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    L. Charrier, L’émigration allemande en Suisse pendant la Grande Guerre (Alexander Elsig)

    Francia-Recensio 2017/2 19.‒21. Jahrhundert ‒ Époque contemporaine

    Landry Charrier, L’émigration allemande en Suisse pendant la Grande Guerre. Préface de Nicolas Beaupré, Genève (Éditions Slatkine) 2015, 371 p., ISBN 978-2-05-102735-9, CHF 56,40.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Alexander Elsig, Freiburg (Schweiz)

    In den laufenden Gedenkjahren zum Ersten Weltkrieg erlebt auch die Geschichtsschreibung zu den neutralen Staaten zwischen 1914–1918 einen regelrechten Boom. Lange Zeit wurden diese Staaten lediglich am »Rand« des Geschehens und somit der Geschichtsschreibung gesehen. Die wenigen neutral gebliebenen Länder – Spanien, die Niederlande, Schweiz, Norwegen, Schweden und Dänemark für Europa – standen aber gar nicht »über dem Getümmel«, wie Romain Rolland es gehofft hatte. Sie waren zwar nicht militärisch, dafür ökonomisch und kulturell stark in den Krieg einbezogen und erlebten eine Probezeit zwischen Krieg und Friede, zwischen Ausnahmezustand und relativer Freiheit. Auf kultureller Ebene spielten die Neutralen eine nicht unwesentliche Rolle als Bindemittel zwischen den kriegführenden Staaten. Aus dieser Optik schafft das Buch von Landry Charrier über die deutsche Emigration in die Schweiz einen fundierten Einblick auf das Verhältnis zwischen Pazifisten – oder besser »Dissidenten« – Intellektuellen, die versuchten aus einem neutralen Land heraus, die internationalen geistigen Beziehungen wieder ins Leben zu rufen. Die »Dissidenz« ist hier nach Charrier als Minderheitengruppe zu verstehen, die die dominierende Kriegskultur ablehnte (S. 47).

    Das Buch entstand aus der Habilitationsschrift des Autors, der ein Spezialist des deutsch-französischen Austauschs im frühen 20. Jahrhunderts ist. Während der Autor in seiner Dissertation Ernst Bovets Zeitschrift der 1920er Jahre »Revue de Genève« studierte, nahm er sich nun die Vorgeschichte einer intellektuellen Bewegung vor, die schon während des Ersten Weltkriegs gegen die Zerstörung der europäischen Beziehungen kämpfte. Das Buch knüpft an den Artikel vom Dieter Riesenberger über die deutsche Emigration in der Schweiz der Jahre 1914–1918 an1. Charrier betrachtet den Gegenstand neu durch einen kulturgeschichtlichen und auf Netzwerk basierenden Ansatz, der nach »Praktiken, Wege und Vorstellungen« (S. 19) der Akteure sucht. Trotz des vielversprechenden Titels wird dennoch nur ein Bruchteil der deutschen Dissidenz in der Schweiz analysiert. Die Studie konzentriert sich nämlich auf zwei konkurrierende Meinungsgruppen: Bei der ersten handelt es sich um diejenige um Alfred Hermann Frieds »Friedenswarte«, wobei Friedrich Wilhelm Foerster und Hermann Fernau das Hauptaugenmerk gilt; die zweite Gruppe ist diejenige um Hans Schliebens »Freie Zeitung« mit Hugo Ball, Ernst Bloch oder Hermann Rösemeier als deren Mitwirkende. Die zwei Publikationen verfolgten zwar gleiche Ziele – die Demokratisierung des Kaiserreichs und den Einsatz eines internationalen Schiedsgerichtes –, sie unterschieden sich jedoch im vorgeschlagenen Weg dazu. Während die »Friedenswarte« an einen Kompromissfrieden glaubte, ging die »Freie Zeitung« von einer Niederlage des Kaiserreichs als Voraussetzung für die Republik aus. Deswegen weist auch Charrier dieser zweiten Gruppe rund um die »Freie Zeitung« die Rolle der Demoralisierungswaffe zu, die dadurch der Kriegspropaganda der Entente (Frankreich und die Vereinigten Staaten) in die Hände spielte.

    Die Studie gliedert sich in vier Teile. Im ersten Teil bietet sie eine »Radioskopie« des deutschen Pazifismus vor dem Krieg und während des Kriegseintritts an. Der Autor konzentriert sich vorwiegend auf die Sektionen der im Jahr 1892 gegründeten Deutschen Friedensgesellschaft, Ausdruck eines bürgerlichen Pazifismus, der für Schiedsgerichtsbarkeit und Entwaffnung plädierte. Der österreichische Journalist Alfred Hermann Fried, Gründer der »Friedenswarte« im Jahre 1899, Friedensnobelpreis des Jahres 1911, verkörperte diese Bewegung vor 1914. Der Erste Weltkrieg stürzte jedoch die Deutsche Friedensgesellschaft in eine Krise, Alfred Hermann Fried war einer der wenigen Exponenten der am Anfang des Konflikts immer noch für Frieden plädierte. Aufgrund der Zensur im Kaiserreich war es immer schwieriger die pazifistische Position zu verkünden, weshalb ab 1915 manche deutschsprachigen Aktivisten die Schweiz als Publikationsort wählte, um die Zensur zu umgehen.

    Charrier geht von zwei Hauptwellen der Emigration aus: Die erste stellt er in Zusammenhang mit der Umsiedlung der »Friedenswarte« nach Bern im Frühling 1915 fest; die zweite und größte verortet er im Jahre 1916, mit der »kulturelle Anspannung« nach Verdun (S. 55) und 1917, symbolisiert durch die Gründung der »Freie Zeitung« in Zürich. Bei der Analyse der deutschen Exilgruppen konzentriert der Autor sich nicht einzig auf deren Zeitschriften. Im Sinne einer intellectual history rücken Orte der Sozialisierung wie Cafés (zum Beispiel das berühmte Odeon in Zürich), Lesezirkel und Salons oder die Generationenfrage in den Mittelpunkt.

    Der zweite und dritte Teil schildern ausführlich die unterschiedlichen Positionen der »Friedenswarte« und der »Freien Zeitung«. Charrier kommt dabei zu dem Schluss, dass die Friedensbewegung nie zu gemeinsamen Positionen gelangte, weder innerhalb der derselben Sprachgruppe, geschweige denn zwischen den Pazifisten aus den verschiedenen kriegsführenden Ländern. Versuche eine Einheit herzustellen scheiterten sogar in Momenten des Durchbruchs für den Frieden, wie im Vorfeld des Waffenstillstands. Der Austausch zwischen den Dissidenten der einzelnen Länder, ob kriegsführende oder neutrale, erwies sich als recht schwach, was Charrier veranlasst die deutsche Dissidenz als »migration de maintien« (Migration des Erhalts) zu bezeichnen, die nicht Müde wurde, ihren Blick und Hoffnung auf den »espace délaissé« (zurückgelassene Herkunft) zu richten (S. 93). Nichtsdestotrotz erwies sich die Rückkehr nach Deutschland als äußerst schwierig: Obwohl einzig die »Freie Zeitung« von der Propaganda der Entente eingenommen wurde, sahen sich im Zuge des Diskurses der Dolchstoßlegende in den 1920er und 1930er Jahren alle Dissidenten diskreditiert, was im letzten Teil der Arbeit aufgezeigt wird.

    Eine der großen Stärken des Buchs liegt in der Einbeziehung einer großen Bandbreite an Sekundärliteratur, die ansonsten einzig disparat in den jeweiligen Einzelstudien vorliegt. Die Studie stützt sich zudem auf ein reichhaltiges Quellenkorpus, der sich vor allem aus Zeitungen, Korrespondenz, Grundsatzartikeln und Nachlässen von Dissidenten zusammensetzt. Trotz dieser Fülle an ausgewertetem Quellenmaterial ist die Nichtberücksichtigung der deutschen Bundesarchive zu bemängeln. Diese hätten einerseits wertvolle Erkenntnisse zum Einfluss der Zeitschriften in Deutschland und andererseits zum zwiespältigen Verhältnis zwischen der Regierung und den Dissidenten, das sich im Spannungsverhältnis zwischen Repression und Unterwanderung bewegte, zugelassen. In diesem Kontext ist die Bewertung der Figur des Harry Graf Kessler von Interesse. Diesem Diplomaten in Kriegszeiten soll nach Charrier die Rolle die Dissidenten zu einen zugesprochen worden sein, um einen »Friedenskompromiss« zu erreichen (S. 88), dies obwohl sein Manöver vielmehr dazu gewillt war, die Dissidenten zu »erfassen«.

    Zu bemängeln ist auch die fehlende Berechnungsgrundlage für die Anzahl der 7200 deutschen Dissidenten in der Schweiz während des Ersten Weltkriegs (S. 84) oder die mangelnde Berücksichtigung des sozialistischen Internationalismus der Vorkriegszeit und während des Kriegs. Die Mängel mögen jedoch die Stärken des Buchs nicht trüben, die in der Erkenntnis liegen, dass Pazifisten den Bann der gesellschaftsdominanten Kriegskulturen nicht brechen konnten.

    1 Dieter Riesenberger, Deutsche Emigration und Schweizer Neutralität im Ersten Weltkrieg, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 38 (1988), S. 127–150.

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    PSJ Metadata
    Alexander Elsig
    L’émigration allemande en Suisse pendant la Grande Guerre
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918), Zeitgeschichte (1918-1945)
    Schweiz, Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Politikgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
    1900 - 1919, 1920 - 1929
    1914-1920
    Schweiz (4053881-3), Deutsche (4070334-4), Pazifist (4137384-4), Exil (4015959-0)
    PDF document charrier_elsig.doc.pdf — PDF document, 349 KB
    L. Charrier, L’émigration allemande en Suisse pendant la Grande Guerre (Alexander Elsig)
    In:
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-2/zg/charrier_elsig
    Veröffentlicht am: 13.06.2017 15:38
    Zugriff vom: 24.11.2020 22:24
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