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    Prof. Dr. Bernhard Müller: Schrumpfung in Stadt und Region - Strategien sind gefragt!

    Geisteswissenschaft im Dialog – Demografischer Wandel - Wie organisieren wir das Schrumpfen?

    Schrumpfung in Stadt und Region - Strategien sind gefragt!

    Prof. Dr. Bernhard Müller


    Zur Person

    Prof. Dr. Bernhard Müller steht seit 1997 dem Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung, Dresden, als Direktor vor und ist Lehrstuhlinhaber für Raumentwicklung an der Technischen Universität Dresden. Als Raumplaner und Geograph bewegen sich seine Arbeitsfelder um Regionalplanung und Raumentwicklung und deren Management auf nationaler und internationaler Ebene. Er war Mitglied der Expertenkommission „Demografischer Wandel" der Sächsischen Staatskanzlei und der Akademiengruppe „Altern in Deutschland".

    Statement

    Wenn wir von Schrumpfung sprechen, dann löst dies in der Regel eher Bestürzung als Begeisterung aus. Denn unser Alltagsverständnis sagt uns: Wachstum ist gut, Schrumpfung ist schlecht. Schrumpfende Wirtschaft, schrumpfende Märkte, schrumpfende Chancen, schrumpfende Städte - Horrorvisionen, insbesondere für Politik und Verwaltung.

    Aber was tun, wenn die Bevölkerungszahl dauerhaft zurückgeht und wenn sich die Altersstruktur der Bevölkerung grundlegend ändert? Was tun, wenn diese Entwicklungen - wie wir sie in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern derzeit erleben oder in naher Zukunft zu erwarten haben - aufgrund eindeutiger Bevölkerungsprognosen nicht mehr wegdiskutiert werden können? Was tun, wenn die Folgen vor Ort - weniger Kinder, mehr Ältere, weniger Einwohner überhaupt - immer deutlicher zu spüren sind?

    Zunächst gilt es, genauer hinzuschauen. Wenn wir vom demografischen Wandel sprechen, dann geht es für Städte und Gemeinden eigentlich um zwei - durchaus getrennte - Herausforderungen: erstens um Schrumpfung im engeren Sinne, d. h. die Abnahme der Einwohnerzahl, und zweitens um Alterung, d. h. die prozentuale Zunahme der älteren Einwohner einer Gemeinde. Beide Prozesse können miteinander verbunden sein und sich überlagern, allerdings ist dies nicht zwangsläufig der Fall. Es gibt Dörfer, Städte und Regionen, die schrumpfen und gleichzeitig altern, es gibt aber auch solche, in denen nur einer dieser Prozesse festzustellen ist. Und natürlich werden in den kommenden Jahren auch weiterhin viele Städte und Gemeinden in Deutschland wachsen und keine Sorgen im Hinblick auf die Zahl junger Familien mit Kindern haben.

    Was sind nun die Folgen von Bevölkerungsrückgang und Alterung für Dörfer, Städte und Regionen? Sie liegen auf der Hand: Bevölkerungsrückgang bedeutet zum Beispiel weniger Einwohner, weniger Nachfrage nach Wohnungen bis hin zu Wohnungsleerstand in Größenordnungen, weniger Bedarf an wohnungsbezogener Infrastruktur, d. h. eine Unterauslastung von bestehenden Systemen der Wasserver- und Abwasserentsorgung, aber auch eine geringere Tragfähigkeit zum Beispiel der medizinischen Versorgung, insbesondere in den ohnehin schon dünn besiedelten Räumen. Und Bevölkerungsrückgang bedeutet für Städte und Gemeinden auch - nicht zu vergessen - weniger Steuereinnahmen und damit noch weniger finanzielle Handlungsspielräume.

    Alterung erhöht den Handlungsbedarf. Es geht um nicht weniger als um den grundlegenden Umbau unserer Gemeinden und Regionen: Es werden mehr altersgerechte Wohnungen gebraucht, der öffentliche Raum und die Verkehrssysteme müssen Mobilität auch bei eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten der Nutzer erlauben. Die Nachfrage nach Infrastruktureinrichtungen verändert sich. Es werden weniger Kindertagesstätten, Kindergärten und Schulen benötigt. Dem gegenüber steht ein höherer Bedarf an altersbezogenen Einrichtungen und Versorgungsdienstleistungen. Letztlich geht es um den Umbau der Gesellschaft vor Ort und auch um die Formen des Zusammenlebens zwischen den Generationen.

    Wie organisiert man nun den demografischen Wandel, das Schrumpfen und das Altern vor Ort? Auch wenn Politik und Verwaltung vielerorts erst sehr spät erkannt haben oder sogar noch erkennen müssen, dass zumindest mittel- bis langfristig nirgendwo ein Weg am demografischen Wandel in Deutschland vorbei geht, so mangelt es auch heute schon nicht an Programen und Ansätzen, sich mit den Herausforderungen vor Ort auseinanderzusetzen. Deutschland ist inzwischen sogar so etwas wie ein Musterland im Umgang mit dem demografischen Wandel geworden, ein Land, in dem es so viele Ansätze und Erfahrungen mit der Organisation von Schrumpfungs- und Alterungsprozessen gibt wie kaum an anderer Stelle auf der Welt. Ende der 90er Jahre, als man sich des Wohnungsleerstands und der damit verbundenen Wohnungsmarktkrise in Ostdeutschland in vollem Umfang bewusst wurde, hat man zum Beispiel umfangreiche Rückbauprogramme in Gang gesetzt. Es wurde damit begonnen, die technische und soziale Infrastruktur rück- bzw. umzubauen. Neue Formen der sozialen Infrastrukturversorgung, der medizinischen Versorgung oder der Bildung wurden diskutiert, erprobt, teilweise wiederbelebt. Konzepte der Dezentralisierung von technischer Infrastruktur wurden entwickelt und umgesetzt. Angesichts der sich dramatisch verändernden „Bevölkerungspyramiden", die seit langem schon keine Pyramiden mehr sind, sondern vielmehr häufig eher wie Pappeln oder sogar Kiefern aussehen - mit einem schmalen „Stamm" jüngerer Bevölkerung und einem breiten „Dach" der Älteren - sind neue Wohnmodelle, Wohngemeinschaften Älterer oder Formen intergenerationellen Wohnens entstanden. Kommunen haben mit dem altersgerechten Umbau begonnen. Seniorenbeiräte sollen sie dabei unterstützen.

    Aber reicht dies alles aus? Die Antwort ist eindeutig: Nein! Und häufig gehen die Bemühungen von Dörfern, Städten und Regionen auch in die falsche Richtung. Sektorale Konzepte sind nicht ausreichend, ebenso wenig wie isolierte Ansätze einzelner Kommunen. Susanne Gaschke 1 machte dies jüngst in einem Beitrag in der Wochenzeitung DIE ZEIT am Beispiel von „altersgerechten" Städten deutlich, in denen es zu neuen Formen der Segregation zwischen Jung und Alt kommt und in denen das Zusammenleben zwischen den Generationen zunehmend schwieriger wird.

    Mit dem demografischen Wandel und seinen Folgen hat sich die Situation für Kommunen und Regionen gegenüber vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert. Dies einzusehen, ist nicht leicht. Standen die Chancen früher noch relativ gut, den regionalen Strukturwandel zu bewältigen, indem man - unterstützt durch regionale Strukturpolitik - möglichst günstige Rahmenbedingungen für die Wirtschaft und attraktive Lebensbedingungen für die Menschen vor Ort schuf, so reicht dies allein heute längst nicht mehr aus, um Schrumpfen in Wachstum umzuwandeln. Und es ist zweifelhaft, ob wir überhaupt Schrumpfung in Wachstum zu verwandeln versuchen sollten.

    Es geht vielmehr um etwas qualitativ Neues: Schrumpfung darf nicht mehr als das Gegenteil von Wachstum verstehen werden, sondern als eine neue Form von Entwicklung - und Entwicklungsperspektive. Daran müssen wir uns erst noch gewöhnen und wir müssen es vor allem begreifen lernen. Wir brauchen neue Konzepte und Strategien! Wir müssen den Umbau unserer Städte und Dörfer als Chance begreifen lernen! Nicht die altersgerechte Stadt ist das Ziel einer zukunftsorientierten Gesellschaft, sondern die alternssensible Stadt- und Regionalentwicklung: nachhaltige Dörfer, Städte und Regionen für alle Generationen!

    1 Entspann dich. Alter! Deutschland wird dominiert von Menschen über 60. Ihnen geht es gut, sie haben Macht und beklagen sich trotzdem. Warum? Susanne Gaschke. In: DIE ZEIT No. 15. Vom 7. April 2011.

    PSJ Metadata
    Bernhard Müller
    Schrumpfung in Stadt und Region - Strategien sind gefragt!
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Sozial- und Kulturgeschichte
    21. Jh.
    4011882-4 4194892-0 4334479-3
    2000-2012
    Deutschland (4011882-4), Bevölkerungsrückgang (4194892-0), Überalterung (4334479-3)
    PDF document mueller_schrumpfung.doc.pdf — PDF document, 198 KB
    Prof. Dr. Bernhard Müller: Schrumpfung in Stadt und Region - Strategien sind gefragt!
    In: Demografischer Wandel - Wie organisieren wir das Schrumpfen? (Geisteswissenschaft im Dialog, 04.05.2011, Wissenschaftszentrum Bonn)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/gid/2011-05-04/mueller_schrumpfung
    Veröffentlicht am: 24.02.2012 11:15
    Zugriff vom: 07.08.2020 15:18
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