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Univ.-Doz. Falko Daim: Statement

Geisteswissenschaft im Dialog - Das verlorene Paradies. Strategien zum Klimawandel

Univ.-Doz. Falko Daim

Zur Person

Univ.-Doz. Falko Daim war Professor am Institut für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Wien und ist seit 2003 Generaldirektor des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz (RGZM). Er setzt sich mit der Problematik des Klimawandels aus Sicht der Geisteswissenschaften auseinander und initiierte in diesem Jahr bereits eine zweite Tagung zu dieser Thematik am RGZM. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Archäologie des Frühmittelalters. Er ist Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Statement

Forschungen zur Beziehung Mensch – Umwelt. Der Beitrag der Archäologie

Venedig unter Wasser, Amsterdam und die norddeutschen Küstenstädte überflutet, Millionen Bewohner von Bangladesch auf der Flucht, afrikanische Massen auf dem Weg nach Europa. Mit der Vorhersage solcher sozialer und kultureller Katastrophen als die wahrscheinlichen Folgen der Erderwärmung hat uns der UNO-Klimabericht Anfang 2007 aus dem Schlaf gerissen. Lange hat unser Wirtschaftssystem, das sehr wesentlich auf Ausbeutung der Ressourcen - vor allem jener in anderen Ländern - und beispielloser Verschwendung beruht, für die "Erste Welt" funktioniert. Doch jetzt, wo unsere Zivilisation massiv bedroht ist, soll das Steuer herumgerissen werden. Unsere Ökonomie und unsere Lebensform werden systematisch auf "Nachhaltigkeit" umgestellt werden müssen, wie es unscharf meist genannt wird. Doch wie dies erreicht werden soll, gegen die mächtigen Lobbies der Energieversorger, der Chemie- und Autoindustrie, der Luftfahrtbranche etc., ist noch völlig unklar.

Das Wichtigste dürfte in dieser Phase sein, Visionen für eine bessere Zukunft zu entwickeln und Begeisterung für den Weg dorthin zu entfachen. Es ist wichtig, den Menschen die Angst vor notwendigen Veränderungen zu nehmen, denn neue Wege müssen nicht zu weniger Komfort im Alltag führen. Der tägliche Stauwahnsinn, das Pendlerunwesen, nächtlicher Fluglärm, Ekelfleisch, Pestizide auf dem Gemüse. Das alles sind negative Folgen einer Entwicklung, die Profit vor Lebensqualität und Rücksichtnahme stellt, und die uns alle beeinträchtigen. Bedenken wir, dass es schon in den letzten 30 Jahren gelungen ist, viele gesundheitsbedrohende Gefahren zu beseitigen. Erinnern wir uns an die Abgasschwaden in den Straßen, die vergifteten Flüsse, den sauren Regen vor gar nicht so langer Zeit. Die daraufhin eingeleiteten Maßnahmen zur Einschränkung dieser Umweltbelastungen beweisen, dass unsere Gesellschaft zu einer Reformkraft fähig ist, die es wieder zu mobilisieren gilt.

Doch was hat das alles mit der Arbeit eines archäologischen Forschungsinstituts zu tun? Eine ganze Menge. Denn hier geht es um gesamtgesellschaftliche Fragen, zu denen die historischen Kulturwissenschaften ihren Beitrag zu leisten haben. Die NaturwissenschaftlerInnen haben ihre Hausaufgaben bereits gemacht, unter enormen Aufwand Daten gesammelt und ausgewertet, Modelle gerechnet und Prognosen erstellt. Doch die Auswirkungen auf den Menschen zu studieren, die kulturellen und sozialen Prozesse, welche auf uns zukommen, zu analysieren – das sind Kernaufgaben einer Reihe von historisch-kulturwissenschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Disziplinen. Tatsächlich können die Geschichts-wissenschaften mit ihren Quellen beleuchten, wie der Mensch in der Vergangenheit mit der Umwelt verfahren ist, wie er sie genutzt und verändert, und wie sich dabei auch die menschliche Gesellschaft gewandelt hat. Dabei sind sämtliche Quellenarten aussagekräftig, von den archäologischen über die schriftlichen bis zur bildenden Kunst. Sie alle vermögen das Verhältnis Mensch – Umwelt zu beschreiben und vergangene Entscheidungen zu erklären.

Im Gegensatz zu den landläufigen Vorstellungen von vorgeschichtlichen Zeiten war der Mensch schon lange vor der Entstehung großer Staaten mit ausgebauten Straßen und durchorganisierter Kommunikation hoch mobil. Denken wir nur an die kulturellen Errungenschaften, die Jahrtausende lang aus China nach Europa gekommen sind. Bereits zur Römerzeit waren dies vor allem Seide, später Porzellan, Buchdruck und Schwarzpulver. Doch verbreiteten sich durch die hohe Mobilität auch Krankheiten wie die Pest im 6. Jahrhundert nach Christus, die stellenweise bis zu 70% der Bevölkerung dahinraffte. Mobilität bringt also Segen aber auch Gefahren, und damit sind wir wieder in der Jetztzeit angelangt.

PSJ Metadata
Statement
PDF document daim_statement.doc.pdf — PDF document, 182 KB
Univ.-Doz. Falko Daim: Statement
In: Das verlorene Paradies. Strategien zum Überleben im Klimawandel (Geisteswissenschaft im Dialog, 05.11.2009, Mainz - Rathaus)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/gid/2009-11-05/daim_statement
Veröffentlicht am: 15.02.2016 15:19
Zugriff vom: 27.01.2020 09:54
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