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    K. Theis, Wehrmachtjustiz an der »Heimatfront« (Corinna von List)

    Francia-Recensio 2017/2 19.‒21. Jahrhundert ‒ Époque contemporaine

    Kerstin Theis, Wehrmachtjustiz an der »Heimatfront«. Die Militärgerichte des Ersatzheeres im Zweiten Weltkrieg, Berlin, New York (De Gruyter) 2016, X–537 S. (Studien zur Zeitgeschichte, 91), ISBN 978-3-11-040558-3, EUR 74,95.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Corinna von List, Berlin

    In ihrer an der Ludwig-Maximilians-Universität München entstandenen Dissertation analysiert Kerstin Theis die Tätigkeit der Gerichte der 156. und 526. Infanterie-Division, die beide als Ersatztruppenteil zum Wehrkreis VI gehörten, der sich geografisch in etwa mit dem heutigen Bundesland Nordrhein-Westfalen deckt. Sie kombiniert dabei quantitative und qualitative Methoden mit der Absicht, die Geschäftstätigkeit, die personelle Zusammensetzung, die Deliktstruktur und die Spruchpraxis dieser Gerichte im Kriegsalltag abzubilden. Die Untersuchung basiert auf 4700 Verfahrensakten, 142 Strafsachenlisten und 171 Todesurteilskarteien, was sich zu einer Gesamtzahl von 11 729 Strafsachen addiert. Damit sind für diese beiden Divisionsgerichte rund 40% der Akten erhalten geblieben, was einer hohen Überlieferungsquote entspricht. Bevor sich die Verfasserin dem eigentlichen Untersuchungsgegenstand widmet, bietet sie im ersten Kapitel unter der Überschrift »Ausgangspunkte« eine prägnante Einführung in die Geschichte des Ersatzheeres und die rechtlichen Grundlagen der Militärgerichtsbarkeit der Wehrmacht.

    Die sich daran anschließenden drei Kapitel folgen chronologisch der Tätigkeit eines Gerichts. Dies beginnt mit dessen Einsetzung und seiner personellen Ausstattung. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Analyse der gruppenbiografischen Merkmale der Richter und Gerichtsherrn, wobei letztere in der Regel ranghohe Offiziere und keine Juristen waren. Im Einzelnen werden die beruflichen Werdegänge, die Altersstruktur und die Verweildauer am jeweiligen Gericht untersucht. Soweit es die Quellenlage zuließ, bezieht die Verfasserin auch die übrigen am Verfahren beteiligten Akteure wie Beisitzer und Verteidiger mit ein. Analysiert wird ferner die Rolle der Ersatzheer-Gerichte als zentrale Ausbildungsinstanz der Wehrmachtsrichter. Ziel dieser Ausbildung war der allseitig militärisch geprägte Amtsträger, der sein »ziviles« Juristenleben hinter sich zu lassen hatte und sich nur den Kriegsnotwendigkeiten der Wehrmacht verpflichtet fühlte.

    Indem Theis in die eher nüchterne statistische Auswertung immer wieder ausgewählte Lebensläufe einstreut, lockert sie die Untersuchung auf wie das Beispiel von Erich Röhrbein verdeutlicht. Er gehörte dem Gericht der 156. Infanterie-Division von 1940 bis 1943 und somit ungewöhnlich lange an, denn die durchschnittliche Verweildauer eines Richters betrug nur 2 bis 4 Monate. Röhrbein gelang es auch als einem der wenigen Richter seinen zivilen Rang eines Landgerichtsrats in den eines Kriegsgerichtsrates auf direktem Wege in die Laufbahn als Wehrmachtsrichter zu übernehmen. Ferner wurde er nur einmal bei einem Feldgericht – in diesem Fall in Frankreich – eingesetzt. In der Regel kamen Richter bei mehreren Feldgerichten zum Einsatz.

    Im dritten Kapitel widmet sich die Verfasserin der Analyse der Deliktstrukturen. Um eine sinnvolle Auswertung vornehmen zu könnten, hat Theis die insgesamt 123 vorkommenden Straftatbestände in 10 Hauptdeliktgruppen zusammengefasst. Der größte Anteil entfällt dabei auf den Straftatbestand der unerlaubten Entfernung von der Truppe (32,1%), Diebstahldelikte (15,6%) und an dritter Stelle Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung (4,4%), die ein typisches Vergehen eines Ersatzheer-Gerichts darstellen. Erst danach folgen Delikte wie Fahnenflucht oder Wehrkraftzersetzung, deren Analyse bisher die Forschungslandschaft dominiert hat. Kennzeichnend für die Ersatzheer-Gerichte ist hingegen das mittlere Strafsegment der Freiheitsstrafen mit Gefängnis (57%) und Arreststrafen (16%). Zuchthausstrafen machten nur knapp sechs Prozent der Fälle aus und der oberste Rahmen der Todesstrafe kam in weniger als drei Prozent der Fälle zur Anwendung.

    Gegenstand des dritten Kapitels ist außerdem der Ablauf der Gerichtsverhandlung sowie der Prozess der Urteilsfindung im Zusammenspiel von Richter und Gerichtsherr. Daran anschließend erfolgt die Untersuchung des angeklagten Personenkreises, zu dem neben Wehrmachtsangehörigen auch Zivillisten, Frauen und Kriegsgefangene gehörten. Dabei zeigt sich, dass Justitia keineswegs blind war, sondern dass das Strafmaß wesentlich vom Dienstrang und dem Status der Angeklagten innerhalb der Wehrmacht abhing. So konnten Offiziere, Zivilisten und Wehrmachtsbeamte mit Milde rechnen, während Mannschaften und Unteroffiziere oftmals die ganze Härte des Gesetzes zu spüren bekamen.

    Im vierten und letzten Kapitel folgt die Untersuchung der Strafvollstreckungs- und Begnadigungspraxis. Über erstere entschied allein der Gerichtsherr, der mit zunehmender Dauer des Krieges vor allem Gefängnisstrafen in fast drei Viertel der Fälle abänderte und die vom Gericht verhängten Freiheitsstrafen zur »Frontbewährung« ausgesetzte. Das Ziel dieses immer härteren Vorgehens bestand darin, bei den Soldaten keine Anreize zu schaffen, um sich dem Frontdienst zu entziehen.

    Die Spruchpraxis der Gerichte beim Ersatzheer war nicht zwingend durch die Rechtsauffassung der obersten NS- und Wehrmachtsebene bestimmt. Vielmehr orientierten sich Richter und Gerichtsherren an dem, was sie vor Ort als Problemlage beim Zusammenleben zwischen Soldaten und Zivilbevölkerung erkannten und für strafwürdig hielten, wobei sie sich stark an der aktuellen Kriegslage orientierten. Je mehr die Wehrmacht in die Defensive geriet, umso mehr verschärften die Gerichte ihr Sanktionsprofil. Dennoch mussten die Divisionsgerichte nur selten den Strafrahmen voll ausschöpfen, um eine Abschreckung zu erzielen. Vielmehr kam ein abgestuftes Strafsystem zum Einsatz.

    Kerstin Theis schließt mit ihrer Dissertation eine bisher bestehende Forschungslücke, indem sie die gesamte Spruch- und Vollstreckungspraxis der Gerichte untersucht und sich nicht auf das oberste Strafspektrum der Zuchthaus- und Todesstrafen beschränkt. Illustriert werden ihre Ergebnisse durch 150 Tabellen, die es dem Leser erleichtern, auch in die filigranen Details der Untersuchung vorzudringen. Aufgrund der exzellenten Gliederung der Arbeit sowie der umfangreichen Sach-, Orts- und Personenregister hätte es fast keiner Rezension bedurft. Der etwas spröde Stil ist der Thematik und sicherlich auch der Lektüre der 4500 Verfahrensakten geschuldet.

    Wer fortan zur Thematik der Wehrmachtgerichtbarkeit arbeiten will – sei es für deren Gerichte im Reichsgebiet oder in den besetzten Ländern –, kommt an dieser Arbeit nicht vorbei, die Maßstäbe bei der Methodik sowie dem Umfang des ausgewerteten Datenmaterials setzt.

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    PSJ Metadata
    Corinna von List
    Wehrmachtjustiz an der »Heimatfront«
    Die Militärgerichte des Ersatzheeres im Zweiten Weltkrieg
    de
    CC-BY-NC-ND 4.0
    Zeitgeschichte (1918-1945)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Militär- und Kriegsgeschichte, Rechtsgeschichte
    1940 - 1949
    1939-1945
    Deutschland (4011882-4), Wehrmacht (16043221-2), Ersatztruppe (4604670-7), Militärgerichtsbarkeit (4074807-8)
    PDF document theis_list.doc.pdf — PDF document, 265 KB
    K. Theis, Wehrmachtjustiz an der »Heimatfront« (Corinna von List)
    In:
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2017-2/zg/theis_list
    Veröffentlicht am: 13.06.2017 15:38
    Zugriff vom: 24.11.2020 21:58
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