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Prof. Dr. Ursula Lehmkuhl: Statement

Geisteswissenschaft im Dialog – Wissenschaft heute - Politik von morgen?

Statement

Prof. Dr. Ursula Lehmkuhl


Zur Person

Ursula Lehmkuhl übernahm 2007 das Amt der 1. Vizepräsidentin der Freien Universität Berlin. Vorher war die Romanistin und Historikerin als Professorin für Nordamerikanische Geschichte an der Universität Erfurt tätig. Als Expertin für die Geschichte Nordamerikas liegt ihr Forschungsschwerpunkt im Bereich Regionalstudien. Sie ist seit 2002 Professorin am John F. Kennedy Institut der FU Berlin.

Statement

„Die Globalisierung der Wirtschaft und der Wissenschaft hat die deutsche Wissenschaft in eine neue Phase katapultiert: eine Phase internationaler Kooperation – und Konkurrenz. Im industriellen Zeitalter begegnete Deutschland den internationalen Herausforderungen für die nationale Wirtschaft mit einer Außenwirtschaftspolitik. In der neuen Zeit globaler Wissensvernetzung und Innovationskonkurrenz braucht Deutschland eine Außenwissenschaftspolitik.“ – so stellte Georg Schütte, Generalsekretär der Humboldt-Stiftung in einem Zeit-Artikel vom 12. April 2006, also vor knapp drei Jahren, fest und er konstatierte, dass diese Außenwissenschaftspolitik noch ausstehe.

Wo stehen wir also heute, drei Jahre nach dem Auftakt einer Diskussion, die nicht nur das Auswärtige Amt, sondern auch das BMBF und viele politikberatend tätige Einrichtungen beschäftigt hat. Was sind angesichts der immer dichteren Verflechtung der Weltregionen in der Globalisierung die besonderen Herausforderungen an die Wissenschaft heute und was soll und kann wissenschaftliche Politikberatung leisten? Was sind die spezifischen wissenschaftlichen Herausforderungen, auf die ein auf die Entfaltung einer Wissensgesellschaft angewiesenes Land wie Deutschland reagieren muss? Auf diese und andere Fragen möchte ich im Folgenden aus Sicht der Universitäten eingehen. Hier findet Forschung und Lehre statt, die sich insbesondere im Rahmen der Regionalforschung intensiv mit dem Phänomen der Globalisierung beschäftigt. Ich möchte dies tun im Rahmen von sechs Thesen, die ich im Rahmen unseres heutigen „Dialoges“ gern zur Diskussion stellen möchte.

These 1:

In der Tat fordert die immer dichtere Verflechtung der Weltregionen untereinander eine neue Qualität der Orientierung in der Welt und ihrer Grundlagen in der Wissenschaft. Dies gilt in besonderem Maße für ein auf die Entfaltung einer Wissensgesellschaft angewiesenes Land wie Deutschland. Nach dem Ende des Kalten Krieges hat sich die Rolle Deutschlands in Europa und der Welt verändert. In einer Phase beschleunigter Globalisierung hat Deutschland zunehmend internationale Verantwortung übernommen, die eine intensivere wissenschaftliche Befassung mit den hieraus erwachsenen Problemen notwendig macht. Sie erfordert eine informierte Einschätzung von Situationen in den unterschiedlichsten Weltregionen, ein Verständnis lokaler Problemlagen und globaler Machtverschiebungen mit ihren transnationalen, transregionalen aber auch transkulturellen Verflechtungen.

These 2:

Die Wissenschaft war lange Zeit mit ihrer Einteilung in Regionalexperten und Disziplinvertreter unzureichend darauf eingestellt, Politik, Wirtschaft und Medien die notwendige Wissensbasis anzubieten. Die Wissenschaftler waren oft Spezialisten entweder ihrer Disziplin (wie Geschichte, Politik, Literatur) oder einer Region. Mit der Zunahme von ökonomischer, politischer, sozialer, rechtlicher und kultureller Verflechtung zwischen den Weltregionen entstehen neue Probleme und Spielräume; denn die Verflechtungen homogenisieren nicht nur manche Lebensbereiche, sondern sie bringen auch vielfältige, sehr unterschiedliche Ausprägungen moderner Gesellschaften hervor, die zunehmend miteinander in Konkurrenz treten. Die Verflechtungsprozesse produzieren auch neue Konflikte. Das Verständnis globaler Konkurrenzsituationen und die neuen Konflikte erfordern genaue Kenntnis der lokalen Gegebenheiten und gleichzeitig disziplinäre, methodisch entwickelte Ansätze und theoretische Reflexion. Nur in dieser Verknüpfung können transregionale Dynamiken und kulturelle Übersetzungsprozesse untersucht und begreifbar gemacht werden.

These 3:

Um eine wissenschaftliche Politikberatung zu gewährleisten, ist es zunächst und vor allem notwendig, die an den verschiedenen Universitätsstandorten vorhandene Regionalexpertise zu stärken. Dies allein reicht aber nicht aus. Angesichts der zunehmenden globalen Verflechtung benötigen wir vielmehr eine systematische Vernetzung unterschiedlicher Regionalexpertise. Nur so kann die wissenschaftliche Spannung produktiv gemacht werden, die darin besteht, dass Regionen einerseits Konstrukte sind, die mit Hilfe einer doppelt reflexiven Herangehensweise de- und rekonstruiert werden müssen, und dass Regionalforschung andererseits institutionell definiert ist und Regionalexpertise eine unumgängliche Voraussetzung für die Fähigkeit zur De- und Rekonstruktion darstellt. Regionalforschung muss sich selbst in Frage stellen, indem z.B. systematisch untersucht wird, wie andere Kulturen ihre Regionen sehen und definieren, oder indem untersucht wird, wie die Regionen die jeweils anderen Regionen wahrnehmen und wie die Transfer- und Diffusionsprozesse zwischen den Regionen aussehen. Forschungsfragestellungen müssen dabei aus den Regionen heraus entwickelt werden. Regionalforschung kann so die Funktion einer kritischen Instanz für die nach wie vor von westlichen Voraussetzungen her definierte disziplinäre Forschung übernehmen. Als kritische Instanz trägt sie zur Weiterentwicklung der geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschung, ihrer Theorien, Konzepte und Begriffe bei. Dies ist eine wesentliche Voraussetzung für eine wissenschaftlich basierte Politikberatung.

These 4:

Zu den methodischen Postulaten einer Regionalforschung, die die transregionalen und transkulturellen Entwicklungen in das Zentrum des wissenschaftlichen Interesses stellt, gehören neben der Relativierung eurozentrischer Sichtweisen und der Multi- und Interdisziplinarität die stärkere Berücksichtigung der Möglichkeiten und Grenzen kultureller Übersetzungen, insbesondere im Hinblick auf die Übersetzung von Begriffen, Theorien und Konzepten. Die Erkenntnis fördernde Wirkung des Verständnisses anderer Begrifflichkeiten, Denkweisen, Kulturen, Umwelten auf die Sicht des Vertrauten sind dabei ebenso zentral wie die Auseinandersetzung mit dem nomologischen Kern der in europäischen Empirien unter nationalstaatlicher Prägung entstandenen geistes- und sozialwissenschaftlichen Theorien.

These 5:

Eine besondere Herausforderung für den wissenschaftlichen Prozess stellt schließlich auch die Qualitätssicherung und Legitimation des im Rahmen der Regionalforschung produzierten Wissens dar. Beides ist vor allem dann gefordert, wenn die Ergebnisse der Regionalforschung zur Grundlage von „Orientierungswissen“ für die Öffentlichkeit und für wirtschaftliche oder politische Entscheidungen gemacht werden. Ein zentrales Instrument der Qualitätssicherung ist die systematische Einbindung und Interaktion mit Experten verschiedener regionaler Herkunft und zwar auf „gleicher Augenhöhe“. Fachvertreter aus den untersuchten Regionen müssen als Partner in Regionalstudien eingebunden werden. Nur so wird es möglich sein, Analogien, Verwandtschaften und Differenzen zwischen Regionen und Kulturen der Welt nicht nur im Zusammenwirken verschiedener Disziplinen der Geistes- und Sozialwissenschaften und ihrer spezifischen Kompetenzen z.B. für Sprache, Kultur, Ökonomie, Politik, Religion und Recht zu erkunden, sondern dem wissenschaftlichen Prozess Orientierung zu geben und zwar auf der Grundlage geteilter Erfahrungen aus den verschiedenen Regionen Europas, Amerikas, Asiens, Australiens, Afrikas und der arabischen Welt.

These 6:

Eine wissenschaftlich basierte Politikberatung setzt schließlich auch voraus, dass „policyorientierte Überlegungen“ integraler Bestandteil der Forschungsfragen und Forschungsansätze werden. Nur so wird es möglich sein, die z.B. über Think Tanks kanalisierte Politikberatung eng mit der universitären Forschung zu verbinden und gleichzeitig die universitäre Forschung mit politikgeleiteten Perspektiven zu verknüpfen. Die großen Themen der Geistes- und Sozialwissenschaften können so wissenschaftlich fundiert und praxisnah zugleich bearbeitet werden. Zu solchen Themen gehört beispielsweise die Untersuchung des dynamischen Spannungsfelds von Praktiken, Aushandlungsprozessen und kulturellen Übertragungssituationen insbesondere in postkolonialen Gesellschaften bzw. Gesellschaften außerhalb der europäischen bzw. amerikanischen Zentren. Diese kulturellen Aushandlungs- und Übertragungs- bzw. Übersetzungsprozesse haben eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für die Strukturierung interkultureller Kommunikationsprozesse. So ist beispielsweise ein zielführender Umgang mit den Problemen von Identität und sozialer Kohäsion als Vorbedingung, aber auch als Aufgabe und Konsequenz von (Außen-) Politik ohne ein Verständnis kultureller Übersetzungsprobleme, die sich in der politischen und wirtschaftlichen Interaktion mit heterogenen Gesellschaften ergeben, kaum möglich. Im Bereich der Wirtschaft wiederum setzt das Problem der Kulturgebundenheit von Konsumgütern und Konsumverhalten und die damit verbundene Marketingproblematik eine Kenntnis transkultureller Aushandlungsprozesse und ein Bewusstsein für die je spezifische kulturelle Kreativität des Konsumenten voraus; darüber hinaus erfordert sie Einsicht in die Notwendigkeit, globale Produkte und Dienstleistungen auf dem Weltmarkt in lokale Zusammenhänge hinein zu übersetzen ("Lokalisierung").

PSJ Metadata
Ursula Lehmkuhl
Statement
de
CC-BY-NC-ND 3.0
PDF document lehmkuhl_statement.doc.pdf — PDF document, 203 KB
Prof. Dr. Ursula Lehmkuhl: Statement
In: Wissenschaft heute - Politik von morgen? Was wissenschaftliche Politikberatung leisten sollte (Geisteswissenschaften im Dialog, 19.03.2009, Berlin - Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/gid/2009-03-19/lehmkuhl_statement
Veröffentlicht am: 16.02.2016 14:34
Zugriff vom: 03.08.2020 19:52
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