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Prof. Dr. Udo Wengst: Statement

Geisteswissenschaft im Dialog-Erinnerung und Unbewusstes. Sammlungen und Archive als kulturelles Gedächtnis

Prof. Dr. Udo Wengst

Zur Person

Udo Wengst ist Stellvertretender Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München und Honorarprofessor für Zeitgeschichte an der Universität Regensburg. Er ist Herausgeber mehrerer Bände der Quellen zur "Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien" sowie Redaktionsmitglied der vom Institut für Zeitgeschichte herausgegebenen Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Zahlreiche Publikationen vor allem zur deutschen Geschichte nach 1945, darunter die Biografie über den FDP-Politiker Thomas Dehler (1997).

Statement

Archive und Zeitgeschichtsforschung.

Konstanten und Veränderungen in der Bundesrepublik

Zeitgeschichte ist eine junge Teildisziplin des Gesamtfaches Geschichte in Deutschland. Eingeführt wurde sie erst nach 1945 in der Endzeit der Besatzungsjahre und den Anfangsjahren der Bundesrepublik. Installiert wurde sie an außeruniversitären Forschungsinstituten – an den Universitäten fasste sie erst rund zehn Jahre später Fuß.

Im Zentrum stand zunächst das Institut zur Erforschung der nationalsozialistischen Zeit, das spätere Institut für Zeitgeschichte in München, das 1949 gegründet wurde. Die ursprüngliche Namensgebung weist darauf in, was damals unter Zeitgeschichte verstanden wurde: Ihr Gegenstand war die Geschichte des Nationalsozialismus und seine Vorgeschichte seit 1917/18. Für den damals im Erwachsenenalter befindlichen Personenkreis definierte Hans Rothfels dementsprechend Zeitgeschichte als "Epoche der Mitlebenden und ihre wissenschaftliche Behandlung".

Als wichtigste Aufgaben des neugegründeten Instituts definierte die erste Satzung – und damit komme ich zu meinem eigentlichen Thema – die Sammlung "von Quellen zur Zeitgeschichte, insbesondere zur Geschichte und Vorgeschichte des Nationalsozialismus" und deren Auswertung und gegebenenfalls Veröffentlichung. Mit dieser Aufgabenstellung war die Einrichtung eines Archivs im Institut verbunden. Dies war deshalb nötig, da zentrale Aktenbestände des Reichs von den Alliierten beschlagnahmt und vor allem in die USA abtransportiert worden waren. Andere Bestände amtlichen und privaten Charakters waren infolge der Kriegsereignisse und des Zusammenbruchs weit verstreut. Das wissenschaftliche Personal des Instituts war nicht nur bestrebt, einen Teil dieses Materials zusammenzutragen, sondern schuf durch die ausgiebige Befragung von Zeitzeugen einen zusätzlichen Bestand, der bis heute der wissenschaftlichen Forschung als "sekundäres Archivmaterial" zur Verfügung steht.

Mit der ersten Veröffentlichung kam das Institut einer weiteren in der Satzung verankerten Aufgabe nach. 1957 publizierte es eine – wenn auch umstrittene – Quellenedition. Dabei handelte es sich um "Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier 1941-1942", deren Veröffentlichung der Freiburger Ordinarius Gerhard Ritter besorgt hatte. Hiermit beschäftigte sich sogar das Bundeskabinett und Bundeskanzler Adenauer machte aus seiner Verärgerung kein Hehl. Gleichwohl war dies der Auftakt für eine Gattung von Veröffentlichungen, die für die Zeitgeschichte in der Bundesrepublik von besonderer Bedeutung geworden sind. Nicht nur das Institut für Zeitgeschichte, sondern auch die Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, das Bundesarchiv, die Parteistiftungen und andere Einrichtungen geben bis heute Quelleneditionen zur Zeitgeschichte heraus, die für die Forschung von großem Wert sind. Als Beispiele seien nur die "Protokolle des Interfraktionellen Ausschusses von 1917/18", mit deren Veröffentlichung im Jahr 1954 die Parlamentarismus-Kommission die erste methodisch grundlegende zeitgeschichtliche Edition vorlegte, und die soeben abgeschlossenen Publikation der "Goebbels-Tagebücher" durch das Institut für Zeitgeschichte mit insgesamt 32 Bänden genannt.

Aber nicht allein mit dieser Tätigkeit hat sich die Zeitgeschichte als eigenständige Disziplin gegenüber den seit langer Zeit etablierten Zweigen des Fachs an den Universitäten durchgesetzt. Es waren die quellengestützten Forschungsbeiträge, mit denen die Zeitgeschichte insbesondere nach Rückführung der wichtigsten deutschen Aktenbestände Ende der 1950er Jahre zunehmend Ansehen gewann. Dass die quellengestützte Forschung so frühzeitig möglich war, ist darauf zurückzuführen, dass es keine Zugangsbeschränkung für die Benutzung der Akten aus der NS-Zeit gegeben hat, d. h. vor allem, dass die Aktenbenutzung nicht erst nach dem Ablauf bestimmter zeitlicher Fristen möglich war. Eine ähnliche Situation hat es nach dem Zusammenbruch der DDR gegeben. Auch die Akten dieses Regimes standen – von wenigen Ausnahmen abgesehen – der Forschung unmittelbar nach der Wiedervereinigung zur Verfügung.

Für die Geschichtsschreibung über die Bundesrepublik – die wie die DDR-Forschung – heute ein Teil der Zeitgeschichte ist, aber in Absetzung von der "älteren" Zeitgeschichte (Weimarer Republik, Drittes Reich) als "jüngere" Zeitgeschichte bezeichnet wird, gelten andere Bestimmungen. Das Bundesarchivgesetz von 1988 hat für die Akteneinsicht eine Frist von 30 Jahren festgelegt. Hieran halten sich im Wesentlichen auch die nichtstaatlichen Archive. Allerdings gibt es in Einzelfällen auch Ausnahmegenehmigungen für eine vorzeitige Akteneinsichtnahme, so dass immer wieder archivgestützte Forschungsbeiträge erscheinen, die auf Quellenmaterial basieren, das jünger als 30 Jahre ist.

Es hat somit auf den ersten Blick den Anschein, dass die Bedingungen für die historische Erforschung der deutschen Diktaturen günstiger waren und sind als für die Erforschung der Demokratie der Bundesrepublik. Auf den zweiten Blick ist diese Feststellung aber insofern zu relativieren, als in demokratischen und damit offenen Gesellschaften klassischen Archivalien für die Geschichtsschreibung eine geringere Rolle zukommt als in der Geschichtsschreibung über Diktaturen. Die in Demokratien übliche breite öffentliche, politische und gesellschaftliche Diskussion, die sich in Parlamentsprotokollen, dem öffentlichen Schriftgut von Parteien und Verbänden, in der Presse, in der Erinnerungsliteratur von politischen Akteuren etc. niederschlägt, erlaubt zeitgeschichtliche Forschung von guter Qualität auch ohne oder nur eingeschränkte Einsichtnahme in originäre archivalische Quellenbestände.

Ein Beispiel hierfür ist bereits die klassische Studie über die Auflösung der Weimarer Republik, die Karl Dietrich Bracher 1955 erstmals veröffentlichte. Hierfür konnte er kaum Archivalien im klassischen Sinn heranziehen: Gleichwohl ist die Studie in weiten Teilen bis heute nicht überholt. Ähnliche Beispiele lassen sich auch für die Geschichte der Bundesrepublik anführen. So hat mein Kollege Manfred Kittel soeben ein Manuskript über die kommunale Kulturpolitik in Frankfurt am Main vom Ausgang der 1960er bis in die 1970er Jahre abgeschlossen, in dem er durch die Kontrastierung von Presseberichterstattung und internen, in Archiven aufbewahrten Materialien zeigen kann, wie aussagekräftig Presseberichterstattung für die Forschung sein kann. Verstärkt wird der Bedeutungsverlust von klassischen Archivbeständen für die Geschichtsschreibung durch Entwicklungstendenzen der zeitgeschichtlichen Forschung in der Bundesrepublik in den letzten Jahren. Themen der politischen Geschichte werden weniger behandelt als die Kultur-, Alltags- oder Geschlechtergeschichte. Für diese Bereiche ist vor allem "sekundäres Archivmaterial" von Bedeutung. Zeitgeschichtsforschung hat sich damit – zumindest partiell – von den Zugangsmöglichkeiten zu den Beständen klassischer Archive abgekoppelt. Dies eröffnet ihr die Möglichkeit, sich auch der neuesten Zeit zuzuwenden. Die neueste Zeitgeschichte behandelt – nach Hans-Peter Schwarz – die Jahre seit 1989/91 und damit eine Geschichte, die "noch qualmt".

PSJ Metadata
Statement
PDF document wengst_statement.doc.pdf — PDF document, 187 KB
Prof. Dr. Udo Wengst: Statement
In: Erinnerung und Unbewusstes. Sammlungen und Archive als kulturelles Gedächtnis (Geisteswissenschaften im Dialog, 12.02.2009, Nürnberg - Germanisches Nationalmuseum)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/gid/2009-02-12/wengst_statement
Veröffentlicht am: 16.02.2016 15:31
Zugriff vom: 13.07.2020 07:40
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