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    Prof. Dr. Volkhard Krech: Multikulturell – multiethnisch – multreligiös. Beobachtungen zum Verhältnis von Migration und Religion

    Geisteswissenschaft im Dialog – Wege der Migration. Europas große Herausforderung

    Multikulturell – multiethnisch – multreligiös

    Beobachtungen zum Verhältnis von Migration und Religion

    Prof. Dr. Volkhard Krech


    Zur Person

    ist Religionswissenschaftler am Centrum für Religionswissenschaftliche Studien an der Ruhr-Universität Bochum. Er betreut dort u. a. das Internationale Kolleg "Dynamiken der Religionsgeschichte zwischen Asien und Europa", welches im Rahmen der Freirauminitiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert wird. Er studierte Theologie, Religionswissenschaft, Soziologie und Philosophie in Heidelberg und Bielefeld. Zu seinen Forschungsfeldern gehören die Theorie der Religionsgeschichte sowie Religiöser Pluralismus und Globalisierung.

    Statement

    Migration und Religion stehen in einem vielfachen Verhältnis zueinander sowie zu anderen gesellschaftlichen Faktoren wie etwa Recht, Politik und Kultur. Einige Aspekte dieser Beziehungen möchte ich anhand der folgenden Thesen andeuten.

    1. Migration ist einer der zentralen Faktoren für religionsgeschichtliche Dynamiken. Menschen kommen mit anderen, ihnen fremden Religionen vor allem durch Zuwanderung in dauerhaften Kontakt. Dieser Kontakt verändert die an ihm beteiligten Religionen und führt dazu, dass von einheitlichen Blöcken etwa des Christentums, des Islam, des Buddhismus und anderer religiöser Traditionen nicht die Rede sein kann.

    2. Dort, wo Glaubensdifferenzen eine wesentliche Ursache für Migration sind, entsteht bei Migrantinnen und Migranten häufig ein besonderes Bewusstsein für Fragen der Religionsfreiheit. Die USA sind hierfür ein besonders prägnantes Beispiel; ihre Verfassung geht nicht zuletzt auf die Erfahrung der religiösen dissenters zurück. Durch Migrationsbewegungen bedingt, ist Religionsfreiheit daher – wie auch die Meinungsfreiheit – vor allem ein Minderheitenrecht.

    3. Für viele Migrantinnen und Migranten gewinnt Religion gerade in ihrer neuen Heimat an Bedeutung. In Nordrhein-Westfalen sind 40 Prozent derjenigen Migrantinnen und Migranten, die in einer religiösen Vereinigung engagiert sind, hoch religiös. Das ist mindestens doppelt so viel wie in den christlichen Großkirchen. Es spricht Einiges dafür, dass dieser Befund auch für ganz Deutschland wie überhaupt für Einwanderungsgesellschaften zutrifft.

    4. In migrationsbedingten Konflikten wird Religion nicht selten zu einem starken Identitätsmarker. Darauf zielt auch der Titel meines Eingangsimpulses. Unabhängig davon, ob Menschen tatsächlich religiös sind, werden sie in migrationsbedingten, aber auch anders gelagerten Konflikten auf religiöse Differenz zugerechnet oder kennzeichnen sich selbst auf diese Weise. Andere Identitätsdimensionen wie etwa Gender, Ethnie, Schichtzugehörigkeit, allgemein kulturelle Differenzen oder politische Positionen treten in den Hintergrund. Das ist historisch immer wieder der Fall. Ein gegenwärtiges Beispiel dafür ist der Sachverhalt, dass man in Deutschland bis in die 1990er Jahre von türkischen Mitbürgern gesprochen hat, während sie heute pauschal als Muslime gelten.

    5. Religiöse Vereinigungen von Migrantinnen und Migranten sind für ihre Mitglieder "Partizipationsagenten": Sie bieten ihnen eine Heimat, knüpfen soziale Netze und sorgen auf diese Weise für soziale, kulturelle und zuweilen sogar ökonomische Integration. Indem sie als Interessenvertretung auftreten, kommt ihnen eine politische Integrationsfunktion zu.

    Aus dem Gesagten schließe ich: Legislative und Jurisdiktion sollten religiösen Vereinigungen von Migrantinnen und Migranten denselben Status zuerkennen, wie ihn die großen, aber auch die meisten kleinen christlichen Religionsgemeinschaften haben. In der Zivilgesellschaft, die sich zwischen Staat und Markt formiert, sollte das Potenzial von religiösen Migrantenorganisationen genutzt werden, um Integration zu fördern. Im Übrigen sollte Integration in einem Einwanderungsland wie Deutschland nicht über die Definition einer substantiellen Wertegemeinschaft, sondern unter rechtsstaatlichen Bedingungen als wechselseitige Anerkennung von Differenz erfolgen.

    PSJ Metadata
    Volkhard Krech
    Multikulturell – multiethnisch – multreligiös
    Beobachtungen zum Verhältnis von Migration und Religion
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    Europa
    Politikgeschichte
    20. Jh.
    4015701-5 4120730-0 4049396-9 4354651-1
    1900-2000
    Europa (4015701-5), Migration (4120730-0), Religion (4049396-9), Religiöse Identität (4354651-1)
    PDF document krech_beobachtungen.doc.pdf — PDF document, 187 KB
    Prof. Dr. Volkhard Krech: Multikulturell – multiethnisch – multreligiös. Beobachtungen zum Verhältnis von Migration und Religion
    In: Wege der Migration. Europas große Herausforderung (Geisteswissenschaft im Dialog, 13.04.2011, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/gid/2011-04-13/krech_beobachtungen
    Veröffentlicht am: 26.04.2011 16:55
    Zugriff vom: 28.09.2020 09:54
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