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    Prof. Dr. Peter Haslinger: Zwangsmigration und Geschichtspolitik - zur Frage einer Europäisierung von "Flucht und Vertreibung"

    Geisteswissenschaft im Dialog – Wege der Migration. Europas große Herausforderung

    Zwangsmigration und Geschichtspolitik

    Zur Frage einer Europäisierung von "Flucht und Vertreibung"

    Prof. Dr. Peter Haslinger


    Zur Person

    ist seit 2007 Direktor des Herder-Instituts Marburg, ein Institut der Leibniz-Gemeinschaft, und lehrt an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Nach seinem Studium der Geschichte, Japanologie, Slavistik und Finno-Ugristik promovierte er in Wien über ungarische Geschichte und habilitierte sich 2005 über tschechische Geschichte. Wissenschaftliche Auslandsaufenthalte führten ihn an die University of California und an die Stanford University in den Vereinigten Staaten sowie nach Budapest.

    Statement

    Wie lassen sich Migrationsvorgänge, die für viele Betroffene nach wie vor mit traumatischen Erinnerungen verknüpft sind, die jedoch auch über Einzelerfahrungen hinausgehend Fragen nach der Vergleichbarkeit von Zwangsmigrationen aufwerfen, historisch einordnen und in Museen und Dokumentationszentren darstellen? Wie verhält sich hier die nötige fachlich-historische Distanz heutiger Tage zur Gruppensicht von Betroffenen? Sind Zwangsmigrationen wie die Flucht und Vertreibung von Deutschen aus dem östlichen Europa überhaupt vergleichbar mit Vorgängen, die durch einen fließenden Übergang in den Völkermord gekennzeichnet waren – wie z. B. der Genozid an den Armeniern? Wie verhält sich schließlich die Schilderung von Zwangsmigrationen, Vertreibungen und ethnischen Säuberungen zu den Ursachen und Opfer-Täter-Zuschreibungen, die in eine solche Darstellung zwangsläufig eingebracht werden müssen? All diese Fragen bilden in Deutschland schon seit längerem nicht mehr allein den Gegenstand akademischer Debatten. Bei den geschichtspolitischen Initiativen für eine Musealisierung von Flucht und Vertreibung geht es im Kern um die Frage, wie die Botschaft ausgestaltet wird, die im Übergang zwischen dem kommunikativen und dem kulturellen Gedächtnis (Aleida Assmann) eine institutionalisierte Lesart von "Flucht und Vertreibung" ermöglichen soll. Wie lassen sich schließlich nationale Geschichtsbilder mit einem Versöhnungsauftrag verbinden, der mit einem solchen Zentrum geleistet werden soll. Diesen Fragen soll nun anhand von fünf Positionen nachgegangen werden.

    1) Am Beispiel von "Flucht und Vertreibung" wird deutlich, wie eine von Historikerinnen und Historikern konkretisierte und in regionalen Falluntersuchungen vielfach erprobte transnationale Geschichtsschreibung durch erinnerungskulturelle und mediale Dynamiken erneut in Frage gestellt wird. Dabei spielt längst nicht mehr die Rekonstruktion der Ereignisse die tragende Rolle, sondern Fragen nach ihrer Bewertung und Kontextualisierung sowie nach den Methoden und ethischen Implikationen des Vergleichs von Zwangsmigrationen und ihrer Folgen.

    2) Den Angelpunkt bildeten hier für Deutschland zwei Ausstellungen: die vom Haus der Geschichte in Bonn kuratierte Präsentation "Flucht, Vertreibung, Integration" und die unter Federführung des Bundes der Vertriebenen konzipierten "Erzwungenen Wege", die beide 2006 in Berlin in direkter räumlicher Nachbarschaft um die Akzeptanz von Fachpublikum und Öffentlichkeit konkurrierten. Vor allem letztere Ausstellung war um eine europäische Weitung der Perspektive bemüht, indem eine ganze Reihe möglicher Parallelfälle – von den Kriegen am Balkan zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis hin zu Zwangsmigrationen in Zypern und Bosnien – in die Darstellung integriert wurden. Trotz der vergleichenden Erweiterung bedeutete die Art der europäischen Rahmung jedoch noch keineswegs ein Abgehen von einem selbstreferenziellen Opferdiskurs. Hier ist der Europäisierungsansatz vielmehr um Kernprämissen der eigenen Deutung herum gruppiert, die im Grunde nicht europäisierbar sind, da sie den seit den 1950er Jahren tradierten Vorgaben im Wesentlichen folgen. Diese Kernbotschaft wurde in den "Erzwungenen Wegen" durch den Verweis auf abstraktere völkerrechtliche Kategorien und die Wahl der Beispiele nur in eine kontextuelle Nähe zu Genoziden und nicht zuletzt auch zum Holocaust gestellt, der in seinen Vorformen in den späteren Vertreibungskontext eingebettet erscheint.

    3) Allen bisher vorliegenden – auch den alternativen – Konzepten für eine Umsetzung des Auftrags der Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" fehlt noch eine schlüssige museumspädagogische Umsetzung, etwa in Hinblick auf tragbare Inszenierungen und Präsentationsformen. Ein Problem liegt dabei in der "Materialarmut" von Zwangsmigrationen: Neben Foto- und Schriftquellen sind hier vor allem Objekte überliefert, die einer umfassenden Erklärung bedürfen, um Bedeutungen überhaupt transportieren zu können (wie Armbinden, Koffer oder Schlüssel). Demgegenüber findet sich eine dichte materielle Überlieferung meist erst nach den Vertreibungen, in der Erinnerungskultur derjenigen Menschen, die an ihrem neuen Verankerungsort die eigenen Erfahrungen zu reflektieren und artikulieren beginnen. Da erst diese Phase die Vertriebenen als eine Erfahrungsgemeinschaft konstituierte, die sich jenseits ihres Herkunftsgebiets als Leidenskollektiv begreift, zählt diese Phase zwingend zum Gegenstand, ebenso wie der Umgang mit der materiellen Hinterlassenschaft bzw. die Wiederbesiedlung der verlassenen Gebiete und den Umgang mit dortiger regionaler Geschichte.

    4) Leitend für das im Aufbau befindliche Zentrum sollte daher eine Darstellungsweise sein, die gut dokumentierte regionale Fälle in den Blick nimmt und alle Phänomene, die Flucht und Vertreibung insgesamt umfassten, in allen Variationsbreiten systematisch erfasst und individuelle Schilderungen der Betroffenen auf dieser Ebene in die Darstellungen integriert. Problematisch wäre hierbei eine Präsentationsweise, die die Vertreibungen der Deutschen in das Zentrum einer Gewaltchronologie verankert, die Opfer- und Täterbeziehungen aus den Vertreibungen der Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg heraus entwickelt und entsprechende Grundkonstellationen für den gesamten Zeitraum als naturgegeben ansieht. Diese Perspektive würde vorrangig den Zweck einer existenziellen Fortschreibung einer Gruppe erfüllen, die sich im heutigen Deutschland in erster Linie über das Erinnern an Prozesse definiert, die zeitlich immer weiter zurückliegen. Ebenso verfehlt wäre jede Präsentation, die zwar den Genozid an den Armeniern und die "ethnischen Säuberungen" auf dem Balkan der 1990er Jahre in den Blick nimmt, den Umstand jedoch teilweise ausklammert, dass die nationalsozialistische Unterdrückungs- und Vernichtungspolitik in den später verloren gegangenen Ostgebieten von Teilen der Bevölkerung auch aktiv mitgetragen wurde. Nicht zuletzt wäre jeder Anschein einer Parallelisierung von Opfern von Zwangsmigration mit den Opfern des Holocaust unbedingt zu vermeiden.

    5) Lassen sich unter solchen Vorgaben Zwangsmigrationen überhaupt sinnvoll vergleichen? Lässt sich – wenn auch nur für das 20. Jahrhundert – gar eine Genealogie von Zwangsmigrationen entwerfen? Aus dem Gesagten ergibt sich, dass sich jeder Vergleich nicht allein in einer Parallelisierung von Verlaufsformen erschöpfen darf, die auf besonders gewalthafte Formen zentriert sind. Für das geplante Zentrum – und andere, vergleichbare Initiativen, die Zwangsmigration thematisieren – muss außerdem eine forschungsbasierte Kontextanalyse leitend sein, die ausschließlich aktuellen Erkenntnissinteressen und heutigen methodischen, theoretischen und museumspädagogischen Leitlinien folgt, und nicht den Vorgaben einer Identitätspolitik von Interessensgruppen. Eine europäische Erzählung von Flucht und Vertreibung sollte schließlich auch anschlussfähig sein für die Thematisierung globaler Fragen, die nicht nur den Blick auf historisch abgeschlossene Fälle ermöglicht, sondern auch Angebote für das Verständnis und die Einordnung von gegenwärtigen Migrationsströmen bereit hält.

    PSJ Metadata
    Peter Haslinger
    Zwangsmigration und Geschichtspolitik
    Zur Frage einer Europäisierung von "Flucht und Vertreibung"
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    Europa
    Politikgeschichte
    20. Jh.
    4015701-5 4017598-4 4200793-8 4061614-9 4063299-4
    1900-2000
    Europa (4015701-5), Flucht (4017598-4), Kollektives Gedächtnis (4200793-8), Umsiedlung (4061614-9), Vertreibung (4063299-4)
    PDF document haslinger_zwangsmigration.doc.pdf — PDF document, 197 KB
    Prof. Dr. Peter Haslinger: Zwangsmigration und Geschichtspolitik - zur Frage einer Europäisierung von "Flucht und Vertreibung"
    In: Wege der Migration. Europas große Herausforderung (Geisteswissenschaft im Dialog, 13.04.2011, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/gid/2011-04-13/haslinger_zwangsmigration
    Veröffentlicht am: 26.04.2011 16:25
    Zugriff vom: 07.08.2020 14:22
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