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J. Luh: Feinde fürs Leben


Friedrich300 - Studien und Vorträge

Feinde fürs Leben.

Friedrich der Große und Heinrich von Brühl

Jürgen Luh




Abstract:

Friedrich der Große und Graf Heinrich von Brühl waren Feinde fürs Leben. Diese Feindschaft wurde in erster Linie vom preußischen König gepflegt. Er versuchte seit den vierziger Jahren des 18. Jahrhunderts dem sächsischen Minister zu schaden. Dazu waren ihm fast alle Mittel recht. Der Grund war ein sehr persönlicher und reicht höchstwahrscheinlich bis in die Kronprinzenzeit zurück. Weil dies so war, verhielt sich Friedrich Brühl gegenüber unversöhnlich. Der König wollte triumphieren – und tat es am Ende auch.

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Friedrich der Große hat Heinrich von Brühl aus tiefster Seele gehasst. Friedrich wollte Brühls Ruf vernichten und sein Andenken für alle Zeit beschmutzen. Er hat den Grafen deswegen immer wieder persönlich angegriffen, ihn physisch und psychisch verfolgt und ihm, wann immer er konnte, zu schaden versucht. Friedrich wollte Brühl zerstören . 1

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Seine Kampagne gegen Brühl hat der König kurz nach dem Ende des Zweiten Schlesischen Krieges begonnen. Er bediente sich dazu zunächst der Feder. In der "Histoire de mon temps", in der Fassung von 1746, schreibt Friedrich über den sächsischen Minister: "S’était élevé de page au maniement des affaires", Brühl ist vom Pagen zum Leiter der Staatsangelegenheiten aufgestiegen. Das war, so wie es formuliert ist, abschätzig gemeint und sollte zeigen, dass der Graf unsolide und seines Amtes unwürdig sei. Dann: "Le caractère de Brühl est timide et souple, fourbe et adroit, il n’a ni assez d’esprit ni assez de mémoire pour déguiser ses mensonges: il est double, faux et traître." Brühl sei zaghaft-unterwürfig und geschmeidig, schurkisch und geschickt. Er besitze weder genug Klugheit, noch genug Erinnerungsvermögen, um seine Lügen zu verbergen, sei doppelzüngig, falsch und verräterisch. Das war eine gewollt vernichtende Charakterisierung des sächsischen Staatsmanns. Weiter schreibt Friedrich in der Absicht, Brühl lächerlich zu machen: "C’est l’homme de ce siècle qui a le plus de porcelaine, de montres, d’habite et de bottes, aussi ressemble-t-il à ces gens dont Cicéron disait dans le temps de son premier consulat et de la conspiration de Catilina: ils sont trop frisés et trop parfumés pour que je les craigne." 2 Er sei der Mann des Jahrhunderts mit dem meisten Porzellan, den meisten Uhren, den meisten Kleidern und Stiefeln. Er zähle, wie ähnlich einst Cicero zur Zeit seines ersten Konsulats und der Verschwörung des Catilina von demselben behauptet hat, zu den Menschen, die "zu gelockt und zu parfümiert seien, als dass er sie fürchten müsse".

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An dieser Darstellung hat Friedrich auch festgehalten, nachdem sein Herausforderer und Widersacher 1763 gestorben war. Er hat sie in der 1775 überarbeiteten "Geschichte meiner Zeit" sogar verschärft. Darin ist Brühl nur noch ein unverdient aufgestiegener Page, der als Minister nur "Ränke und Listen" kannte: "Er war doppelzüngig, falsch und zu den niederträchtigsten Handlungen bereit, wenn es seine Stellung galt", verschärft Friedrich die Charakterisierung, denn durch den 1775 neu eingefügten Nebensatz, "wenn es seine Stellung galt", wollte er Brühl als ausschließlich berechnend, allein auf den persönlichen Vorteil bedacht darstellen und anprangern. 3 Der sächsische Premierminister, so Friedrichs Botschaft an die Nachwelt, habe immer nur aus niederen Beweggründen gehandelt und allein um seiner selbst willen.

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Friedrich gab sich in seiner "Geschichte" den Anschein vollkommen aufrichtig zu schreiben, ganz ohne von eigenen Emotionen geleitet zu sein: "Da mein Buch für die Nachwelt bestimmt ist, bin ich von dem Zwange befreit, die Lebenden zu schonen" – erst recht also die Toten, muss man hinzufügen – "und gewisse Rücksichten zu nehmen, die mit dem Freimut der Wahrheit unvereinbar sind", tat er kund. 4 Die Nachwelt hat ihm das lange geglaubt; man folgte "einfach dem gewichtigen Urteile König Friedrichs II. von Preußen", 5 auch dem über den Grafen Brühl. Was dessen Charakterisierung anlangt, stützten sich selbst sächsische Landeshistoriker auf die Ausführungen des Königs: "… wie Friedrich der Große erzählt …", schrieben etwa Friedrich Bülau in der "Geschichte des Sächsischen Volkes und Staates" und Theodor Flathe in der "Geschichte von Sachsen", als sie über Brühl berichteten. 6

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Dass Friedrich aber nicht ohne bestimmten Hintersinn zur Feder gegriffen hat, sondern im Falle Brühls mit der eindeutigen Absicht, diesen ein für allemal zu diskreditieren, bezeugen des Königs Handlungen während des Siebenjährigen Krieges. Sie gaben Friedrichs Rachsucht, einem "psychologisch nicht leicht erklärlichen Hasse gegen Brühl Ausdruck", wie schon die Zeitgenossen wahrnahmen und die Nachgeborenen ebenso glaubten. 7 Von einem "ganz eigentümliche[n] und persönliche[n] Haß des Königs von Preußen gegen Deinen Vater", schrieb beispielsweise die Gräfin Brühl ihrem Sohn Aloys Friedrich. 8 Es fällt auch schwer, für die mutwillige, ja geradezu akribische Zerstörung der Brühlschen Schlösser und Güter durch die Truppen des Königs einen anderen Grund anzuführen als diesen sehr persönlichen Hass – wobei Vergeltung als Motivation von Friedrichs Anordnungen den "nicht leicht erklärlichen" Hass wohl überwog.

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Ein martialisches Vorgehen hatte Friedrich frühzeitig angekündigt: In der Ode X. "An den Grafen von Brühl" der 1752 veröffentlichten " Œuvres du philosophe de Sans-Souci", die den vielsagenden, ironisch gemeinten Untertitel "Nachahmung des Horaz. Man muß sich nicht über die Zukunft beunruhigen" erhalten hatte – Brühl sollte natürlich erschrecken.

Darin dichtete er:

"Unglücklicher Sklave deines hohen Schicksals, unumschränkter Beherrscher eines zu bequemen Königs, der du mit Arbeiten überhäuft bist, von denen die Sorge Dich drückt; Brühl, verlaß die überflüssigen Beschwerlichkeiten der Grösse!" Dann weiter: "Sieh diese flüchtge Grösse und höre endlich auf, den stolzen Glanz einer Stadt zu bewundern, in der alles verstellt dich anbetet." Das war weniger als Verunglimpfung des Ministers gedacht denn als Drohung. Brühl solle nicht weiter nach Größe streben, sondern sich in Acht nehmen, sollte es heißen, denn: "Indeß die Natur sich der Ruh überlassen, wacht dein unruhiger Geist für Sachsen; Schon siehst du den Krieg erklärt, und Preussen mit hundert Nationen im Bündniß; siehst die herumstreifenden Völker des Euphrat die weiten Felder verwüsten, welche der sklavische Sarmate für seine Tyrannen baut."

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Deutlicher konnte Friedrich kaum sagen, was Brühl im Falle eines weiteren Krieges, mit dem er rechnete, zu gewärtigen habe, denn mit den Feldern waren diejenigen Sachsens gemeint, mit den Sarmaten die sächsische Bevölkerung, mit den Tyrannen Brühl und der Kurfürst-König. Der Graf solle sich Fortunas nicht sicher sein, andernfalls könne dies tödlich enden, denn "der Mensch kann das Spiel des Glücks eben so wenig bestimmen, als den majestätischen Lauf des Rheins; bald entrichtet dieser in Frieden seinen Tribut dem Gott des Meers; bald sieht man seine reißenden Wogen, von den Strömen der Gebirge geschwollen, die schwachen Dämme durchbrechen, und die Felder verwüsten indem er ihre Einwohner ertränkt." 9

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Im Jahr 1756 waren dann "die reißenden Wogen des Rhein", um mit dem König zu sprechen, "von den Strömen der Gebirge geschwollen" – und Friedrich setzte seine Drohung in die Tat um. Als er nach der Kapitulation der sächsischen Armee bei Pirna in Dresden ankam, quartierte sich Friedrich demonstrativ im Brühlschen Palais ein – und nicht im Schloss. Er setzte damit ein Zeichen: Er habe aufgrund seiner Persönlichkeit und seiner Macht den allmächtigen Premierminister Sachsens zu Fall gebracht, und nun bestimme er die Geschicke des Landes.

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Es war ein Zeichen des Triumphs und keinesfalls als "Aufwertung Brühls" gedacht, wie Walter Fellmann annimmt. 10 Die Gräfin Brühl, die in Dresden geblieben war, zwang der König erst, ihr Haus zu verlassen, dann, im April 1757, sich an den Hof Augusts III. nach Warschau zu ihrem Mann zu begeben. Sie und ihr Gatte sollten seine Geduld nicht auf eine zu harte Probe stellen, sonst würden sie böse Erfahrungen machen, warnte er sie. Und ihrem Gemahl könne sie mitteilen: "Ich für meinen Teil suche nicht seine Zuneigung, dazu verachte ich ihn zu sehr und habe Mittel und Wege genug, meine offenen und verborgenen Feinde zu vernichten, ohne mich dabei niedriger Handlungen oder Grausamkeiten zu bedienen." 11 Am 4. September befahl Friedrich, im Brühlschen Palais eine Lazarett für 2000 Kranke und Verwundete einzurichten. 12

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Doch nach seiner ersten Niederlage auf dem Schlachtfeld von Kolin wusste der König sich nur mit Gewalt zu helfen, oder aber er wollte nicht anders handeln. Nach dem Rückzug aus Böhmen zurück in Sachsen, nahm Friedrich vom 20. bis 24. Oktober 1757 im Brühlschen Schloss in Grochwitz Quartier, und als er von dort wieder aufbrach, befahl er, die schönsten und wertvollsten Kunstgegenstände – Möbel, Gemälde, Porzellan, Silber – nach Berlin zu schaffen; alles Übrige gab er seinem Gardebataillon zur Plünderung frei. Der Gerichtsverwalter von Grochwitz hat festgehalten: "Die Scheunen wurden geleert, das Vieh geschlachtet, Möbel, Bilder, Betten, Silberzeug, Porzellan – kurz alles, was irgendwie Geldeswert war, wurde unter den Augen des Königs zusammengeschleppt und dort ein regelrechter Markt eröffnet. Das Beste kauften die preußischen Offiziere, die von Grochwitz aus ganze Wagen nach Brandenburg schickten, ihre heimischen Edelsitze mit dieser Beute zu schmücken; die geringeren Sachen wurden an Hersberger Bürger und an die Bauern der umliegenden Dörfer verschleudert." 13 Anschließend wurden sämtliche hundert Fensterscheiben des Schlosses eingeworfen. Der König selbst soll während des Treibens einen Bediensteten Brühls, der eine Uhr hatte retten wollen, mit seinem Stock ins Schloss zurückgetrieben haben. Ein Jahr später brannten preußische Soldaten das Schloss nieder. 14

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Die übrigen Schlösser und Güter Brühls erlitten ein ähnliches Schicksal, wenn sie in preußischen Händen waren. Am 12. Dezember 1757 schrieb Friedrich, verschlüsselt, dem Feldmarschall Keith, er solle den Oberstleutnant Mayr mit einigen seiner Freikompanien in die Gegend von Leipzig und Nossen senden, um auf den dort liegenden Landgütern des Grafen Brühl einige Unruhe zu verursachen. Doch sollte keinesfalls sein Name mit dieser Aktion in Verbindung gebracht werden. 15 Schloss Nischwitz fiel diesem Befehl zum Opfer. Am 1. September 1758 ordnete Friedrich an, Schloss Pförten samt seiner Einrichtung zu verbrennen. Auch dieser Befehl wurde pünktlich ausgeführt. 16 Im selben Jahr sind nach Angaben der Flugschrift "Schreiben eines aus Teutschland zurückkommenden Russischen Reisenden" auch die Brühlschen Güter Lindenau, Oberlichtenau, Seyfersdorf und Naundorf geplündert und zum Teil abgebrannt worden. 17

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Aladár von Boroviczény, der Brühl als erster Historiker positiv porträtierte, hat wohl mit Recht angenommen, das Friedrich allen Grund hatte, in dem Minister seinen Hauptgegner zu sehen. "Daß er ihn deswegen haßte, ist menschlich nicht unbegreiflich." 18 Friedrich hat so niedrig und unwürdig gehandelt, weil Brühls Politik das in Frage stellte, was der König erlangt hatte und noch erreichen wollte, den Besitz Schlesiens, seinen Ruhm und den erstrebten Nachruhm. 19 Das lässt sich nicht nur aus der "Geschichte meiner Zeit" oder der "Geschichte des Siebenjährigen Krieges" schließen, sondern vor allem aus seinen anderen Schriften. In Friedrichs historisch-politischen Werken sind in erster Linie Verunglimpfungen des Brühlschen Charakters enthalten.

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Darüber hinaus finden sich nur ein paar Hinweise, aus denen sich Gründe der Antipathie erschließen lassen. Dieser etwa in der "Histoire de mon temps": Die Sachsen hätten den Preußen 1744 die Durchfuhr der Lebensmittel und Kriegsvorräte durch ihr Land versagt und die preußische Armee auf diese Weise von ihrer Versorgung abgeschnitten. "Als das preußische Heer Böhmen verlassen mußte, schrieb Graf Brühl das seiner eigenen Gewandtheit zu. Ja er rühmte sich, die Königin von Ungarn habe Böhmen dank der Tapferkeit der sächsischen Truppen wiedererlangt, welche die Preußen zum Rückzug gezwungen hätten." 20 Und zudem diese Andeutung, Brühl sei ein unversöhnlicher Feind, der "die aufstrebende preußische Macht niederdrücken" wollte. 21 Deutlicher noch heißt es dann in der "Geschichte des Siebenjährigen Krieges": "Graf Brühl fühlte sich durch den Dresdner Frieden gedemütigt. Er war auf Preußens Macht eifersüchtig und bemühte sich Hand in Hand mit dem Wiener Hofe, den Haß und den Neid, der ihn selbst verzehrte, auf den Petersburger Hof zu übertragen. Brühl sann auf nichts als auf Krieg." 22

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Dass Friedrich Brühl als denjenigen ansah, von dem ihm am meisten Gefahr drohte, wird vor allem im "Entwurf des Manifests gegen Sachsen" vom Juli 1756 offenbar, der nicht veröffentlicht wurde. Der Entwurf ist sehr persönlich – und emotional – gehalten, und man kann gut nachvollziehen, dass er nicht publiziert worden ist. Seit 1750, heißt es darin, arbeite der sächsische Minister an einer Allianz aus Sachsen, Österreich und Russland gegen Preußen und seinen König. Brühl habe eine 'Verschwörung' gegen ihn angezettelt. Er habe dabei stets nach dem Prinzip gehandelt: "Ich bin zu feige, mit meinem Gegner zu kämpfen, aber wenn er am Boden liegt, will ich ihn gern ermorden und meinen Teil an der Beute haben." 23 Friedrich war deshalb so aufgebracht, weil es Brühl tatsächlich gelungen war, eine Koalition gegen ihn zustande zu bringen. 24

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Da diese Allianz eine der preußischen Armee überlegene Truppenzahl ins Feld stellen konnte, standen Schlesien und Friedrichs Ruhm und Größe auf dem Spiel. Dass er den Krieg gewinnen oder unbeschadet überstehen würde, war ja nicht ausgemacht; er konnte alles verlieren. Und daran trug in Friedrichs Augen in allererster Linie Brühl die Schuld. Dessen Politik hatte ihn schon 1744 fast um den Triumph gebracht. Weil auf Anraten Brühls die Sachsen die Seiten gewechselt hatten, hatte sich der König aus Böhmen zurückziehen müssen und dabei fast seine gesamte Armee verloren.

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Wenn er sich aber in die Ecke gedrängt sah, reagierte Friedrich hart – und persönlich. Nach seiner ersten Niederlage bei Kolin, da es aussah, als ob Brühls Politik Erfolg haben könnte, wurde Grochwitz geplündert; nach der Schlacht bei Zorndorf, die nur ein Pyrrhussieg war, und der Niederlage von Hochkirch gingen weitere Besitzungen Brühls in Flammen auf. Nach Friedrichs Katastrophe von Kunersdorf erschien die Schmähschrift "Leben und Charakter des Königl. Pohlnischen und Churfürstl. Sächß. Premier-Ministre Grafen von Brühl", wenn nicht aus Friedrichs Feder, so doch von ihm beauftragt. 25 Darin, wie überhaupt, hat der König sein Vorgehen mit den Verheerungen seines eigenen Landes durch Übergriffe der Feinde zu rechtfertigen gesucht. „Die Zeiten haben sich geändert, Madame“, hatte er bereits 1758 an die Gräfin Brühl geschrieben. „Die Verbündeten des Königs von Polen haben mein Land geplündert und verwüstet. Ich musste Repressalien anwenden, um den Fortgang ihrer Räubereien und ihrer Grausamkeiten aufzuhalten, und sie sollten nicht überrascht sein, das die Bestrafung auf den Schuldigsten gefallen ist.“ 26

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Ohne die Einzelheiten der Besetzung Berlins 1760 durch die Österreicher und Russen zu kennen, lastete der König die Zerstörungen des Schlosses Charlottenburg sofort dem österreichischen Kommando unterstehenden sächsischen Cheveaux légères Regiment des Grafen Brühl an. 27 Friedrich war der Überzeugung oder wollte glauben – dies lässt sich nicht mit Sicherheit sagen –, dass es sich um eine Repressalie seitens der Sachsen gehandelt hatte: um die absichtliche Zerstörung und Plünderung des Charlottenburger Schlosses aus Rache wegen der Verwüstung der brühlschen Schlösser durch die preußischen Truppen. Der Bericht des Magistrats von Charlottenburg vom 27. Oktober 1760 stellte dann die österreichischen Soldaten als Haupttäter fest: "In Ihro Majestät Schreibkabinett sind 5 Tableaus von Lancret, Pesne und du Bois durch die österreichischen Offiziere hinweggestohlen", hieß es darin ausdrücklich. 28 Ob Friedrich den Bericht des Magistrats kannte, bevor er die Plünderung Hubertusburgs befahl, ist nicht bekannt.

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Doch all diese Argumente erklären nicht den radikalen, sehr persönlichen Zug, der sich in der planmäßigen Verwüstung Brühlschen Besitzes spiegelt, denn Friedrich wollte den gefürchteten Widersacher nicht nur moralisch diskreditieren, sondern auch physisch zerstören und über ihn triumphieren. Aus Brühls Nachlass ließ der König deshalb über Mittelsmänner 480 Spiegel und Spiegelteile kaufen und damit das Neue Palais, sein Siegeszeichen, ausschmücken. 29 Friedrich handelte, betrachtet man all seine Aktionen genau, emotional, nicht rational. Er handelte aus Hass.

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Was war der Grund für Friedrichs abgrundtiefen, persönlichen Hass auf Brühl? Aladár von Boroviczény gibt zur Beantwortung dieser Frage in seiner Brühl-Biographie einen versteckten Hinweis. In einer kurzen Passage über das Zeithainer Lager 1730 heißt es: "Brühl war Vertrauter der politischen Pläne Augusts des Starken, und als Großmeister der königlichen Garderobe war er einer der Hauptleiter der gastlichen Veranstaltungen und Feste des Königs. In seiner Stellung musste er auch die Einzelheiten des großen Auftritts zwischen dem König von Preußen und seinem Sohne Friedrich erfahren haben. Bei der Abschiedstafel überreichte der König Friedrich Wilhelm von Preußen dem Kammerherrn und Vertrauten des Königs von Polen seinen Schwarzen Adlerorden, die höchste Auszeichnung, die er zu vergeben hatte." 30 Mehr als zwanzig Jahre zuvor hatte Hans Beschorner bereits berichtet, dass Brühl als Kämmerer am Zeithainer Lager teilgenommen und vom preußischen König den Hohen Orden vom Schwarzen Adler erhalten hatte. 31 Aufgrund dieser Mitteilung schloss man in der Folge, Brühl habe die Auszeichnung für die Organisation des Lagers bekommen, obgleich Beschorner in seiner Darstellung wenige Seiten zuvor die Notiz weitergegeben hatte, August der Starke selbst sei auf den Gedanken der Truppen-Schaustellung gekommen und habe solche selber leitend in die Tat umgesetzt. 32 In seinem folgenden Artikel zum Thema hatte Beschorner dies auch noch einmal wiederholt: Der König habe alles selbst geplant, vorbereitet und umgesetzt. 33 Dennoch setzte sich im historischen Bewusstsein fest, Brühl habe den höchsten preußischen Orden für die Organisation des Zeithainer Lagers erhalten.

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So hat man Boroviczénys Hinweis nicht beachtet, seinen Einschub über „die Einzelheiten des großen Auftritts zwischen dem König von Preußen und seinem Sohne Friedrich“ überlesen und einen Zusammenhang zwischen den Misshelligkeiten zwischen Friedrich Wilhelm I. und dem Thronfolger und der Verleihung des Schwarzen Adlerordens an Brühl nicht hergestellt. Doch dieser Zusammenhang ist vorhanden.

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Wir wissen von dem 'großen Auftritt' seit Rankes neun, später zwölf Büchern preußischer Geschichte. Darin schreibt er über Friedrich: "In jenem Lustlager von Mühlberg, wo die Augen so vieler Fremden sich auf ihn richteten, ward er [vom Vater], wie ein ungehorsamer Knabe, sogar einmal körperlich mißhandelt, eben damit er fühlen sollte, daß man ihn für nichts Besseres halte. Der aufgebrachte König, der die Folgen seiner Worte niemals erwog, fügte der Mißhandlung noch den Schimpf hinzu. Er sagte, wäre er von seinem Vater so behandelt worden, so hätte er sich totgeschossen; aber Friedrich habe keine Ehre, er lasse sich alles gefallen." 34 Friedrich Wilhelm I. sagte dies alles öffentlich, vor Publikum. Und Brühl war offenbar einer der Beobachter dieser Szene, einer derjenigen, die alles genau gehört hatten. Dass Friedrich Brühl, nachdem dieser zu politischem Einfluss und bestimmender Stellung in Sachsen-Polen gekommen war, als Zeugen seiner öffentlichen Demütigung und Erniedrigung hasste, scheint deshalb nicht unwahrscheinlich. Für die so verbissene Verfolgung Brühls kann dies jedoch noch keine ausreichende Erklärung sein.

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Hier ist nun interessant zu fragen, warum es zu der öffentlichen Abkanzelung des Kronprinzen durch den König kam. Allgemein bekannt ist: Beider Verhältnis war nicht das Beste. Wir wissen auch, dass Friedrich sich mit dem Gedanken trug, vom Vater zu fliehen. Er hat dies während des Zeithainer Lager neben seinem Vertrauten Katte mindestens drei Menschen zu verstehen gegeben: Sir Charles Hotham, dem britischen Sondergesandten am preußischen Hof, dem Sekretär der englischen Gesandtschaft Guy Dickens und dem sächsischen Minister Graf Hoym. 35 „Im Lager selbst kam der Prinz gleich in den ersten Tagen zu zwei verschiedenen Malen gegen Katte auf den heiklen Gegenstand zurück. Dann ließ er den Freund einige Zeit in Ruhe, um sich seinen britischen Helfern anzuvertrauen, Hotham und dem Attaché Guy Dickens“, so Reinhold Koser. 36 Wilhelm Oncken präzisiert: „Da aber kam in großer Aufregung der Hauptmann Guy Dickens zu ihm [Hotham], um ihm eine Eröffnung des Kronprinzen über seinen Fluchtplan zu machen.“ 37 Weil Friedrich und Katte Pferde benötigten, sprachen sie auch mit Graf Hoym, der ihnen antwortete: „Er könne ungefähr merken, was das bedeute, und fügte mit Betonung hinzu, der Prinz habe Aufseher.“ 38 Es ist daher nicht auszuschließen, dass Friedrich Wilhelm von den Absichten seines Sohnes erfahren hat – und dass dies die Ursache der großen Szene gewesen ist.

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Wer den preußischen König informiert hat? Katte mit Sicherheit nicht. Auch Dickens nicht, denn der verließ, nachdem er Hotham von Friedrichs Vorhaben berichtet hatte, das Lager, um nach London zu reisen. Hotham und Hoym kommen in Frage, doch ist das nicht anzunehmen. Über Graf Hoym hat Friedrich immer gut gesprochen. 39 Sowohl Hoym als auch Dickens hatten aber Kontakt zu Brühl. Bedenkt man die persönliche, hartnäckige, lebenslange Verfolgung Brühls durch Friedrich, scheint nicht unwahrscheinlich, dass der Graf den preußischen König gewarnt hat. Anders lässt sich kaum erklären, warum Friedrich Wilhelm I. dem 1730 noch wenig wichtigen Kammerherrn als einzigem aus dem sächsischen Lager die herausragende Auszeichnung des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler verliehen hat. Ein Hinweis Brühls auf die Pläne des Kronprinzen kann den preußischen König zu dieser Geste veranlasst haben. Mit letzter Sicherheit lässt es sich nicht sagen. Doch sollte es wirklich so gewesen sein, wird der tiefsitzende, fortwährende Hass Friedrichs auf Brühl verständlich. In gewisser Weise wäre dieser Hass dann auch Teil der biographischen Hypothek, die aus dem schweren Zerwürfnis Friedrichs mit seinem Vater herrührte und die sein ganzes weiteres Leben prägen sollte.

Autor:

Dr. Jürgen Luh
Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg
Postfach 60 14 62
14414 Potsdam
j.luh@spsg.de

1 Dazu Jürgen Luh: „Ich habe Mittel genug, meine Feinde zu vernichten.“ Friedrich der Große und Graf Heinrich von Brühl, in: Stiftung Fürst-Pückler-Museum Park und Schloss Branitz für den Europäischen Parkverbund Lausitz (Hg.): Friedrich der Große und Graf Brühl. Geschichte einer Feindschaft, Cottbus 2012, 11-19.

2 Frédéric II.: Histoire de mon temps. (Redaction von 1746), hrsg. v. Max Posner, Leipzig 1879 (= Publicationen aus den K. Preußischen Staatsarchiven, 4), 184.

3 Gustav Berthold Volz (Hg.): Die Werke Friedrichs des Großen, deutsch von Friedrich v. Oppeln-Bronikowski, 10 Bde., Berlin 1912-1914, Bd. 2, 37.

4 Volz: Werke Friedrichs des Großen (wie Anm. 3), Bd. 2, 13 (Geschichte meiner Zeit 1775, Vorrede).

5 Hans von Krosigk: Karl Graf von Brühl. General-Intendant der Königlichen Schauspiele, später der Museen in Berlin und seine Eltern. Lebensbilder auf Grund der Handschriften des Archivs zu Seifersdorf, Berlin 1910, 4.

6 Carl Gretschel: Geschichte des Sächsischen Volkes und Staates. Fortgesetzt von Friedrich Bülau, Bd. 3, Leipzig 1853, 14. – Theodor Flathe: Geschichte von Sachsen, 2. Aufl., Gotha 1870, 411.

7 Krosigk: Karl Graf von Brühl (wie Anm. 5), 4f.

8 Krosigk: Karl Graf von Brühl (wie Anm. 5), 17.

9 [Friedrich II., König von Preußen]: Vermischte Gedichte, Berlin 1760, 47 und 48. – Œuvres de Frédéric le Grand, hrsg. v. Johann David Erdmann Preuß, Bd. 10, Berlin 1849, 45-47.

10 Walter Fellmann: Friedrich II. und Heinrich Graf Brühl, in: Dresdner Hefte 46 (1996), 11-18, hier: 15.

11 Zit. nach Krosigk: Karl Graf von Brühl (wie Anm. 5), 20 (Friedrich an die Gräfin Brühl, 1. April 1757).

12 Siehe Thomas Miltschus: Die Zerstörung der Brühlschen Besitzungen im Auftrag Friedrichs II., in: Stiftung Fürst-Pückler-Museum Park und Schloss Branitz: Friedrich der Große und Graf Brühl (wie Anm. 1), 21-33, 25.

13 Aladár von Boroviczény: Graf von Brühl. Der Medici, Richelieu und Rothschild seiner Zeit, Zürich / Leipzig / Wien 1930, 478.

14 Die Flugschrift in: Teutsche Kriegs-Cantzley 1758, 3. Bd., 15. Tl., Nr. 113, 958-976. – Zu den Zerstörungen siehe Miltschus: Zerstörung (wie Anm. 12), 25-32.

15 Politische Correspondenz Friedrich’s des Großen, hrsg. v. der Preußischen Akademie der Wissenschaften, 46 Bde., Berlin 1879-1939, Bd. 16, 89, Nr. 9580. – Siehe auch Woldemar Lippert: Friedrichs des Großen Verhalten gegen den Grafen Brühl während des siebenjährigen Krieges, in: Niederlausitzer Mittheilungen 7 (1903), 91-136, hier: 98.

16 Lippert: Friedrichs des Großen Verhalten (wie Anm. 14), 102-107.

17 Teutsche Kriegs-Cantzley (wien Anm 13), 968. – Siehe auch Lippert: Friedrichs des Großen Verhalten (wie Anm. 13), 134, Anm. 83*. – Brühl hat sich dagegen lediglich publizisctisch zur Wehr setzen können, indem er etwa 1761 eine Stichserie über sein Belvedere auf der Brühlschen Terrasse herausgab, in der er die Zerstörung des Gebäudes als unmenschlichen und barbarischen Racheakt eines Monarchen anprangerte, siehe Michaela Völkel: Das Bild vom Schloss. Darstellung und Selbstdarstellung deutscher Höfe in Architekturstichserien 1600-1800, München, Berlin 2001 (= Kunstwissenschaftliche Studien 92), 200-206.

18 Boroviczény: Graf von Brühl (wie Anm. 13), 475.

19 Dass Friedrich, wie eine Brühlsche Familienüberlieferung sagt, den Minister vor dem Siebenjährigen Krieg "durch Anerbietung bedeutender Güter und des Fürstentitels" gewinnen wollte und Brühls Ablehnung den Zorn des Königs heraufbeschworen habe (Krosigk: Karl Graf von Brühl (wie Anm. 5), 5f.), ist mehr als unwahrscheinlich. – Fellmann: Friedrich II. und Heinrich Graf Brühl (wie Anm. 10), 12 ordnet die von Krosigk bekannt gemachte Überlieferung von Friedrichs angeblichem Anerbieten fälschlicherweise in die Zeit nach dem ersten Schlesischen Krieg ein.

20 Volz: Werke Friedrichs des Großen (wie Anm. 3), Bd. 2, 196.

21 Volz: Werke Friedrichs des Großen (wie Anm. 3), Bd. 2, 227.

22 Volz: Werke Friedrichs des Großen (wie Anm. 3), Bd. 3, 22.

23 Volz: Werke Friedrichs des Großen (wie Anm. 3), Bd. 3, 167-170, Zitat 169.

24 Dazu René Hanke: Brühl und das Renversement des alliances. Die antipreußische Außenpolitik des Dresdner Hofes 1744-1756, Berlin 2006 (= Historia profana et ecclesiasrica, 15), 69-319.

25 Leben und Charakter des Königl. Pohlnischen und Churfürstl. Sächß. Premier-Ministre Grafen von Brühl, in vertrauten Briefen entworfen, o. O. 1760. – Dazu Jürgen Luh: Vom Pagen zum Premierminister. Graf Heinrich von Brühl (1700-1763) und die Gunst der sächsisch-polnischen Kurfürsten und Könige August II. und August III., in: Michael Kaiser / Andreas Pečar (Hg.): Der zweite Mann im Staat. Oberste Amtsträger und Favoriten im Umkreis der Reichsfürsten in der Frühen Neuzeit, Berlin 2003 (= Zeitschrift für Historische Forschung, Beiheft 32), 121-135, hier: 121, Anm. 2.

26 Zitat bei Miltschus: Zerstörung (wie Anm. 12), 28f.

27 Herman Granier: Die Russen und Oesterreicher in Berlin im Oktober 1760, in: Hohenzollern-Jahrbuch 2 (1898), 113-145, hier: 129.

28 Granier: Russen und Oesterreicher (wie Anm. 27), 136.

29 Vgl. Heinrich Ludwig Manger: Baugeschichte von Potsdam, besonders unter der Regierung König Friedrichs des Zweiten, 3 Bde., Berlin / Stettin 1789-1790, Bd. 2, 329f.

30 Boroviczény: Graf von Brühl (wie Anm. 13), 24.

31 Hans Beschorner: Beschreibungen und bildliche Darstellungen des Zeithainer Lagers von 1730, in: Neues Archiv für sächsische Geschichte und Altertumskunde 27 (1906), 103-151, 136.

32 Beschorner: Beschreibungen (wie Anm. 31), 105.

33 Hans Beschorner: Das Zeithainer Lager von 1730, in: Neues Archiv für sächsische Geschichte und Altertumskunde 28 (1907), 50-115, 69.

34 Leopold von Ranke: Zwölf Bücher Preußischer Geschichte, 2. Bd., München 1930, 120.

35 Ranke: Zwölf Bücher (wie Anm. 34), 120-122. – Thomas Cralyle: Geschichte Friedrichs des Zweiten genannt der Große. Neu herausgegeben und bearbeitet auf Grund der Originalübersetzung von Georg Dittrich, 2. Bd., Meersburg 1928, 140f. – Reinhold Koser: Friedrich der Große als Kronprinz, 2. Aufl., Stuttgart / Berlin 1901, 38-41.

36 Koser: Kronprinz (wie Anm. 35), 38.

37 Wilhelm Oncken: Sir Charles Hotham und Friedrich Wilhelm I. im Jahre 1730. Urkundliche Aufschlüsse aus den Archiven zu London und Wien, Teil 3, in: Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte 9 (1897), 23-53, 28.

38 Koser: Kronprinz (wie Anm. 35), 40.

39 Siehe Koser: Kronprinz (wie Anm. 35), 235.

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Preußen bis 1947
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18. Jh.
4047194-9 174302290 118535749 4137803-9
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Preußen (4047194-9), Brühl, Heinrich (174302290), Friedrich II., Preußen, König (118535749), Feindschaft (4137803-9)
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J. Luh: Feinde fürs Leben
In: Studien und Vorträge zur preußischen Geschichte des 18. Jahrhunderts der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/friedrich300-studien/luh_feinde
Veröffentlicht am: 08.11.2013 10:05
Zugriff vom: 30.03.2020 00:19
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