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Prof. Dr. Wulf Oesterreicher: Statement

Geisteswissenschaft im Dialog - Die Wissenschaftssprache der Zukunft. Abschied vom Deutschen?

Prof. Dr. Wulf Oesterreicher

Zur Person

1962-1969 Studium der Romanistik, Germanistik, Geschichte und Philosophie in Tübingen und Nancy; Staatsexamen

1970 VW-Tutor am Romanischen Seminar der Universität Tübingen

1971 Wiss. Angestellter am Romanischen Seminar der Universität Freiburg im Breisgau (Lehrstuhl Prof. Hans-Martin Gauger)

1977 Promotion im Fach Romanische Philologie; "Sprachtheorie und Theorie der Sprachwissenschaft"

1989 Habilitation für das Fach Romanische Philologie in Freiburg i. Br.

1990/91 Vertretung einer C4-Professur am Institut für Romanische Sprachen und Literaturen der Universität Frankfurt a. M.

1991-1996 Leitung des Teilprojekts "Nähesprachlich geprägtes Schreiben in der Kolonialhistoriographie Hispanoamerikas" im Rahmen des Freiburger SFB 321 "Spannungsfelder und Übergänge zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit"

1991 C3-Professor für Romanische Philologie an der LMU München

1992-1994 Ablehnung von Rufen auf C4-Professuren in Potsdam, Saarbrücken und Frankfurt a. M.; Rufanfrage der Humboldt Universität zu Berlin

seit 1994 Inhaber des Lehrstuhls für Romanische Philologie/Sprachwissenschaft an der LMU (Nachfolge Prof. Wolf-Dieter Stempel)

1995-1999 Mitglied der Versammlung und der Planungskommission der LMU

seit 1996 Gastdozenturen in Europa und Amerika:

Budapest, Sevilla, Guadalajara, Caracas, Lima, Curitiba, São Paulo, Campinas, San Miguel de Tucumán, Córdoba, Mendoza und Buenos Aires

1997-1999 Dekan der Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaft I der LMU München

1997-2001 Vorsitzender des Deutschen Romanistenverbands (DRV)

— DAAD-Gutachter für Lateinamerika

— Vertrauensdozent der Studienstiftung des deutschen Volkes

2001-2002 Direktor des neugegründeten Departments IV für Klassische, Mittellateinische, Romanische und Slavische Philologie der Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften

2002 Mitglied der Haushaltskommission der LMU

Seit 2002 Sprecher des Münchner SFB 573 "Pluralisierung und Autorität in der Frühen Neuzeit"

2003 Ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften

2003 Mitglied im Internationalen Doktoranden-Kolleg "Textualität in der Vormoderne" (Elite-Netzwerk Bayern)

seit 2004 Stellvertretender Vorsitzender des "Fachkollegiums Sprachwissenschaft" der DFG

seit 2005 Koordinator des "Zentrums für Sprach- und Literaturwissenschaft: Sprache — Text — Kultur" im Rahmen von LMUinnovativ

seit 2008 Vorsitzender des "Fachkollegiums Sprachwissenschaft" der DFG

Statement

Die Wissenschaftssprache – eine Mystifikation? Mehrsprachigkeit und die Sprachen der Wissenschaften

"Abschied vom Deutschen" heißt "Übergang zum Englischen". Die Vision der Verfechter dieses Übergangs ist bekannt. Englisch soll nicht nur in den Wissenschaften und der internationalen Politik gebraucht werden, sondern auch in den vom Sog der Globalisierung erfassten Bereichen des Industrie-, Banken- und Versicherungsma­nagements. Mehrsprachig­keit gilt hier als Folklore, als Relikt einer überholten geschichtlich-lebensweltlichen Praxis, die in einem einheitlichen, globalen Kommunikationszusammenhang auszumerzen ist.

Bezüglich der Rede von "der Wissenschaftssprache" sind allerdings Denkfehler zu diagnosti­zieren. Erstens geht es in der Wissenschaft gerade nicht allein um Kommunikation, Verständigung, sondern vor allem um je spezifische Erkenntnis. Von Wissenschaftssprache im Singular zu sprechen, ist damit nicht sinnvoll; es existieren nur Verwendungen des Englischen, des Deutschen usw. in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen und intern differenzierten Diskurszusammenhängen. Diese begrifflich-argumentativen und sprachlich-diskur­siven Differenzqualitäten werden im mehrsprachigen Wissenschaftskontakt noch verstärkt, in dem Tranfers in der Regel nicht ohne Verluste möglich sind. Bezüglich der Wissensproduktion und der Wissenspräsentation sind unterschiedliche Sprachen nämlich nicht beliebig austauschbar. Allerdings gibt es Abstufungen, also Grade der Sprachgebundenheit, die in den sogenannten Naturwissenschaften, in der Medizin usw. beträchtlich reduziert sind, in den Geistes- und Sozialwissenschaften hingegen fundamentale Bedeutung besitzen. Diese konstituieren ihre Objektzusammenhänge erst durch Sprache, wodurch, abhängig vom jeweiligen Erkenntnisinteresse, Differenzqualitäten in Begriffsbildung, in Argumentationsmustern und im wissenschaftlichem Habitus unvermeidlich werden.

Die Innovationskraft der Wissenschaften produziert kulturelle, ökonomische, wissenschaftliche und technische Komplexität, der der Reduktionismus und die Unterkomplexität von Einsprachigkeit grundsätzlich nicht gerecht werden können.

PSJ Metadata
Statement
PDF document oesterreicher_statement.doc.pdf — PDF document, 187 KB
Prof. Dr. Wulf Oesterreicher: Statement
In: Die Wissenschaftssprache der Zukunft. Abschied vom Deutschen? (Geisteswissenschaft im Dialog, 06.05.2008, München - Bayerische Akademie der Wissenschaften)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/gid/2008-05-06/oesterreicher_statement
Veröffentlicht am: 16.02.2016 15:50
Zugriff vom: 27.01.2020 09:59
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