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Priv.-Doz. Dr. Thomas Schaarschmidt: Statement

Geisteswissenschaft im Dialog-Erinnerung und Unbewusstes. Sammlungen und Archive als kulturelles Gedächtnis

Priv.-Doz. Dr. Thomas Schaarschmidt

Zur Person

Thomas Schaarschmidt ist Zeithistoriker und arbeitet seit 2004 am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Dort leitet er den Forschungsbereich "Geschichte und Gedächtnis" und die im Januar 2009 neu geschaffene Abteilung "Metropole und Provinz". Er studierte in Bonn Geschichte, Politologie und Germanistik und wurde 1990 mit einer Dissertation zur britischen Außenpolitik im 19. Jahrhundert promoviert. Nach drei Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Archivs für Christlich-Demokratische Politik ging er 1994 nach Leipzig, wo er sich 2002 mit einer Studie zum Thema "Regionalkultur und Diktatur" habilitierte. Zurzeit vertritt er den Lehrstuhl für Neuere und Zeitgeschichte in Magdeburg.

Statement

Der Zeithistoriker und das Archiv als kulturelles Gedächtnis

Auf den ersten Blick wirkt es überzeugend, zwischen einem kommunikativen und einem kulturelle Gedächtnis zu unterscheiden und davon auszugehen, dass es Gedächtnisspeicher gibt, deren Inhalte weit über das individuelle Gedächtnis hinaus immer wieder aufgerufen und in das aktuelle Bewusstsein zurückgeholt werden können. Dieses Modell bestimmt das Bild vom Archiv als Speicher des kulturellen Ge­dächtnisses. Es lebt von der Vorstellung, dass Akten und andere Überrestquellen aus dem alltäglichen Geschäftsgang über die Registratur ins Unbewusste des Archivs wandern, aus dem sie durch die Historiker wieder ins Bewusstsein gehoben werden.

Das ist schön und in sich stimmig, hat mit der Praxis der Zeitgeschichtsforschung aber nicht viel zu tun. Qua Definition der Zeitgeschichte als Geschichte der Mitlebenden ist ihr Gegenstand nach wie vor im kommunikativen Gedächtnis präsent, während die Archivalien, auf die sie sich eigentlich stützen müsste, der Forschung entzogen sind, weil sie normalerweise durch jahrzehntelange Sperrfristen und datenschutzrechtliche Bestimmungen geschützt sind.

Die Zeitgeschichtsforschung ist daher darauf angewiesen, auf alternative Überlieferungen zurückzugreifen, z.B. auf die Medienberichterstattung, offen zugängliche offizielle Dokumente, Zeitzeugenaussagen, zeitgenössische Publikationen, Filme und anderes Bildmaterial oder auch auf bauliche und andere materielle Überreste. Damit kommt die Zeitgeschichtsforschung zwar weit, aber sie stößt auch immer wieder an ihre Grenzen.

Ich möchte hier nur auf die Methode der oral history und den Quellenwert von Zeit­zeugen hinweisen. So wichtig Zeitzeugen sind, müssen wir doch immer davon aus­gehen, dass sie uns nicht einfach erzählen, "wie es gewesen", sondern eine von ih­ren aktuellen Wahrnehmungen und Einstellungen ausgehende Version und Inter­pretation der Geschichte erzählen. Das stellt den Historiker vor enorme methodische Herausforderungen, wenn er nicht auf parallele Überlieferungen als Korrektiv zurück­greifen kann. Von daher sind Archivbestände trotz der Masse alternativer Quellen auch für die Zeitgeschichtsforschung von großer Bedeutung, und es ist kein Wunder, dass sich viele zeithistorische Projektplanungen nach wie vor an der Freigabe von Aktenbeständen nach Ablauf der Sperrfristen orientieren.

Ungleich günstiger gestaltet sich die Situation für die Erforschung der Diktaturen des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Nach dem Zusammenbruch der DDR wurde poli­tisch entschieden, das staatliche Archivgut und die Archivalien der SED, der anderen Blockparteien und der parteinahen Massenorganisation so schnell wie möglich für die Forschung zu öffnen und datenschutzrechtliche Bestimmungen nur gelten zu lassen, sofern es um persönliche Daten ging. Damit verband sich die Hoffnung, das politi­sche System der DDR durch Aufklärung über das Versagen und die Verbrechen der SED-Diktatur in den Augen der ostdeutschen Öffentlichkeit nachhaltig zu delegitimie­ren und einer Verdrängung der eigenen Geschichte vorzubeugen. Die archivbasierte historische Forschung sollte der breiten gesellschaftlichen Aufarbeitung die notwen­dige wissenschaftliche Grundlage verschaffen. Negative Referenzfolie für diese Ent­scheidung war die Sorge vor einer Wiederholung des "Beschweigens" der NS-Ver­gangenheit in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik.

Die Entscheidung, die Archive der SED, der staatlichen Behörden der DDR und der anderen Parteien und Massenorganisation zu öffnen, war und ist ein Glücksfall für die Zeitgeschichtsforschung, aber ging sie von den richtigen Prämissen aus? Zum einen stellt sich die Frage, ob die unbestreitbare Verdrängung der NS-Vergangenheit in weiten Teilen der westdeutschen Bevölkerung bis in die 70er Jahre tatsächlich mit Defiziten der Zeitgeschichtsforschung erklärt werden kann. Möglicherweise spielten die starke Präsenz der "Erlebnisgeneration" und ihr Einfluss auf die öffentlichen Debatten eine viel größere Rolle, so dass man, um im eingangs beschriebenen Bild zu bleiben, davon sprechen kann, dass die "Zeitzeugen" und nicht die Zeithistoriker das kommunikative Gedächtnis bestimmten. Das hatte zur Folge, dass die Ergebnisse der wissenschaftlichen NS-Forschung erst mit großer Verzögerung rezipiert und Allgemeingut der öffentlichen Debatten wurden.

Die Situation nach 1989/90 weist gewisse Parallelen auf. Obwohl die Bestände zur DDR-Geschichte der Forschung weitgehend offen stehen, viel Geld in die wissenschaftliche Aufarbeitung gesteckt worden ist und die beiden Enquete-Kommissionen des Bundestages zur SED-Diktatur in den 90er Jahren der öffentlichen Auseinandersetzung mit der realsozialistischen Vergangenheit wichtige Impulse gaben, hält sich der Einfluss der Wissenschaft auf die im kommunikativen Gedächtnis reproduzierten und tradierten Geschichtsbilder in Grenzen. Auf dieser Ebene stehen Geschichtswissenschaft und um Aufklärung bemühte historisch-politische Bildung nach wie vor in einer scharfen Konkurrenz zu Familienerzählungen, medialer Vermittlung und Konsumkultur. Teils konstituieren sich "ostalgische" Geschichtsbilder geradezu als Trotzreaktion auf das Aufarbeitungs-Postulat, so dass der Zeitzeuge nicht selten gegen den Zeithistoriker steht.

Wenn die Wirkung auch nicht unbedingt die erhoffte ist, kann man der wissenschaftlichen Erforschung der DDR-Geschichte doch attestieren, dass sie in den vergangenen 19 Jahren einen wichtigen Beitrag zur Analyse und Interpretation der Diktaturen des 20. Jahrhunderts geleistet hat. Das wäre ohne die Öffnung der Archive in den neuen Bundesländern nach 1989/90 nicht möglich gewesen. In relativ kurzer Zeit wurden die für die DDR-Geschichte relevanten Bestände im Bundesarchiv, in den Haupt-, Staats-, Landes-, Kreis- und Kommunalarchive erschlossen und zugänglich gemacht. Zu ihren Schätzen zählen neben dem Verwaltungs- und Parteischriftgut nicht zuletzt die Bestände vieler ehemaliger "Volkseigener Betriebe", die ihre Akten als Staatsbetriebe zu DDR-Zeiten an die staatlichen Archive ablieferten. Neben den Verwaltungsarchiven wurden mit der BStU und der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR – kurz SAPMO genannt – zwei völlig neue Einrichtungen geschaffen, die erste als selbständige Bundesbehörde, die andere als Stiftung unter dem Dach des Bundesarchivs. Der Forschung steht hier ein gewaltiger Fundus zur Verfügung, der ungeachtet aller Debatten um die Aussagekraft von Partei- und MfS-Überlieferungen gute Arbeitsbedingungen bietet.

Auf lange Sicht mögen sich auch diese Archive zu Speichern des kulturellen Gedächtnisses entwickeln. Noch dürfen wir es als Glücksfall betrachten, dass ihre Bestände nicht im Unbewussten verharren, sondern unmittelbar in die Zeitgeschichtsforschung einfließen.

PSJ Metadata
Statement
PDF document schaarschmidt_statement.doc.pdf — PDF document, 188 KB
Priv.-Doz. Dr. Thomas Schaarschmidt: Statement
In: Erinnerung und Unbewusstes. Sammlungen und Archive als kulturelles Gedächtnis (Geisteswissenschaften im Dialog, 12.02.2009, Nürnberg - Germanisches Nationalmuseum)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/gid/2009-02-12/schaarschmidt_statement
Veröffentlicht am: 16.02.2016 15:31
Zugriff vom: 22.09.2020 18:36
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