dem Zusammenhang von religiösen Äußerungsformen und Kommerz, einmal unter dem Blickwinkel von wirtschaftlichen Verteilungsmechanismen, einmal in der Perspektive von Konflikt, Koexistenz und Anpassungen. Der vierte Teil schließlich enthält die Beiträge zu kommerziellen Netzwerken und Einzelakteuren. Ein achtzehnter Beitrag fungiert als Epilog und eröffnet einen spannenden Ausblick in interreligiöse und politische Herausforderungen der Gegenwart, ist er doch einer koptischen Marienwallfahrt in Kairo gewidmet. Naturgemäß ist die Informationsfülle gewaltig, zahllose Einzelerkenntnisse bereichern Mentalitäts-, Wirtschafts- und Frömmigkeitsgeschichte. Hervorzuheben ist dabei, dass neben dem geographischen Schwerpunkt Frankreich mit seinem katholischen bzw. auch reformatorisch-gegenreformatorischen Hintergrund Ausblicke nach Mekka und Südamerika erfolgen. Dafür steht der im Band enthaltene Beitrag von Silvia Marzagalli (Nizza) über den konfessionsübergreifenden Handel in Frankreich, der zuvor bereits in englischer Sprache erschienen war. Vermag eine sprachliche und kulturelle Außenperspektive das Verbindende zwischen den Konfessionen in einem Sprachraum stärker zu berücksichtigen? Metareflexionen dieser Art sind nicht so sehr Gegenstand historischer Sammelbände, werden aber dennoch von ihnen evoziert. In jedem Fall zeigt sich hier, dass ein scheinbar so faktenorientiertes Thema wie Wirtschaftsgeschichte (und damit auch Wirtschaftswissenschaft) von Vorannahmen und Fragehorizonten ausgeht, die letztlich stark interpretativ sind.

Herausgegriffen sei exemplarisch zunächst der Beitrag von Philippe Martin (Lyon). Er widmet sich mit der Spiritualitätsgeschichte einem sicherlich unterschätzten Teil der Geschichtsschreibung von Theologie und Wirtschaft. Martin zeigt, wie sich durch Reformation und Gegenreformation die religiöse Bewertung der Arbeit verändert hat. Theologische Positionen waren hier den Herausforderungen des praktischen Lebens ausgesetzt, das seinerseits ohne seine religiöse Deutung kaum verstanden werden kann. Martin zufolge wurde hier in einer selbstverständlich zeitbedingten Form ein Grundstein gelegt für einen Antwortversuch auf eine der großen Fragen des Christentums im zwanzigsten Jahrhunderts, nämlich die nach dem Zusammenhang zwischen dem mit Blick auf Gott geglaubten Sinn der Geschichte und näherhin des gesellschaftlichen Fortschritts einerseits und der persönlichen Involvierung von Laien (im theologischen Sinne von Nichtklerikern) in die Zusammenhänge der Welt und die entsprechenden gesellschaftlichen Mechanismen andererseits. In diesem Sinn sieht Martin im 17. Jahrhundert Vorläufer für die Pastoralkonstitution Gaudium et spes des II. Vatikanischen Konzils (1962–1965) (vgl. S. 389), mit dem sich die katholische Kirche bis heute prägend neu ihrer Verortung in der Welt vergewissert hat. Ähnlich diachron aufschlussreich ist auch der Beitrag von Marco Moroni (Ancona), der detailliert die Wechselbeziehung zwischen Wirtschafts- und Mentalitätsgeschichte in Loreto, einem religiösen Zentrum Italiens, vom 15. bis zum 20. Jahrhundert untersucht. Véronique Sarrazin (Angers), die anhand des »Almanach spirituel« wichtige Aspekte des religiösen Buchmarktes aufzeigen kann, belegt einerseits einen Erfolg der Katholischen Reform im 17. Jahrhundert und andererseits den rasanten Wandel im 18. Jahrhundert. Es wäre angesichts der nach wie vor unabgegoltenen Herausforderungen des Aufklärungszeitalters sehr wünschenswert, dass FrömmigkeitsgeschichtlerInnen und TheologInnen darauf aufbauend die Veränderungen der religiösen Praxis (s. S. 233) auch in einen größeren geistes- und kirchengeschichtlichen Rahmen einordnen.

Aus theologischer Sicht ist der wohl, wenn auch auf subtile Weise, spannendste Ertrag des Bandes der komplexe Zusammenhang zwischen dem, was Burkardt in seiner Einleitung »religion populaire« und »religion des clercs« nennt (S. 26–28). Spannend ist dieser Ertrag, weil er tiefe Einblicke in die innerhalb einer Konfession generierte Mentalität – jenseits der Fassaden – ermöglicht, aber auch, weil er die Komplexität religiöser Praxis nicht nur in den innerhalb der Religion gegebenen Spannungsfeldern aufzeigt, sondern auch in den Wechselwirkungen mit politischen Akteuren, wobei Frontstellungen und Koalitionen zwischen Volk, Klerus und weltlichen Herrschern ständig im Fluss sind. Burkardt selbst zeigt in seinem vorbildlich recherchierten, glänzend geschriebenen und inhaltlich wie methodisch innovativen Beitrag mit dem schwer übersetzbaren Titel »Économie du faux« nicht nur Ergebnisse, sondern auch Forschungsdesiderata auf. Seine historische und theologische Umsicht in Verbindung mit geradezu psychologischem Einfühlungsvermögen führen in Tiefendimensionen gelebter Religion mit ihren guten wie schlechten Seiten, die nie unabhängig von gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Aspekten verstanden werden können (vgl. bes. S. 284f.). Insofern es der Theologie um eine Heilsökonomie (»économie du salut«) geht, kann sie von Fallstudien dieser Art auch dann lernen, wenn sie ihrerseits auf deren spezifische Reichweite hinweist.

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PSJ Metadata
Michael Quisinsky
L’Économie des dévotions
Commerce, croyances et objets de piété à l’époque moderne
de
CC-BY 4.0
Frühe Neuzeit (1500-1789), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918), Zeitgeschichte (1918-1945), Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
Europa
Kirchen- und Religionsgeschichte, Wirtschaftsgeschichte
Neuzeit bis 1900, 20. Jh., 21. Jh.
1500-2007
Wallfahrt (4064460-1), Heiligtum (4072395-1), Devotionalie (4299812-8), Kommerzialisierung (4127776-4), Wirtschaft (4066399-1)
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A. Burkardt, L’Économie des dévotions (Michael Quisinsky)
In:
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-2/fn/burkardt_quisinsky
Veröffentlicht am: 13.06.2017 15:16
Zugriff vom: 07.08.2020 14:31
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