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    Prof. Dr. Stefan Leder: Zum Verständnis des Islams und zur Wahnehmung der Muslime als Teil unserer Gesellschaft

    Geisteswissenschaft im Dialog – Islam – Mythos und Wirklichkeit

    Zum Verständnis des Islams und zur Wahnehmung der Muslime als Teil unserer Gesellschaft

    Prof. Dr. Stefan Leder


    Zur Person

    leitet derzeit das Orient-Institut Beirut/Libanon, ein Institut der Stiftung Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland. Er ist seit 1993 Professor für Arabistik und Islamwissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Seine Forschungsschwerpunkte sind Narration und Geschichte sowie Diskurse und Wissenstraditionen religiöser Autorität. Am Orient-Institut arbeitet er zum Verhältnis von Religion und Politik.

    Statement

    Islam, Sammelbegriff für die auf dem Koran fußenden religiösen Bekenntnisse, gehört heute für alle merklich zu Europa. In Deutschland – in anderen Teilen Europas etwas früher – hat er seit dem 19. Jahrhundert eine von christlicher Apologetik und von den polemischen Debatten der Aufklärungszeit weitgehend unabhängige wissenschaftliche Kenntnisnahme erfahren. Das war ein großer, mutiger Schritt. Ein noch größerer Schritt muss folgen, um den Herausforderungen gerecht zu werden: Islam und islamisch geprägte Gesellschaften als Teil einer gemeinsam zu gestaltenden Zukunft zu verstehen.

    Dabei sollte man die Rolle der Religion nicht kleinreden, aber auch nicht überschätzen. Ihre Bedeutung für die Zukunft ist schwer vorherzusagen. Islam steht in einem breiten Zusammenhang des intellektuellen und gesellschaftlichen Lebens von Muslimen und ist keineswegs immer zentral.

    Die Wissenschaft, das heißt Regionalwissenschaften, Islamwissenschaft, Philologie etc., können das Verständnis für Muslime in Europa fördern und die offenbar schwierige Annäherung an den Islam unterstützen. Dabei muss eine kritische Haltung nach allen Seiten bewahrt werden. So können wir uns, vielleicht, vor Mythen hüten.

    Die europäische Geschichte liefert kein Entwicklungsmodell, dem Andere folgen müssen. Der Glaube an die Einzigartigkeit einer Trennung zwischen der religiösen und der säkularen Sphäre, die sich in Europa vollzogen habe, ist historisch nicht zu begründen. Die Aufklärung, ein Kernstück unserer europäischen Identität, ist in ihrer geschichtlichen Gestalt ein historisches, kein universales Phänomen.

    Doch kommt die Moderne nicht aus ohne das Ringen um universale Werte und Normen, wie Menschenrechte oder Anerkennung des Primats der Wissenschaft. Argumente, die sie aus der islamischen Tradition legitimieren, mögen im Vergleich zur europäischen Entstehungsgeschichte dieser Ideen unterschiedliche Fundamente und Intentionen haben; sie sind dennoch ein Beitrag zu dem gemeinsamen Projekt Moderne.

    Der Glaube an den Wahrheitsgehalt des Offenbarungsgeschehens ist eine Grundlage der islamischen Religion. Er wird aber sehr unterschiedlich begründet und in das Leben von Muslimen integriert. Der Spielraum zwischen Dogma und Praxis, sowie die Kontexte, in denen religiöse Normen intellektuelle und gesellschaftliche Wirkung entfalten, interessieren die Wissenschaft, die sich gegen eine einseitig normenfixierte Betrachtung des Islam wendet. Kritische Wissenschaft sieht es als ihre Aufgabe, dogmatische Geschichtsdarstellungen aus islamischer Sicht zu dekonstruieren, Diskurse und die mit ihnen verbundene Herrschaftsinteressen zu identifizieren. Kritische Wissenschaft in diesem Sinne ist kein rein europäisches oder westliches Unternehmen mehr, sondern wird auch von Wissenschaftlern in der arabischen Welt beispielsweise mitgetragen.

    Die heikelste Aufgabe ist die Selbstaufklärung, denn Wissenschaft produziert ihre eigenen Mythen. Sie agiert auch nicht auf politikfreiem Terrain. Als unkritischer Bestandteil, ja aktive Unterstützung des kolonialen und postkolonialen Herrschaftsanspruchs des Westens "entlarvt", hat die "Wissenschaft vom Orient" in den vergangenen Jahrzehnten in der islamischen Welt viel von ihrer vormaligen Geltung eingebüßt. Durch stärkere Berücksichtigung unterschiedlicher Sichtweisen und durch die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern in der Region haben sich die Fronten entspannt. Auf der anderen Seite, konfrontiert mit der Zählebigkeit von Stereotypen und Eurozentrismus, muss die Wissenschaft aber auch gewahr sein, dass sie leicht in die Rolle eines Verteidigers gedrängt wird.

    Europa und die islamische Welt verbindet eine lange Beziehungsgeschichte. Auch Phasen der ideologischen Mobilisierung und gewaltsamen Auseinandersetzung, wie die Kreuzzüge etwa, waren begleitet von Pragmatismus, Transfer und Anregung. Europa und die islamische Welt weisen gewisse große Unterschiede der historischen Pfade auf. Diese sind aber nicht primär religiös begründet und nicht so tief wie gemeinhin empfunden. Das religiös legitimierte Rechtssystem, Scharia, oft als wichtigstes Merkmal des Islam betrachtet, existierte beispielsweise immer in Rivalität mit anderen Rechtsystemen und war ausreichend flexibel um sich gesellschaftlichem Wandel anpassen.

    Extreme islamische Radikalisierung in einigen Teilen der Welt, die außerdem von den gesellschaftlichen Bedingungen der Diaspora begünstigt wird, ist voraussichtlich ein vorübergehendes politisches Problem. Die akademische Ausbildung von islamischen Religionslehrern und Seelsorgern an deutschen Universitäten bleibt in jedem Fall ein wichtiger Beitrag, Millionen von Menschen mit Migrationshintergrund, Muslimen von Herkunft und praktizierenden Muslimen, in der deutschen Gesellschaft einen selbstverständlichen Platz zu bieten. Eine solche Ausbildung wäre am besten in fachlicher Nähe zu den christlichen Theologien untergebracht. Dazu muss aber mehr getan werden, um der islamischen Theologie Akzeptanz zu verschaffen.

    PSJ Metadata
    Stefan Leder
    Zum Verständnis des Islams und zur Wahnehmung der Muslime als Teil unserer Gesellschaft
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Sozial- und Kulturgeschichte
    19. Jh., 20. Jh., 21. Jh.
    4011882-4 4020588-5 4027743-4 4049396-9
    1800-2010
    Deutschland (4011882-4), Gesellschaft (4020588-5), Islam (4027743-4), Religion (4049396-9)
    PDF document leder_verstaendnis.doc.pdf — PDF document, 191 KB
    Prof. Dr. Stefan Leder: Zum Verständnis des Islams und zur Wahnehmung der Muslime als Teil unserer Gesellschaft
    In: Islam - Mythos und Wirklichkeit (Geisteswissenschaft im Dialog, 18.02.2011, Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/gid/2011-02-18/leder_verstaendnis
    Veröffentlicht am: 26.04.2011 17:15
    Zugriff vom: 22.01.2020 19:07
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