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J. Nott, Going to the Palais (Eckard Michels)

Francia-Recensio 2017/2 19.‒21. Jahrhundert ‒ Époque contemporaine

James Nott, Going to the Palais. A Social and Cultural History of Dancing and Dance Halls in Britain, 1918–1960, Oxford (Oxford University Press) 2015, XIV–327 p., ISBN 978-0-19-960519-4, GBP 65,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Eckard Michels, London

1983 gelang der zwanzig Jahre zuvor gegründeten britischen Rockgruppe The Kinks mit dem Stück »Come Dancing« der letzte große Hit. Das Lied beschwört nostalgisch die Ära der palais de danse/dance halls herauf. Komponist Ray Davies besingt seine ältere Schwester, beschreibt wie sie sich zum Tanzabend im örtlichen palais verabredet und trauert diesem, der zunächst einer Bowlingbahn, dann einem Supermarkt und schließlich einem Parkplatz gewichen sei, nach. Das Lied ist stark autobiografisch geprägt, denn eine der älteren Schwestern von Davies erlag 1957 bei einem Tanzvergnügen in dem Londoner Lyceum Ballroom einem Herzschlag. Die 1950er Jahre bildeten denn auch den Höhepunkt der Ära der dance halls, die in Großbritannien nach dem Ersten Weltkrieg einsetzte, befördert durch die Übernahme amerikanischer, vom Jazz beeinflusster Tänze wie Foxtrott, Ragtime und Charleston, später Jitterbug und Jive. Die dance halls wurden für etwa vier Jahrzehnte prägend für die Freizeitgestaltung und Verhaltensweisen von Jugendlichen der britischen Arbeiterklasse und der unteren Mittelschicht, zu denen die acht Geschwister der Davies-Familie zählten. Allenfalls das Kino konnte als Ort der Freizeitgestaltung mit der Popularität der dance halls konkurrieren.

James Nott rekonstruiert auf breiter Quellengrundlage, gut gegliedert, facettenreich und kundig den Aufstieg und Fall dieses Phänomens, das er als »social dancing« bezeichnet, sowie seine Auswirkungen auf die britische Gesellschaft und Kultur. Durch die Aneignung der zwangloseren, paarweise und mit engerem Körperkontakt und fließenderen Bewegungen vollführten amerikanischen Tänze und dem Aufkommen der dance halls wandelte sich das Tanzen vom Zeitvertreib der Oberschichten in exklusiven Hotels und Restaurants seit dem Ersten Weltkrieg zu einem Volksvergnügen, das noch bis heute in Großbritannien in populären Fernsehshows nachlebt. Die dance halls waren extra für diesen Zweck erbaute, bis zu 2000 Personen fassende, von Großunternehmen wie dem Marktführer Mecca professionell geführte und beworbene, aufwendig ausgestattete und regelmäßig auf den neuesten Stand gebrachte Vergnügungsstätten. Die französische, aus den USA übernommene Bezeichnung »palais de danse« sollte für Erlesenheit und Geschmack stehen, obwohl die Etablissements durch günstige Eintrittspreise und ihre Größe eindeutig auf die schwächeren Einkommensklassen abzielten. Die palais boten ein sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis für die Freizeitgestaltung von Personen mit begrenztem Budget, insbesondere in trostlosen Zeiten wie der Depression und dem Zweiten Weltkrieg. Sie vermittelten den unteren Schichten die Illusion der Teilhabe an einem glamouräsen Leben und zudem die Möglichkeit, mit dem anderen Geschlecht in Kontakt zu treten. Die dance halls fungierten folglich über Jahrzehnte als wichtigster Heiratsmarkt in Großbritannien.

Nott betont, dass dieses Parkett vor allem eine weibliche Klientel anzog, die traditionell eher dem Tanzen zugeneigt war und entsprechend selbstbewusst in diesem Umfeld auftrat. Die Frauen setzten bei den Tanzvergnügen die Standards und übten damit einen zivilisierenden, feminisierenden Einfluss auf die jungen Männer aus, die bislang in Pubs oder auf Straßen herumgelungert hatten, aber sich nun den Etiketten der dance halls unterwerfen und stärker auf ihr Äußeres achten mussten. Neben diesen in jeder Großstadt anzutreffenden Stätten – Glasgow hatte beispielsweise Mitte der 1950er Jahre 14, davon sieben mit einer Kapazität von jeweils mehr als 1000 Tänzern – fanden seit den 1920er Jahren ebenso landesweit Tausende von improvisierten, gelegentlichen Tanzveranstaltungen in Kaufhäusern, Kinos, Fabriken, Kirchen, Schwimmbädern, Gemeindesälen, Pubs und Restaurants statt, um die allgemeine Tanzbegeisterung zu befriedigen. Obwohl es sich um ein harmloses und weitgehend alkoholfreies Freizeitvergnügen – dieser Aspekt wird in der ansonsten detaillierten Studie von Nott leider nur en passant erwähnt – handelte, stieß es immer wieder auf Kritik in Teilen der britischen Öffentlichkeit.

Anhand der Tanzveranstaltungen lassen sich zugleich die damaligen Diskurse in Großbritannien über kulturelle Überfremdung, Geschlechter- und Rassenverhältnisse oder eine angebliche Jugendverwahrlosung ausloten, was im Buch ebenfalls ausführlich getan wird, ohne diese Passagen unnötig theoretisch zu überfrachten. Laut Nott stellten die Verurteilung der Tanzvergnügen und die Kritik an deren jugendlichen Besuchern, die vor allem aus dem Bürgertum kamen und dessen Vorurteile gegenüber dem »Volk« widerspiegelten, einen unbewussten Reflex auf die durch die Weltkriege, durch ökonomische Krisen wie auch durch den sich ausbreitenden Massenwohlstand und die Migrationsbewegungen hervorgerufenen Ängste und Verunsicherungen dar. Sie besaßen den Charakter einer »moral panic« (S. 150). In der Zwischenkriegszeit ging es vor allem darum, die britische (Tanz-)Kultur gegen eine als bedrohlich angesehene Amerikanisierung zu schützen oder den Import zumindest mittels Umformung in einen von den Tanzlehrerverbänden entwickelten »English style« zu bändigen. Durch kleine Veränderungen in Schrittfolge und Körperhaltung sollte den Tänzen ihre angebliche erotische Aufladung genommen werden. Im Zweiten Weltkrieg wurden die möglichen Gefahren der Rassenmischung in den dance halls der Insel durch schwarze US-Soldaten und für die Kriegswirtschaft angeworbenen Arbeitskräfte aus der Karibik thematisiert. Nach 1945 galten die Tanzlust und ihre Stätten als Indiz für eine hedonistische Veranlagung einer durch materiellen Überfluss verwöhnten und zugleich durch die Kindheitstage im Krieg nicht ausreichend erzogenen Jugend.

Der Niedergang der dance halls setzte rapide Anfang der 1960er Jahre ein. Vollbeschäftigung, steigende Löhne, soziale Sicherheit durch den entstehenden Wohlfahrtsstaat, ein nicht mehr durch Rationierungen beschränkter Zugang zu Konsumgütern sowie Wandlungen in der Unterhaltungsindustrie und technische Neuerungen wie Musikboxen, erschwingliche Transistorradios und Schallplattenspieler erweckten neue Bedürfnisse, befriedigten langfristig gehegte materielle Wünsche oder führten zu einem veränderten Freizeitverhalten. Mit Bands wie The Kinks setzte zudem eine neue Ära der Jugendkultur ein. Nun ging man in Konzerte der favorisierten, zu »Stars« erhobenen Künstler, hörte deren Eigenkompositionen bewusst zu und man bewegte sich nur noch einzeln und ohne Rücksicht auf konventionelle Tanzstile zu den Darbietungen auf der Bühne. In der Ära der palais de danse hingegen hatten weitgehend anonyme Tanzorchester ein allgemein bekanntes Repertoire gespielt. Zu diesem bewegte man sich paarweise nach vorgegebenen Regeln. Der gemeinsame Tanz und das darum drapierte Ritual der Partnerwahl, nicht das musikalische Geschehen auf der Bühne standen dabei im Vordergrund. Insofern waren The Kinks seit 1963 unbewusst mit zu Totengräbern einer stilprägenden Epoche der britischen Jugendkultur geworden, welche die Band 20 Jahre später mit ihrem letzten Hit verklärte.

James Nott hat (auch ohne Rekurs auf The Kinks) ein faszinierendes Buch geschrieben, das anhand der dance halls ein breites Panorama der britischen Gesellschaft und ihrer Ängste im Zeitalter der Weltkriege entfaltet. Es bleibt lediglich die Erklärung schuldig, warum und in welchem Maße diese Tanzwut, die palais de danse und die mit ihnen verbundenen gesellschaftlichen Diskurse wirklich, wie Nott behauptet, ein spezifisch britisches Phänomen gewesen sind.

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PSJ Metadata
Eckard Michels
Going to the Palais
A Social and Cultural History of Dancing and Dance Halls in Britain, 1918–1960
de
CC-BY-NC-ND 4.0
Zeitgeschichte (1918-1945), Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
Großbritannien
Sozial- und Kulturgeschichte
20. Jh.
1918-1960
Großbritannien (4022153-2), Tanz (4059028-8), Gesellschaftstanz (4020651-8), Tanzclub (4645833-5), Nationalcharakter (4137343-1)
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J. Nott, Going to the Palais (Eckard Michels)
In:
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-2/zg/nott_michels
Veröffentlicht am: 13.06.2017 15:38
Zugriff vom: 10.07.2020 04:01
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