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    Prof. Dr. Ulrich Konrad: Für eine "neue poetische Zeit". Eine Annäherung an Robert Schumanns Musikauffassung

    Geisteswissenschaft im Dialog | Die Macht der Musik. Zum weltweiten Erfolg klassischer europäischer Musik

    Für eine "neue poetische Zeit"

    Eine Annäherung an Robert Schumanns Musikauffassung

    Prof. Dr. Ulrich Konrad


    Zur Person

    ist seit 1996 Ordinarius für Musikwissenschaft und Vorstand des Instituts für Musikforschung an der Universität Würzburg. Er leitet die Robert-Schumann-Gesamtausgabe, die von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, gefördert wird. Er habilitierte sich 1990 im Fach Musikwissenschaft und war danach an der Freien Universität Berlin, an der Georg-August-Universität Göttingen und an der Staatlichen Hochschule für Musik Freiburg tätig. Er ist Mitglied der Akademien der Wissenschaften in München, Göttingen und Mainz.

    Statement

    Zur Eröffnung des zweiten Jahrgangs seiner Neuen Zeitschrift für Musik publizierte Robert Schumann am 1. Januar 1835 ein Editorial, in dem er mit entschlossenen Strichen seine musikkritischen Absichten skizzierte und damit zugleich wichtige Motive seiner Musikauffassung offenlegte. Er beabsichtige, so der junge Redakteur, mit seinen publizistischen Beiträgen, "die alte Zeit und ihre Werke anzuerkennen, darauf aufmerksam zu machen, wie nur an so reinem Quelle neue Kunstschönheiten gekräftigt werden können – sodann, die letzte Vergangenheit als eine unkünstlerische zu bekämpfen, für die nur das Hochgesteigerte des Mechanischen einigen Ersatz gewährt habe – endlich eine junge, dichterische Zukunft vorzubereiten, beschleunigen zu helfen."

    An diesem hochgemuten Programm erstaunt zunächst die eigenwillige Einteilung des Zeitlaufs: Wo bleibt, zwischen der "alten Zeit", dann der "letzten Vergangenheit" und schließlich der "jungen, dichterischen Zukunft", denn eigentlich die Gegenwart? Sie scheint für Schumann zwar der Fluchtpunkt zu sein, auf den alles Musikalische zuläuft und von dem es ausgeht, doch ist sie im Hier und Jetzt auf merkwürdige Weise abwesend. Er begreift sie offensichtlich als "Noch-nicht" geprägten Zustand. Die Kenntnis und Anerkenntnis von historischen Leistungen auf dem Gebiet der Musik gehörten längst noch nicht zu den festen Bestandteilen des kulturellen Gedächtnisses. Angebahnt wurde dies im frühen 19. Jahrhundert zwar durch bemerkenswerte Ereignisse wie die Wiederaufführung der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach 1829 durch Felix Mendelssohn Bartholdy. Musik blieb aber weiterhin größtenteils eine "Vergessenskunst". Ihre flüchtigen Produkte wurden überwiegend nicht in der doppelten Perspektive einer sowohl aktuellen als auch über Jahrzehnte oder Jahrhunderte währenden Wirkung gesehen. Schumann redet demgegenüber einer alles andere als selbstverständlichen produktiven Wirkung der "alten Zeit" (das ist für ihn hauptsächlich die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts) auf die neue Musik das Wort: jener entstamme die "reine Quelle", aus welcher diese für neue Schönheiten Kraft schöpfen könne.

    Dass sie es nicht tut, belegt für Schumann die Musik der letzten, er meint, doppelsinnig genug, der jüngsten Vergangenheit. Sie wirft kräftige Schatten auf das Heute. Zum Prinzip einer aus dem Geist der Tradition zu immer neuem Leben erweckten musikalischen Kunst kontrastiert sie mit der Steigerung letztlich unkünstlerischer, mechanischer Geläufigkeit, mit leerlaufender Virtuosität. Dieser Ungeist schiebt sich für Schumann wie ein Sperrriegel vor das Tor einer "jungen, dichterischen Zukunft". Ihn gilt es beiseite zu schieben.

    Was meint Schumann mit den die Zukunft charakterisierenden Bestimmungen, mit "jung" und "dichterisch"? Als er 1853 die Ausgabe seiner Gesammelten Schriften über Musik und Musiker vorbereitete, ersetzte er die frühere Formulierung und schrieb nun, er wolle bei Vorbereitung und Beschleunigung einer "neuen poetischen Zeit" mithelfen. Mit dem "Poetischen", mit der "Poesie" ruft er ein, besser: das Schlüsselwort seiner Kunst- und Musikauffassung auf. Es ist einer der Zentralbegriffe der Romantik. Schumann gewinnt ihn aus der Lektüre Jean Pauls, der wiederum tief von dem Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi beeinflusst war. Mit der Poesie wird eine dem Wesen aller Künste eigene Qualität umkreist, eine essentielle Kraft, von der eine mit dem Gefühl erfahrbare, nicht aber mit dem Verstand erfassbare Wirkung ausgeht. Der Künstler nimmt die äußere Welt sinnlich wahr und verwandelt sie in seiner Seele zu einer gefühlten inneren Welt. Diese wiederum, losgelöst von platter Realität, wird von der Phantasie in eine idealische Ausdrucksform umgesetzt und enthüllt, etwa mit den Mitteln der Musik, in ihrer begriffslosen und doch mitteilsamen Sprache eine unaussprechliche Wirklichkeit. Es "affiziert mich Alles, was in der Welt vorgeht, Politik, Literatur, Menschen" – so schreibt er 1838 in einem Brief an seine Verlobte Clara Wieck –, "über Alles denke ich in meiner Weise nach, was sich dann durch Musik Luft machen, einen Ausweg suchen will. Deshalb sind auch viele meiner Compositionen so schwer zu verstehen, weil sie an entfernte Interessen anknüpfen, oft auch bedeutend, weil mich alles Merkwürdige der Zeit ergreift und ich es dann musikalisch wieder aussprechen muß."

    Dieses Musikverständnis hat sich Schumann zeitlebens bewahrt. Es war für ihn der Schlüssel zur verwandelnden Spiegelung der Welt in der Kunst im allgemeinen, in der Musik im besonderen. Deswegen stritt er publizistisch gegen alle Musiker, die mit bloß äußerlichen Effekten ihre Hörer sinnlich betören, nicht aber durch Teilhabe an der wundersamen Poetisierung der Welt erneuern und verjüngen wollten. Diese Musikauffassung birgt ein hohes Maß an utopischem Potential und ist in dem Sinne "jung", dass sie sich nicht bequem mit bestehenden Verhältnissen arrangieren will. In unnachahmlicher Weise hat Schumann dieses Potential einmal – paradox ausgedrückt – zur sichtbaren Anhörung, zur stummen Ansicht gebracht, als er zu Beginn des zweiten Teils seiner Humoreske op. 20 dem zu spielenden Klaviersatz eine "Innere Stimme" eingeschrieben hat: Sie soll nicht erklingen, ist also nur ideell und in der Vorstellung des Pianisten vorhanden, der aus den Noten musiziert. Seiner Fantasie für Klavier op. 17 hat Schumann als Motto einige Verse von Friedrich Schlegel vorangestellt; sie deuten in lyrischer Form an, was die "Innere Stimme" in der Humoreske stumm ausspricht: "Durch alle Töne tönet / Im bunten Erdentraume / Ein leiser Ton gezogen, / Für den, der heimlich lauschet".

    Anfang der Humoreske für Klavier op. 20 von Robert Schumann

    Edition Breitkopf Nr. 2620, Schumann Klavier-Werke Bd. IV, Clara Schumann-Ausgabe, Wiesbaden o. J., S. 8.

    PSJ Metadata
    Ulrich Konrad
    Für eine "neue poetische Zeit"
    Eine Annäherung an Robert Schumanns Musikauffassung
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Musikgeschichte
    19. Jh.
    4011882-4 118611666 4005248-5 4040802-4 4129895-0
    1810-1856
    Deutschland (4011882-4), Schumann, Robert (118611666), Begriff (4005248-5), Musik (4040802-4), Rezeptionsästhetik (4129895-0)
    PDF document konrad_annaeherung.doc.pdf — PDF document, 100 KB
    Prof. Dr. Ulrich Konrad: Für eine "neue poetische Zeit". Eine Annäherung an Robert Schumanns Musikauffassung
    In: Die Macht der Musik. Zum weltweiten Erfolg klassischer europäischer Musik (Geisteswissenschaft im Dialog, 16.12.2010, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/gid/2010-12-16/konrad_annaeherung
    Veröffentlicht am: 26.04.2011 14:25
    Zugriff vom: 27.01.2020 00:36
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