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Prof. Dr. Detlef Nolte: Statement

Prof. Dr. Detlef Nolte

Zur Person

Prof. Dr. Detlef Nolteist Vizepräsident der Stiftung GIGA German Institute of Global and Area Studies/Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien und Direktor des dort angesiedelten Regionalinstituts für Lateinamerika-Studien (ILAS). Er promovierte an der Universität Mannheim und habilitierte sich an der Universität Hamburg. Dort unterrichtet er Politikwissenschaft und Lateinamerikastudien. Am GIGA ist er einer der Koordinatoren des Regional Powers Network (RPN), dem u. a. die UniversitätOxford und das Institut d‘Études Politiques de Paris (Pariser Institut der politischen Studien) angehören. Zu seinen Veröffentlichungen zählen zahlreiche Analysen der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung Lateinamerikas.

Statement

Wohin steuert die Welt?

Instabile Multipolarität oder multi-multipolare Weltordnung?

Schon seit Beginn dieser Dekade findet eine intensive wissenschaftliche und publizistische Debatte über die künftigen Machtverschiebungen in der internationalen Ordnung statt. Goldman & Sachs hatten das Konzept der BRICs – dahinter verbergen sich die Anfangsbuchstaben von Brasilien, Russland, Indien und China – in die Diskussion eingeführt. Sie prognostizierten, dass China Ende der dritten oder in der vierten Dekade die USA als größte Volkswirtschaft überholen werden. Indien werde wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts folgen. Andere Wissenschaftler haben das Konzept der BRICs zum Konzept der BRICSAMs (später BRICSAM plus) erweitert, die Südafrika, Mexiko und einige ASEAN-Staaten einschließen. In Deutschland haben sich Forschungseinrichtungen wie die Stiftung Wissenschaft und Politik, das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik (DIE) und das GIGA mit Konzepten wie den Ankermächten, den "drivers" des Wandels, Führungsmächten und regionalen Führungsmächten auseinandergesetzt. In den USA gibt es seit einigen Jahren eine wissenschaftliche und eine sicherheitspolitische Diskussion, welche Implikationen der Aufstieg Chinas für die USA und die künftige Weltordnung haben könnte. Ein interessanter Strang dieser Diskussion bezieht sich darauf, wie ein friedlicher Machtübergang von einer globalen Führungsmacht zur anderen erreicht werden kann. Ein Schlüssel sind sicherlich gemeinsame Werte und Vorstellungen hinsichtlich der Struktur der internationalen Ordnung. Ein weiterer wichtiger Faktor ist das Verhalten der USA selbst. Versuchen sie den Aufstieg von Rivalen zu behindern und erzeugen sie dadurch Gegenreaktionen?

Eine friedliche Machtveränderung an der Spitze des internationalen Systems setzt voraus, dass die aufstrebenden Mächte die das internationale System bisher tragenden Normen und Regeln so internalisiert haben, dass sich die bisherige Supermacht mit einem relativen Machtverlust abfinden kann. Eine weitere Bedingung ist, dass sich die aufstrebenden Mächte eher durch Kooperation als durch Konflikt eine Nutzenmaximierung im Rahmen der internationalen Ordnung versprechen. Dies setzt voraus, dass die Regeln des internationalen Systems oder der internationalen Wirtschaftsordnung an die Interessenlagen der wichtigsten beteiligten Akteure angepasst werden, damit möglichst viele dieser Akteure zu einer positiven Bilanz ihres relativen Nutzens kommen. Die Wahrnehmung muss vorherrschen, dass die internationale Ordnung nicht nur die Interessen der dominierenden Macht widerspiegelt, sondern auch der Mehrzahl der aufsteigenden Groß- und Mittelmächte dient.

Mit der Wirtschaftskrise stellt sich die Frage, ob sich die genannten Trends zu einer Machtverschiebung im internationalen System umkehren, fortsetzen oder sogar verstärken werden. Wird sich der relative Machtverlust der USA beschleunigen oder werden die USA möglicherweise gestärkt aus der Krise hervorgehen? Eine Prognose ist schwierig. Blicken wir zwei oder drei Dekaden zurück, so gab es damals Bücher über den unaufhaltsamen Aufstieg Japans, der später in einer lang andauernden Stagnation der japanischen Wirtschaft endete. Und die Literatur, welche die USA im Niedergang sahen, wurde durch den Aufschwung der Clinton-Jahre widerlegt. Können wir ausschließen, dass die USA am Ende der große Gewinner der Krise sein werden?

Wie stark sind die USA im Blick auf die zur Verfügung stehenden Machtressourcen zur Zeit, leben wir wirklich bereits in einer multipolaren Welt? Ein im Februar von John Ikenberry, der in Princeton lehrt, und weiteren Kollegen in „World Politics“ veröffentlichter Artikel – mit Daten aus dem Jahr 2006 - dokumentierte nachdrücklich den immer noch beachtlichen Vorsprung der USA in vielen Bereichen nicht zuletzt bei den militärischen Ressourcen. Dieser Vorsprung wird durch die weltweite wirtschaftliche Krise nicht von heute auf morgen verschwinden, zumal auch die Konkurrenten der USA unter der Krise leiden. Eine Besonderheit der augenblicklichen internationalen Konstellation liegt darin, dass zwar das globale Machtzentrum, die USA, geschwächt ist, es aber keine Lösung der Weltwirtschaftskrise ohne diese Wirtschafsmacht geben kann und deren Schwäche die Krise verschärft. Zugleich gibt es auch keine alternative Macht, welche die Rolle der USA in der augenblicklichen Konstellation übernehmen könnte.

Vieles spricht dafür, dass die von Samuel Huntington so bezeichnete uni-multipolare Konstellation noch einige Zeit andauern wird, zumindest im militärischen Bereich. Von der Frage der Polarität, die sich auf die Verteilung von Machtressourcen im internationalen System bezieht, ist das Verhalten der jeweiligen Machtzentren zu unterscheiden. Sowohl in einer multilateralen als auch in einer unilateralen Konstellation, wie sie für die Dekade nach dem Ende des Kalten Krieges kennzeichnend war, sind unilaterale und multilaterale Verhaltensweisen der jeweiligen Großmächte bzw. der Supermacht vorstellbar. Wie John Ikenberry trefflich herausgearbeitet hat, sind nach dem II. Weltkrieg parallel zwei Ordnungssysteme entstanden. Die bipolare Ordnung des Kalten Krieges und das liberale, marktwirtschaftlich orientierte multilaterale System, das von den USA geschaffen und getragen wurde. Während das bipolare System mit dem Ende der UDSSR verschwand, hat die liberale Ordnung überlebt und in den 1990er Jahren immer mehr Staaten eingebunden. Unter Präsident George W. Bush hat die einzig verbliebene Supermacht, die USA, eine offen revisionistische Politik im Blick auf die liberale und multilaterale internationale Ordnung betrieben und verstärkt auf unilaterale Politiken gesetzt. Damit hat sie letztlich gegen das langfristige strategische Interesse der westlichen Führungsmacht gehandelt, der vielmehr an einem Fortbestand dieses Ordnungssystems auch bei einem relativen Machtverlust der USA gelegen sein müsste.

Nun gibt es Anzeichen dafür, dass die USA unter Obama wieder zu einer stärker multilateralen Ausrichtung zurückkehren werden. Und keine der aufstrebenden Mächte stellt die Grundprinzipien eines auf für alle verbindlichen Regeln und Institutionen basierenden internationalen Systems, das dem Freihandel verpflichtet ist, in Frage. In der Abschlusserklärung des G 20-Gipfels in London vom April 2009 vertreten die Unterzeichner die Position, dass die einzige sichere Grundlage für eine nachhaltige Globalisierung und wachsenden Wohlstand für alle in einer offenen Weltwirtschaft basierend auf Marktprinzipien, wirksamen Regulierungen und starken globalen Institutionen liege. Ein klareres Bekenntnis zu der von den USA nach dem II. Weltkrieg geschaffenen liberalen Ordnung kann man sich nicht vorstellen.

Der Konsens über die Grundprinzipien der internationalen Ordnung schließt allerdings Konflikte über die Machtverteilung im internationalen System nicht aus. Offensichtlich spiegeln die internationalen Institutionen nicht mehr die Machtverteilung in der internationalen Politik wider. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat mit seinen fünf ständigen Mitgliedern und Vetomächten die Machtverteilung nach dem II. Weltkrieg festgeschrieben. Weder die Wirtschaftsmächte Japan und Deutschland noch die aufstrebenden Mächte Indien und Brasilien sind ausreichend vertreten. Während Europa überrepräsentiert ist, haben weder Afrika noch Lateinamerika einen ständigen Vertreter in diesem Gremium, obwohl ihre Bevölkerungszahl die europäische deutlich übertrifft. Die G8, die Gruppe der führenden Industriestaaten, schließt Indien, China, Mexiko, Brasilien und Südafrika aus. Als Folge wurde die G8 plus geschaffen, die sich in der Regel im Anschluss an die G8 trifft, und die zuletzt genannten Staaten einschließt. Zwischenzeitlich hatte sich in Gegenreaktion im Rahmen der Verhandlungen der Welthandelsorganisation (WTO) unter Führung Chinas, Indiens und Brasiliens eine G20 gebildet, um die Interessen der Entwicklungs- und Schwellenländer zu vertreten. In Folge der Weltwirtschaftskrise hat sich eine andere G20 gegründet, um Lösungsvorschläge zur Lösung der Finanzkrise zu erarbeiten und miteinander abzustimmen. Dieser gehören wiederum die G8 und die G8 plus sowie weitere wichtige Länder in den verschiedenen Weltregionen wie etwa Indonesien und Argentinien an. In anderen internationalen Organisationen wie dem internationalen Währungsfonds oder der Weltbank wird um die Neuverteilung von Stimmrechten und Leitungspositionen gerungen.

Die Vielzahl sich teilweise in ihren Aufgaben und Mitgliedschaften überlappender internationaler Institutionen und Mitgliedschaften dokumentiert einerseits Defizite der bestehenden Institutionen. Zeitweilig hatten die USA sachfremde internationale Institutionen ihrer Sicherheitsstrategie und dem Kampf gegen Terrorismus untergeordnet. Andererseits zeigt es sich, dass die Ausgestaltung der künftigen globalen Governanzstrukturen noch im Fluss ist. Dabei geht es um die Neuverteilung von Macht und Einfluss als Folge langfristiger Entwicklungen und der aktuellen Krise. Europa könnte mittelfristig an Einfluss verlieren.

Parallel dazu zeigt sich ein Prozess der Stärkung und Erweiterung regionaler Kooperationsstrukturen etwa in Asien oder in Lateinamerika. Diese erfüllen verschiedene Funktionen. Zum einen die Lösung regionaler Probleme bzw. globaler Probleme im regionalen Kontext und zum anderen die Einhegung regionaler Führungsmächte und die Schaffung von Einflusszonen. Damit versuchen diese regionalen Führungsmächte andere, vor allem extraregionale Akteure, auszugrenzen. Ein Beispiel sind relativ neue regionale Kooperationsstrukturen in Asien oder Lateinamerika, die die USA bewusst ausschließen. Auch die USA tragen der regionalen Dimension der globalen Ordnung Rechnung. Die getrennten Treffen von Präsident Obama mit den europäischen und lateinamerikanischen Regierungschefs sind ein Beleg dafür.

Allerdings zeigt es sich, dass es nur wenige Regionen oder Subregionen mit einer eindeutigen Dominanz einer regionalen Führungsmacht gibt. Die Normalität sind konkurrierende Machtzentren und eine Führerschaft, die häufig in Frage gestellt wird. Denn für regionale Mittelmächte gibt es immer eine Option, durch den Aufbau von Sonderbeziehungen zur globalen Führungsmacht den Einfluss der regionalen Führungsmacht zu beschränken. Insofern könnte die Zukunft der uni-multipolaren Weltordnung in einer multi-multipolaren Weltordnung liegen.

PSJ Metadata
Statement
PDF document nolte_statement.doc.pdf — PDF document, 193 KB
Prof. Dr. Detlef Nolte: Statement
In: Die Weltordnung des 21. Jahrhunderts - Ursachen und Folgen globaler Machtverschiebungen (Geisteswissenschaft im Dialog, 29.04.2009, Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung - Frankfurt a.M.)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/gid/2009-04-29/nolte_statement
Veröffentlicht am: 22.02.2016 10:21
Zugriff vom: 20.01.2020 15:35
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