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    Prof. Dr. Bülent Uçar: Zur Beheimatung des Islams, der Ismalischen Theologie und des Islamischen Religionsunterrichts in Deutschland

    Geisteswissenschaft im Dialog – Islam – Mythos und Wirklichkeit

    Zur Beheimatung des Islams, der Ismalischen Theologie und des Islamischen Religionsunterrichts in Deutschland

    Prof. Dr. Bülent Uçar


    Zur Person

    ist seit 2007 Professor für Islamische Religionspädagogik in Osnabrück und damit an einem bisher in Deutschland einzigartigen Lehrstuhl. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört die Scharia. Er studierte zunächst Rechtswissenschaften. Parallel begann er das Studium der Islamwissenschaften. Als Lehrer für Islamische Unterweisung in deutscher Sprache sowie durch seine Tätigkeiten am Landesinstitut für Schule und im Bildungsministerium hat er maßgeblich die Lehrplanentwicklung für Islamkunde in Nordrhein-Westfalen geprägt.

    Statement

    Der Islam ist in der Wahrnehmung der meisten Menschen in Deutschland eine fremde und zugewanderte Religion. Zudem bestehen aufgrund der zahlreichen politischen Begleiterscheinungen weltweit enorme Irritationen und Ängste in der Mehrheitsgesellschaft, die sehr stark auch mit Vorurteilen und Ressentiments einhergehen. Gleichzeitig befinden sich viele Muslime in der Tat zwar körperlich in Deutschland, mit Ihrem Geist jedoch in ihren Herkunftsländern, was eine Integration nicht gerade erleichtert.

    Hervorzuheben ist, dass der Islam weiterhin die Religion einer ökonomisch und sozial benachteiligten Minorität in der deutschen Gesellschaft ist. Zudem leben diese Menschen erst seit ca. 50 Jahren vermehrt in Deutschland. Sie sind also weiterhin Fremde unter Einheimischen. Integration und auch die religiöse Eingliederung ist eine Mammut-Aufgabe und eher mit einem Marathon zu vergleichen, als mit einem Spurt, wie er sich in der Berichterstattung und den entsprechenden politischen Wünschen insbesondere nach dem 11. September dargestellt hat. Bis es soweit ist, dass auch die Mehrheit der Muslime sich als "gleichwertige" Einheimische fühlen werden, wird es mindestens noch zweit Generationen benötigen. Denn die Situation wird erschwert durch die Tatsache, dass gegenüber Muslimen in der Gesellschaft weit verbreitete kulturell und historisch verwurzelte Vorurteile existieren. Jüngst veröffentlichte Studien bestätigen dies.

    Nichtsdestotrotz haben sich die meisten Menschen mit der multireligiösen Situation in Deutschland abgefunden und die Mehrheit der Muslime fühlt sich in Deutschland beheimatet. Vor diesem Hintergrund sind die Muslime in Deutschland auf dem Weg, ein gleichberechtigter und normaler Bestandteil der Gesellschaft neben anderen Religionsgemeinschaften zu sein. Lange wurden Islamische Theologen und Imame durch muslimische Gemeinden aus den Herkunftsländern nach Deutschland importiert, da staatliche Stellen in Deutschland wenig Interesse an diesem Thema zeigten. Hier besteht faktisch eine strukturelle Diskriminierung der Muslime, da sie nicht als Religionsgemeinschaften anerkannt und damit letztlich nicht von allen damit verbundenen Rechten, wie etwa der Einrichtung von Islamischem Religionsunterricht, Theologischen Fakultäten etc. profitieren können. Erst in den letzten Jahren wurde die Bedeutung des Themas für die religiöse Partizipation und Integration der Muslime von nahezu allen Seiten verstanden.

    Mittlerweile hat sich die Einsicht in der Politik durchgesetzt, dass islamisch-theologische Einrichtungen im universitären Bereich aufgebaut und Islamischer Religionsunterricht flächendeckend eingeführt werden sollen. Die islamischen Wissenschaften konstituieren sich in Deutschland völlig neu und deshalb beobachten viele Muslime diese Entwicklung auch sehr kritisch. Nach der causa Kalisch in Münster scheinen die Parteien nach meiner Einschätzung sensibler geworden zu sein. Will das Projekt nicht auf der Akzeptanzebene scheitern, muss für die muslimische Minderheit in Deutschland dasselbe gelten, was auch für die Kirchen gilt, d. h. Teilhabe und Gleichberechtigung etwa bei der Berufung der Lehrenden und Lehrplanentwicklung. Niemand möchte schließlich bevormundet werden, auch nicht im Namen einer tatsächlichen oder selbsternannten Aufklärung.

    Diese Hochschuldozenten für Islamische Theologie werden die Aufgabe haben, auf der Basis nachvollziehbaren und akzeptablen theologischen Wissens die religiösen Autoritäten und Imame für die Zukunft der Muslime in Deutschland auszubilden. Hierbei werden sie zahlreiche Faktoren zu beachten haben. In diesem Zusammenhang sind eine ausgewogene Grundpositionierung und guter Wille von allen Seiten unverzichtbar und zwingend erforderlich. Die Beteiligten müssen sich dessen bewusst sein, dass das Terrain hohe Komplexität aufweist.

    Zu einseitige Ausrichtungen würden dieses sensible Projekt zum Scheitern verurteilen. Gegen jeden Versuch, die Entwicklung der islamischen Theologie von außen bevormunden zu wollen und ihr im Gewand von Wissenschaftlichkeit etwa einen Methodenmonismus vorzuschreiben, wird von den Muslimen Einspruch erhoben werden. Ebenso werden einseitige Eingrenzungen der islamischen Wissenschaften durch staatliche Stellen einer authentischen und für die meisten Muslime akzeptablen Entwicklung im Wege stehen.

    Islamische Theologie wird sich mit Blick auf die religiöse Lebenspraxis der Muslime – basierend auf den Glaubensgrundlagen- ebenso wie mit den Primärquellen – auf wissenschaftlichem Niveau – analytisch-reflektiv auszurichten haben. Hierbei kann es nicht um bloße Verkündigung religiöser Überzeugungen gehen, vielmehr werden diese Glaubenswahrheiten aus der Binnenperspektive der Angehörigen der Glaubensgemeinschaft reflektiert und in die jeweilige Zeit hineingelesen werden müssen. Islamische Theologen und Gelehrte subsumieren so normative Texte unter die Lebensrealitäten. Sie stellen diese in den jeweils neuen Kontext.

    Die Begründung der eigenen Überzeugungen in einer plural verfassten Gesellschaft mit Blick auf die Probleme der Zeit macht eine Dialogorientierung und eine auf Vernunft basierende argumentative Auseinandersetzung der Theologie notwendig. Kernfrage der Theologie ist und bleibt der Sinn des Lebens und die Frage und Suche nach Gott. Alle anderen Themenblöcke kreisen um diesen großen inneren Kern. Hierzu gehören u. a. die existenzielle Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit des Menschen, dem Tod und Ende, der Jenseitsfrage, der Frage nach dem Maß für ein ethisch verantwortbares Leben und nach der Offenbarung.

    Alles in allem bleibt die Qualität der Ausbildung elementar für die Akzeptanz und Bildung der religiösen Autorität. Diese Ausbildung wird sich, will sie auf Augenhöhe mit christlichen Theologien agieren, an bestimmten Maßstäben zu orientieren haben. Bekenntnisorientierung geht mit dialogischer Offenheit einher, konfessionelle Gebundenheit richtet sich zugleich auf interreligiöse Komponenten, Kontroversität orientiert sich am Konsens, schließlich bezieht sich die Ganzheitlichkeit auf die Korrelation. Islamische Theologen sind nicht nur aufgrund der Interessen der Muslime in Deutschland auszubilden, sondern auch, um sich qualitativ an gesellschaftlichen und ethischen Debatten beteiligen zu können.

    PSJ Metadata
    Bülent Uçar
    Zur Beheimatung des Islams, der Ismalischen Theologie und des Islamischen Religionsunterrichts in Deutschland
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Andere Religionen
    21. Jh.
    4011882-4 4027743-4 4335198-0 4062005-0
    2000-2010
    Deutschland (4011882-4), Islam (4027743-4), Islamische Theologie (4335198-0), Unterricht (4062005-0)
    PDF document ucar_beheimatung.doc.pdf — PDF document, 196 KB
    Prof. Dr. Bülent Uçar: Zur Beheimatung des Islams, der Ismalischen Theologie und des Islamischen Religionsunterrichts in Deutschland
    In: Islam - Mythos und Wirklichkeit (Geisteswissenschaft im Dialog, 18.02.2011, Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/gid/2011-02-18/ucar_beheimatung
    Veröffentlicht am: 26.04.2011 17:30
    Zugriff vom: 20.01.2020 16:19
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