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    V. Genin, M. Osmont, T. Raineau (dir./ed.), Réinventer la diplomatie/Reshaping Diplomacy (Axel Dröber)

    Francia-Recensio 2017/2 19.‒21. Jahrhundert ‒ Époque contemporaine

    Vincent Genin, Matthieu Osmont, Thomas Raineau (dir./ed.), Réinventer la diplomatie/Reshaping Diplomacy. Sociabilités, réseaux et pratiques diplomatiques en Europe depuis 1919/Networks, Practices and Dynamics of Socialization in European Diplomacy since 1919, Frankfurt a. M. (Peter Lang Edition) 2016, 227 p. (Euroclio. Études et documents, 96), ISBN 978-2-87574-354-1, EUR 38,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Axel Dröber, Paris

    Der vorliegende Sammelband ist aus einer Tagung des Réseau international des jeunes chercheurs en histoire de l’intégration européenne vom März 2015 hervorgegangen. Er widmet sich diplomatischen Praktiken und Feldern in Europa seit dem Ersten Weltkrieg, wobei im Kontext des Kalten Krieges auch die Beziehungen zur Sowjetunion Beachtung finden. Einleitend geht Laurence Badel auf das noch recht junge Forschungsgebiet der Internationalen Beziehungen ein. Diplomatische Praktiken hätten mit der nach dem Kalten Krieg einsetzenden Globalisierung eine Multiplikation und Auffächerung erfahren. Badel verweist einerseits auf das Auftreten nicht diplomatischer Akteure und Vertreter der Zivilgesellschaft wie Konzerne oder NGOs, die in internationalen Debatten etwa beim Völkerbund, der UNO oder den Brüsseler Institutionen eine zunehmend tragende Rolle spielten. Andererseits haben sich die bilateralen Beziehungen an die Globalisierung angepasst, Staaten vertreten auf wirtschaftsdiplomatischer Ebene die Interessen der heimischen Lobby, während kulturdiplomatische Praktiken ebenfalls eine Intensivierung erführen, wovon das Louvre-Projekt in Abu Dhabi Zeugnis gibt.

    Gegliedert ist der Band in drei Teile. Im ersten gehen die Autoren den Wandlungsprozessen der »klassischen Diplomatie« nach. Marion Aballéa zeigt am Beispiel der französischen Botschaft in Berlin in den 1920er und 1930er Jahren wie das Festhalten an der Tradition und der personellen Kontinuität des Außenministeriums einer Neuausrichtung der französischen Außenpolitik erhebliche Schwierigkeiten bereitete. Erst die Ernennung von Beratern, die ihre diplomatische Sozialisation außerhalb der carrière erlebt hatten, erlaubte die systematische Rationalisierung formeller und informeller Netzwerke und ermöglichte es, stärker auf den Verlauf der Reparationsverhandlungen mit Deutschland einzuwirken. Renaud Meltz widmet sich der Haltung Frankeichs angesichts des spanischen Bürgerkriegs von 1936. Er macht die Wirkmacht einer liberal-anglophilen Tradition aus, die seit der Julimonarchie das Prinzip der französischen »non-intervention« (S. 55) geprägt habe. Das Personal des Außenministeriums und insbesondere dessen Generalsekretär Alexis Léger teilten bis hin zum protestantischen Glauben in den 1930er Jahren die religiöse und politische Weltsicht eines Teils der französischen Großbourgeoisie des 19. Jahrhunderts.

    Dass die Menschenrechte auch nach dem Zweiten Weltkrieg eine zentrale Domäne der französischen Außenrepräsentation war, zeigt Alexandre Boza am Beispiel der Vereinten Nationen. Der Vater der Menschenrechte, René Cassin, ist ein Beispiel für die »communauté épistémique« (S. 75), die aus der Résistance hervorgegangen war und für die der Bezug zur Erklärung der Menschenrechte von 1789 eine identitätsstiftende Wirkung hatte. Cassin wurde 1942 als Experte für internationale Fragen in die Exilregierung De Gaulles berufen und war nach dem Krieg verantwortlich für die Ausarbeitung des Menschenrechtspaktes der UN. Haakon A. Ikonomou geht im folgenden Beitrag auf das norwegische Referendum zum Beitritt zur EWG ein, dem eine intensive Informations- und Propagandakampagne vorausgegangen war. Hier bildete sich ein informeller Zirkel an Wirtschaftsdiplomaten heraus, die sich selbst als »Europeans« begriffen. Im Kontext sich intensivierender Wirtschaftsbeziehungen mit dem europäischen Ausland und durch enge Kontakte zur Europäischen Bewegung in Norwegen entwickelten sich diese zu einem strukturierten Netzwerk politisierter, proeuropäischer Aktivisten.

    Im zweiten Teil nimmt der Sammelband die neuen Akteure der internationalen Beziehungen in den Blick. Sonja Großmann betrachtet Vereine, die sich dem Austausch zwischen Westeuropa und Russland widmeten und konzentriert sich dafür auf den französisch-russischen Verein in den 1960er Jahren sowie dessen deutsches Pendant. Die Vereinsmitglieder traten als informelle Bürgerdiplomaten (S. 110) hervor und hatten am bilateralen Austausch maßgeblichen Anteil. In Zeiten des eisernen Vorhangs erwiesen sich die Vereine als diplomatischer Kanal, mit denen von Deutschland aus Beziehungen in die UdSSR aufrecht erhalten wurden, während der Verein für die französische Linke eine Möglichkeit der Koordinierung zwischen Kommunisten und Sozialisten darstellte. Victor Fernandez Soriano widmet seinen Beitrag dem Verhältnis der Europäischen Bewegung International zum frankistischen Spanien, welches sich in den 1960er Jahren um eine Aufnahme in die EWG bemühte. Soriano zeigt, dass die Bewegung auch über zehn Jahre nach dem Kongress von Den Haag die Politik Europas wesentlich beeinflusste, da sie als Multiplikator einer Franco-kritischen Haltung zu wirken wusste und darüber hinaus selbst als diplomatischer Akteur gegenüber dem spanischen Regime auftrat. Judith Bonnin thematisiert die internationale Politik des französischen Parti socialiste (PS) zwischen 1971 und dem Beginn der 1980er Jahre. Sie geht der Frage nach, ob hier von einer autonomen Parteiendiplomatie gesprochen werden könne, die nach der Wahl des Vorsitzenden des PS, François Mitterrand, zum Staatspräsidenten in die staatliche Diplomatie überging. Bonnin verneint dies mit Blick auf die nur geringe personelle Kontinuität zwischen Parteifunktionären und Beamten des Quai d’Orsay.

    Im dritten Teil geht es um die neuen Arenen der Diplomatie. Benedetto Zaccaria macht die Europäische Kommission als zentrale Mittlerin in den Verhandlungen zu einem Wirtschaftsabkommen zwischen Jugoslawien und der EWG in den 1960er und 1970er Jahren aus. Dabei war die europäische Politik nicht allein von den Interessen der Einzelstaaten bestimmt, vielmehr brachte die Kommission erfolgreich das Argument vor, dass mit Jugoslawien die europäische Interessenssphäre gegenüber der Sowjetunion und innerhalb des mediterranen Raumes gewahrt werden könne. Dies erlaubte die Isolierung von Mitgliedsstaaten, die wie Frankreich ein Veto gegen eine privilegierte Partnerschaft eingelegt hatten. Simon Godard widmet sich anschließend dem Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe, der zwischen 1962 und 1989 die Wirtschaftsdiplomatie der sozialistischen Länder wesentlich prägte. Godard zeigt, wie die DDR-Beamten des Rates ihre Expertise in ein diplomatisches Kapital umzuwandeln wussten und so ein multilaterales Netzwerk bildeten, das parallel zur auswärtigen Politik Moskaus existierte. Schließlich wendet sich Noël Bonhomme der Repräsentation der Europäischen Gemeinschaft innerhalb der G7-Gipfel zu. Er betont, wie die Kommission zwischen den 1970er und 1980er Jahren den wenig institutionalisierten Charakter dieser Treffen nutzte, um sich einen dauerhaften Platz unter den Regierungschefs und Ministern zu sichern und den »kleinen« Mitgliedsstaaten der Gemeinschaft eine Stimme zu geben.

    Der Sammelband bietet einen beachtlichen Einblick in die Geschichte internationaler Beziehungen im 20. Jahrhundert. Diese greift über den europäischen Rahmen hinaus und nimmt sowohl die transatlantischen Beziehungen als auch die Verflechtungen mit der Sowjetunion in den Blick. In der Mehrheit machen die Beiträge deutlich, worin der Reiz einer neuen Diplomatiegeschichte liegt, indem bisher unbeachtet gebliebene Akteure, Praktiken und Felder in den Vordergrund rücken. Die Beitragenden lenken den Blick auf die multiplen Handlungsspielräume und Aushandlungsprozesse innerhalb transnationaler Institutionen, die in der Geschichtswissenschaft oftmals als allzu statisch vorweggenommen werden.

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    PSJ Metadata
    Axel Dröber
    Réinventer la diplomatie/Reshaping Diplomacy
    Sociabilités, réseaux et pratiques diplomatiques en Europe depuis 1919/Networks, Practices and Dynamics of Socialization in European Diplomacy since 1919
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Zeitgeschichte (1918-1945), Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    Europa
    Politikgeschichte
    20. Jh.
    1919-1989
    Europa (4015701-5), Diplomatie (4012402-2)
    PDF document genin_droeber.doc.pdf — PDF document, 339 KB
    V. Genin, M. Osmont, T. Raineau (dir./ed.), Réinventer la diplomatie/Reshaping Diplomacy (Axel Dröber)
    In:
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-2/zg/genin_droeber
    Veröffentlicht am: 13.06.2017 15:38
    Zugriff vom: 24.11.2020 21:36
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