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Prof. Dr. Winfried Menninghaus: Statement

Geisteswissenschaft im Dialog - Natürlich Kultur ... Wer bestimmt das Menschenbild? Geisteswissenschaft im Dialog auf der WissensWerte Bremen

Prof. Dr. Winfried Menninghaus

Zur Person

Prof. Dr. Winfried Menninghaus, Jahrgang 1952, ist seit 1989 Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Seit 2007 ist er Sprecher des Exzellenzclusters "Languages of Emotion" an der Freien Universität Berlin. 2002 machte ihn die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften zu ihrem ordentlichen Mitglied. Er hatte Gastprofessuren in Berkeley, Yale und Princeton inne, außerdem an der Hebrew University of Jerusalem. Nach dem Studium der Philosophie, Germanistik und Politik und seiner Promotion arbeitete er ein Jahr als Lektor bei Suhrkamp, war als Freier Autor, Herausgeber und Verlagsberater tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte sind antike Rhetorik und Poetik, philosophische, psychologische und evolutionäre Ästhetik, Literatur und Poetik seit 1750 – mit besonderen Schwerpunkten auf der deutschen Romantik und der Literatur des 20. Jahrhunderts.

Statement

Zu Neuro- und Geisteswissenschaften

Die Geistes- und Sozialwissenschaften sind traditionell der reichen Komplexität mentaler und kultureller Erfahrungen zugewandt; sie haben ihre Modell- und Begriffsbildung selten oder nie an Modelle bzw. empirische Kenntnisse von der inneren Arbeitsweise des Gehirns zurückgekoppelt. Die Neurowissenschaften sind unerlässlich, um eine solche Rückkopplung zu erreichen.

Neurowissenschaftliche Forschung über kognitive und emotionale Phänomene ist in erster Linie eine brain-Forschung aus einer Dritte-Person-Beobachterperspektive. Als solche ist sie gleichwohl in hohem Maß abhängig von der Erste-Person-Perspektive des Erlebens und der introspektiv sowie sprachlich-begrifflich gestützten Kategorisierung (mind-Ebene); diese sind traditonell eher die Domäne der Philosophie, der Geisteswissenschaften und der qualitativen Verfahren in Psychologie und Sozialwissenschaften. Reine Gehirnaktivierungsmuster sagen gar nichts, wenn sie nicht immer schon – und zwar sowohl vor wie nach der Messung – auf kognitive oder emotionale Qualitäten bezogen werden. Ohne eine begriffsgeleitete Vorannahme darüber, was etwa "Angst" ist, würde eine experimentelle Messung gar nicht durchgeführt, und die Auswertung solcher Messungen – insbesondere in den "discussion"-Paragraphen – verwendet regelmäßig Kategorien und Hypothesen, die ebenfalls nicht allein Resultat neurowissenschaftlicher Meßmethoden sind.

In der begrifflichen und erfahrungsbezogenen (Vor-)Klärung der untersuchten Phänomene unterlaufen neurowissenschaftliche Studien sehr oft einen Reflexions- und Differenzierungsstand, der in den Geisteswissenschaften erreicht ist. Die Einbeziehung von Kollegen dieser Fächer kann zu einer veränderten Sicht auf das zu untersuchende Phänomen und letztlich zu veränderten experimentellen Designs führen.

Viele Bereiche der Neurowissenschaften operieren – wie große Bereiche der Geisteswissenschaften – mit Interpolationen, deren Zuverlässigkeit in vielen Fällen hochgradig unsicher ist. Einem Literaturwissenschaftler fällt bei der Lektüre insbesondere von fMRI-Studien die enorm hohe Frequenz der Verwendung von hypothetischen, grammatisch oft in den Konjunktiv gesetzten Glaubens- und Suggestionsformeln ("this area is believed to be involved in...", "prior evidence suggests that...", "we suggest"). Obwohl die wenigen Hirnregionen allesamt in zahlreiche und sehr verschiedene Prozesse involviert sind, werden oft auf schmaler Datenbasis kühne Funktionszuschreibungen unternommen. Aus Kostengründen wird auch meist mit sehr geringen Probandenzahlen gearbeitet, was die statistische Validität stark einschränkt.

Neurowissenschaftliche Forschungen müssen Apparate- und Design-bedingt enorme Vereinfachungen der Stimuli vornehmen. Dies ist ein schwieriger, entscheidungsreicher Prozeß, bei dem eine multidisziplinäre Perspektive hilfreich sein kann. In der Forschungsroutine scheint oft ein Bewusstsein davon verloren zu gehen, mit wieviel Realitätsverlust dieser Prozeß regelmäßig verbunden ist. Beispiel: die neurowissenschaftliche Emotionsforschung untersucht bislang beinahe ausschließlich emotionale Ereignisse, die sich im Millisekundenbereich abspielen. Was jenseits von einer Sekunde liegt, ist fast noch gar nicht erforscht worden. Das Aufkommen des methodischen Ideals der "ökologischen Validität" reflektiert diese erhebliche Gefahr des Realitätsverlusts durch die Erforschung extrem vereinfachter und operationalisierter Stimuli in extrem künstlichen experimentellen settings. Um "ökologische Validität" zu erreichen, scheint heute eine gemeinsame Anstrengung verschiedener Disziplinen verlangt.

PSJ Metadata
Statement
PDF document menninghaus_statement.doc.pdf — PDF document, 181 KB
Prof. Dr. Winfried Menninghaus: Statement
In: Natürlich Kultur ... Wer bestimmt das Menschenbild? Geisteswissenschaft im Dialog auf der WissensWerte Bremen (18.11.2008 - Congress Centrum Bremen)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/gid/2008-11-18/menninghaus_statement
Veröffentlicht am: 16.02.2016 15:39
Zugriff vom: 03.08.2020 19:13
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