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Prof. Dr. Helmuth Trischler: Statement

Geisteswissenschaft im Dialog - Die Erfindung des Europäers. Perspektiven aus Wissenschaft, Geschichte, Kultur

Prof. Dr. Helmuth Trischler

Zur Person

Prof. Dr. Helmuth Trischler, geb. 1958 in Ulm, hat Geschichte, Germanistik und Pädagogik studiert. 1986 promovierte er in München mit einer Arbeit zu Technikern im deutschen Bergbau 1815-1945. Bereits mit dieser Arbeit und mehr noch mit seiner Habilitationsschrift zur Luft- und Raumfahrtforschung in Deutschland 1900-1970 hat er seinen Forschungsschwerpunkt auf die Wissenschafts- und Technikgeschichte konzentriert. Nach einer Wissenschaftlichen Assistententätigkeit an der Universität München wechselte er 1990 an das Deutsche Museum, wo er seit 1993 den Bereich Forschung leitet. Seit 1997 hat er zudem eine Professur für Neuere Geschichte und Technikgeschichte an der LMU München inne.

Er ist Mitglied diverser Wissenschaftlicher Beiräte (u. a. des MPI für Wissenschafts-geschichte in Berlin und des Österreichischen Bundesforschungsministeriums) und Fachgremien (etwa des DFG-Fachkollegiums Geschichte) und Leiter bzw. Koordinator zahlreicher nationaler und internationaler Forschungsverbünde, darunter des großen europäischen Forschungsverbunds "Inventing Europe. Technology and the Making of Europe, 1850 to the Present". Außerdem ist er Leiter des Teilprojektes "Der Homo Europaeus zwischen Forschung und Markt" im Projekt "Imagined Europeans", einem Vorhaben der Freirauminitiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Von den gut 100 Publikationen seien hier nur das 2003 erschienene Buch "Prometheus Wired. Globalisation, History and Technology" und der jüngst in der Zeitschrift "History and Technology" erschienene Artikel "Engineering Europe. Big Technological Systems and Military Projects" genannt.

Statement

Der Europäer: eine Erfindung des 20. Jahrhunderts?

Was kennzeichnet eigentlich einen Europäer? Weder der antike Mythos noch die Geographie noch die Unionsbürgerschaft der EU liefern dafür hinreichende Kriterien. Als Begriff mit der Funktion, eine Menschengruppe von anderen zu unterscheiden, setzte sich der Begriff "Europäer" erst seit dem 18. Jahrhundert durch und erlebte seitdem viele Wechselfälle. Rassistisch fundierte Überlegenheitsphantasien, Selbstzweifel, Infragestellungen und Neubesinnungen verbanden sich mit ihm. Besonders deutlich zeigt das die Geschichte des "kurzen" 20. Jahrhunderts vom Ersten Weltkrieg bis zum Fall der Mauer, aber auch unsere Gegenwart: Wahrscheinlich noch nie traten so unterschiedliche Vorstellungen in so kurzer Zeit nebeneinander, konkurrierten und lösten einander ab.

Figurationen des Europäers erscheinen plural, fragmentiert und polyvalent, und sie verweisen oft auf jeweils unterschiedliche Wissensfelder. Egal aber, ob Europäer als Rasse, als Vertreter einer besonderen Zivilisation, als Bewohner eines Kontinents oder als Bürger der EU verstanden werden – gemeinsam ist den verschiedenen Merkmalen und Merkmalsketten, dass sie den Europäer als ein Subjekt der Geschichte sichtbar zu machen versuchen. Subjekt, nicht Objekt, zu sein, das heißt, der Moderne mit ihrer Tendenz zur Massengesellschaft, zu Anonymität und Konformität etwas entgegenzusetzen. Es heißt zugleich, anders zu leben und zu "sein", als die Bedingungen einer entindividualisierten Marktorientierung à l'américaine oder die geisterhaften Kräfte der Globalisierung vorzugeben scheinen. Und schließlich legitimiert der Subjektstatus, über Normen, die ihnen zugrunde liegenden Wertvorstellungen und die aus ihnen folgenden Maßnahmen inklusive des Ausnahmezustands mitzubestimmen.

PSJ Metadata
Statement
PDF document trischler_statement.doc.pdf — PDF document, 180 KB
Prof. Dr. Helmuth Trischler: Statement
In: Die Erfindung des Europäers. Perspektiven aus Wissenschaft, Geschichte, Kultur (Geisteswissenschaften im Dialog, 23.10.2008, Berlin - ICI Kulturlabor)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/gid/2008-10-23/trischler_statement
Veröffentlicht am: 16.02.2016 15:44
Zugriff vom: 22.09.2020 19:27
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