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Dr. Kazimierz Wóycicki: Statement

Geisteswissenschaft im Dialog-Der Wendeprozess oder Der lange Weg zur Freiheit

Dr. Kazimierz Wóycicki

Zur Person

Dr. Kazimierz Wóycickiist am Zentrum für Internationale Beziehungen in Warschau tätig und Dozent an der Universität Warschau. Unter Tadeusz Mazowiecki arbeitete er von 1974 bis 1980 bei der Warschauer Monatsschrift "Więź” und pflegt Kontakte zur demokratischen Opposition in der DDR. Zur Zeit des Kriegsrechts wurde er interniert.Er studierte Philosophie in Lublin sowie Politikwissenschaft und Geschichte an der Universität Freiburg (1985/86). Seine Promotion schrieb er zum Thema Eine deutsche Gewissensbilanz. Die Haltung der Deutschen gegenüber ihrer Vergangenheit 1933-1945. 2007 erhielt er das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Statement

Die lange polnische Revolution

Ursprung und Hintergrund der langen Revolution in Polen ist der Widerstand gegen die kommunistische Herrschaft der 1940er bis in die 80er Jahre. Eine neue Qualität erhielt dieser Widerstand 1968 in Zusammenhang mit einem Generationswechsel. Das Jahr 1968 hatte dabei in Polen einen wesentlich anderen politischen Charakter als in Westeuropa. Die Arbeiterrevolten in den Jahren 1970 und 1976 fanden parallel zu den Denkprozessen in intellektuellen Kreisen statt, in denen bereits eine politische Opposition entstanden war. In der Mitte der 70er Jahre kulminierten verschiedene Tendenzen und Faktoren, wie die Helsinki Konferenz, die Erstarkung der polnischen Kirche unter dem Eindruck der Wahl des Polen Karol Józef Wojtyla zum Papst, Arbeiterproteste und das neue politische Denken der Intelligenz. In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre entstand daraufhin eine Untergrundbewegung mit mehreren illegal gedruckten Zeitschriften. Die Entstehung der Solidarnośćbewegung war das Resultat dieses Prozesses. Der Kriegszustand Ende 1981 konnte diese Entwicklung nicht stoppen. Die politische Opposition erklärte, die gesellschaftlichen Veränderungen durch ein schrittweises Vorgehen und Reformen umsetzen zu wollen und stellte dies explizit auch nach außen hin dar. Der innerste Zirkel der Opposition war sich aber darüber im Klaren, dass es im Kern um die volle Unabhängigkeit, einen vollständigen Systemwandel und eine damit verbundene Zugehörigkeit zum westlichen System ging. Diese Reformorientierung der Solidarnośćbewegung, also die Befürwortung eines sukzessiven Vorgehens, beeinflusste die neuen Entwicklungen in der Sowjetunion unter Gorbatschow. Diese wiederum führten dazu, dass keine Interventionen der sowjetischen Seite erfolgten. Im Jahre 1988 begann die polnische Opposition die Verhandlungen mit den kommunistischen Machthabern. Dies führte im Juni 1989 zu den ersten freien Wahlen und im September 1989 zur Regierungsbildung unter Tadeusz Mazowiecki.

Die polnische Opposition befasste sich zudem mit außenpolitischen Überlegungen und Fragestellungen, welche vor allem in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre diskutiert wurden. Dabei spielte die Wiedervereinigung Deutschlands und die Probleme der Ostpolitik, insbesondere die polnisch-ukrainischen Beziehungen eine wesentliche Rolle.

Die dargestellte Entwicklung in Polen sollte im internationalen Kontext gesehen werden. Die Zäsur von 1989 hat nicht nur für die partikularen nationalen Narrative eine Bedeutung, sondern ist vor allem im Zusammenhang mit dem Zusammenbruch des Kommunismus' im gesamten ehemaligen Ostblock und mit der dortigen Einführung der Demokratie zu sehen.

Die Erzählung über die Opposition ist eine Erzählung über das Europa der Bürger und ist ein Beispiel für die politische Kultur der Verantwortung jedes Einzelnen für das öffentliche Leben und die Gesellschaft.

PSJ Metadata
Statement
PDF document wóycicki_statement.doc.pdf — PDF document, 181 KB
Dr. Kazimierz Wóycicki: Statement
In: Der Wendeprozess oder Der lange Weg zur Freiheit (Geisteswissenschaften im Dialog, 18.06.2009, Justus-Liebig-Universität Gießen)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/gid/2009-06-18/woycicki_statement
Veröffentlicht am: 16.02.2016 09:13
Zugriff vom: 22.09.2020 19:20
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