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    S. Perez, La santé des dirigeants français (Ulrich Lappenküper)

    Francia-Recensio 2017/2 19.‒21. Jahrhundert ‒ Époque contemporaine

    Stanis Perez, La santé des dirigeants français. De François Ierà nos jours, Paris (nouveau monde éditions) 2016, 332 S., ISBN 978-2-486-36942-379-9, EUR 21,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Ulrich Lappenküper, Friedrichsruh/Hamburg

    »Je ne vais pas mal. Mais, rassurez-vous, un jour, je ne manquerai pas de mourir!« Mit diesen süffisanten Worten reagierte Charles de Gaulle 1965 auf die ihm unliebsame Frage eines Journalisten nach seinem Befinden. Ein Jahr zuvor hatte er sich einer Prostataoperation unterziehen müssen und dies dem Volk verheimlicht. Denn der General-Präsident wusste nur zu gut, dass die Dauer der Herrschaft eines »Fürsten« von seiner Gesundheit abhängt.

    Ausgewiesen durch zwei Bücher über die Krankheiten des Sonnenkönigs Ludwigs XIV. und über die »Histoire des médecins«, hat sich Stanis Perez mit der jetzt vorgelegten Studie zum Ziel gesetzt, die Arcana der Gebrechen französischer Staatsmänner von der Renaissance bis zur Gegenwart aufzudecken. Über die reine Beschreibung ihrer Krankengeschichten hinaus geht es dem professeur agrégé et docteur en histoire an der École des hautes études en sciences sociales (EHESS) darum, »d’analyser l’impact de la condition physique de ceux qui sont censés incarner des institutions et des traditions à la longévité pluriséculaire«. In einem solchen »dialogue biohistorique« zwischen »l’éphémère et l’intemporel« glaubt Perez Strategien offenlegen zu können, die eine »histoire vivante des systèmes politiques« begründen können (S. 11).

    In vier an der Zeitschiene entlang komponierten Kapiteln schlägt der Autor den Bogen vom »Prince malade« in der Renaissance (S. 13) und der »épreuve du pouvoir« im Absolutismus bzw. im Empire Napoleons (S. 71) über die »maladie comme désenchantement« (S. 141) persönlicher Macht eines Ludwig XVIII. oder Marschall Petains bis hin zu den Leiden als »secret(s) d’État« (S. 219) der Präsidenten der V. Republik. Jeder kranke Herrscher, so lautet ein zentraler Befund von Perez, steht vor dem Problem, das rechte Maß zwischen »censure et ostentation« zu finden (S. 177). Napoleon III. nutzte seine Aufenthalte in Thermalbädern dazu, »à valoriser cette pratique thérapeutique en la transformant en divertissement mondain« (S. 178). Im Krieg 1870 hoffte der nierenkranke Kaiser, dass eine Kugel sein Leben beenden würde. Was als Heroismus hätte erscheinen sollen, galt in den Augen vieler Franzosen als Verrat. Nicht die Übermacht der Deutschen machten sie nach Meinung von Perez für die Niederlage verantwortlich, sondern »la lithiase impériale« (S. 194).

    Nach dem Sturz des Empire gab sich die Dritte Republik eine Verfassung, die Machtvakanzen nur für den Fall unmittelbar bevorstehender Neuwahlen vorsah. Ein Staatschef tat also gut daran, nie krank zu sein oder zumindest einen solchen Anschein zu erwecken. Paul Deschanel konnte diesen Anspruch nicht erfüllen. Im Mai 1920 fiel der an Synkopen leidende Präsident während einer Zugfahrt aus dem Abteilfenster; offiziell, weil er Luft holen wollte, de facto, weil er, im Pyjama und mit Pantoffeln bekleidet, das Bewusstsein verloren hatte. Wenige Monate später trat Deschanel zurück.

    Dass 1940 ein 84jähriger Chef des État français wurde, gereichte Frankreich wohl ebenfalls nicht zum Vorteil. Um unliebsamen politischen Diskussionen aus dem Weg zu gehen, neigte Marschall Philipp Pétain zu »amnésies passagères« (S. 216). Nicht seine mangelnde physische Stärke oder intellektuelle Spannkraft waren dem Urteil von Perez zufolge das Problem, sondern »les idées et les valeurs« (S. 208).

    Dass gesundheitliche Einschränkungen auch von Vorteil sein konnten, bewies der zweite Präsident der Vierten Republik, René Coty. Seiner eigenen Überzeugung nach war er nur deshalb Staatschef geworden, weil eine Prostataoperation ihn vor der Wahl 1953 davon abgehalten hatte, an der innenpolitisch hochbrisanten Debatte über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft teilzunehmen.

    Als Präsident Georges Pompidou 1974 an einer »maladie connue de tous et tue par beaucoup« (S. 256) starb, verlangte die classe politique mehr öffentliche Transparenz über die präsidiale Gesundheit. Doch auch einer seiner späteren Nachfolger, François Mitterrand, dachte nicht daran, sich diesem Appell zu beugen. Von seiner Krebserkrankung erfuhr Frankreich erst elf Jahre nach der Diagnose 1981 zu einem Zeitpunkt, als sie dem Präsidenten nützlich sein konnte: Bei der Fernsehdebatte vor dem Referendum über den Maastrichtvertrag 1992 schreckte sein Gegenspieler Philippe Séguin davor zurück, den vom körperlichen Verfall Gezeichneten politisch matt zusetzen.

    Stets darum bemüht, aus der Vielzahl seiner Fallstudien allgemeingültige Erkenntnisse zu ziehen, gelangt Perez am Schluss seiner lesenswerten Studie zu vier zentralen Einsichten:

    Erstens: Da Macht stets Herrschaft auf Zeit ist, werden die Karten des politischen Spiels mit dem Tod des Herrschers neu gemischt. Zweitens: Der »bilan sanitaire« eines Herrschenden bewegt sich auf einer affektiven und einer institutionellen Ebene; ob König, Kaiser oder Präsident pflegt er seine Gesundheit stets nach der Regel, »d’être à la hauteur« (S. 298), ohne dass ihm die verfassungsmäßigen Dispositionen dabei helfen könnten. Drittens: Jeder Staatschef ist dazu verpflichtet, seine Person hinter das Amt zurückzustellen »et surtout, si tel n’est pas le cas, à le faire croire« (S. 301). Und schließlich viertens: Während jede Macht weiß, dass sie auf sterblichen Individuen ruht, ist jedem politischen System bewusst »qu’il doit s’adapter à un faisceau de contraintes biologiques en considérant les aléas d’ordre pathologique comme des événements normaux à défaut d’être toujours prévisibles« (S. 301).

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    PSJ Metadata
    Ulrich Lappenküper
    La santé des dirigeants français
    De François Ier à nos jours
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    ohne zeitliche Zuordnung
    Frankreich und Monaco
    Geschichte allgemein, Musikgeschichte
    ohne zeitliche Zuordnung
    Frankreich (4018145-5), König (102261253), Staatsoberhaupt (4130304-0), Gesundheit (4020754-7)
    PDF document perez_lappenkueper.doc.pdf — PDF document, 344 KB
    S. Perez, La santé des dirigeants français (Ulrich Lappenküper)
    In:
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-2/zg/perez_lappenkueper
    Veröffentlicht am: 13.06.2017 15:38
    Zugriff vom: 24.11.2020 22:17
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