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Prof. Dr. Ludwig M. Eichinger: Trends der deutschen Sprache

Geisteswissenschaft im Dialog - Ist der Drops gelutscht? Trends der deutschen Sprache und der Dialekte

Trends der deutschen Sprache

Prof. Dr. Ludwig M. Eichinger



Zur Person

ist seit 2002 Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim und Ordinarius für Germanistische Linguistik an der Universität Mannheim. Weltweit absolvierte er wissenschaftliche Auslandsaufenthalte. Seine Forschungsschwerpunkte sind u. a. Syntax und Wortbildung des Deutschen, Regionalsprachforschung und Soziolinguistik. Sein Institut betreut u. a. das vom Bundesforschungsministerium (BMBF) im Rahmen der Freirauminitiative geförderte Forschungsvorhaben „Sprachwissenschaftliche Analyse und Optimierung in Call-Center-Gesprächen". Eichinger ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz.

Statement

Was ist ein Trend: ein Trend ist offenbar eine Entwicklung, die Ereignisse bringt, die (allgemein oder zumindest weithin) als neu und auffällig eingeschätzt werden. Das Sprechen von Trends ist übrigens ein Trend, den das an meinem Institut bearbeitete Fremdwörterbuch in dem einschlägigen Band aus dem Jahr 1981 als eine Modeerscheinung beschreibt, die in den letzten Jahren überhandgenommen habe.

Wenn so als Hauptüberschrift diese Veranstaltung der Sprache mit dem „gelutschten Drops" gewählt wird, ist damit impliziert, dass hier eine früher nicht gängige Formulierung für den Ausdruck des Sachverhalts vorliegt, dass irgendetwas abgeschlossen sei - und dieser Abschluss alternativlos - um ein anderes populär gewordenes Wort zu wählen. Soviel zur "Neuheit". Die zweite Anforderung, die hier anscheinend erfüllt ist, ist die der Auffälligkeit. Auffällig auf jeden Fall im Vergleich mit der Norm einer Schriftsprachlichkeit des mittleren Stils, aber auch positiv auffällig durch Elemente, die wir einer gesprochenen lockeren Jugendlichkeit zuordnen. Das Spiel mit einer auf eine banale Alltagswelt bezogene Metaphorik als Signale einer auf jeden Fall in ihrem Seriositätsanspruch gebrochenen Interaktionsmodalität.

Wo sehen die Sprecher und Schreiber des Deutschen nun Trends? Wir haben Ende 2008 durch die Forschungsgruppe Wahlen eine bundesweite Repräsentativumfrage durchführen lassen, bei der es unter anderem darum ging, was einem in der letzten Zeit an sprachlichen Veränderungen aufgefallen sei. Bemerkenswert ist vielleicht als erstes, dass 2008 über 80 Prozent der Befragten angaben, sie hätten Veränderungen wahrgenommen. Bei einer entsprechenden Befragung elf Jahre früher lag dieser Wert nur bei etwa 50 Prozent. Ohne Vorgabe von Kategorien kam es im Einzelnen zu folgenden nach Häufigkeit (mehr als 10 Prozent) geordneten Nennungen: Einflüsse durch fremde Sprachen; (neue) Rechtschreibung; Jugendsprache; unangemessenes Sprechen und Schreiben; Veränderungen der Grammatik, des Wortschatzes (entsprechende Kategorien zusammengerechnet) - nur 2 Prozent nannten übrigens eine veränderte Stellung der Dialekte.

Wenn man einmal von der Rechtschreibung absieht sind mit den „fremden Sprachen" -man könnte statt fremde Sprachen auch „Englisch" sagen - mit der „Jugendsprache" und mit dem „unangemessenen Sprachgebrauch" nicht nur Trends der Sprache benannt, sondern eigentlich Fragen der Veränderung gesellschaftlicher Normen und ihrer Bewertung. Das wird noch klarer, wenn man danebenhält, dass als zentrale Urheber des Wandels die Medien, Ausländer und Migranten, die Jugendlichen und „andere Kulturen und Sprachen" genannt werden. Wenn man übrigens nach der Bewertung der Entwicklung fragt, so finden diese zwar 30 Prozent (wie auch vor 11 Jahren) besorgniserregend, immerhin 15 Prozent erfreulich (gegenüber 5 Prozent vor zehn Jahren) und gute 50 Prozent antworten teils/teils. Natürlich lassen sich genauere Korrelationen einstellen, so wird etwa der Einfluss von Fremdem mit zunehmendem Alter mehr wahrgenommen, während die Wahrnehmung als unangemessen eher mit dem Bildungsgrad korreliert ist.

Klar ist, dass erstens verschiedene Ebenen betroffen sind und dass sie zweitens, nicht denselben Status haben. So wird der Einfluss des Englischen (aber auch z. T. die Neigung zu Jugendsprachlichem) großenteils am Wortschatz festgemacht. Dass Entlehnungen englischer Wörter eine Rolle spielen, ist dabei unbestritten - in unserem Wörterbuch der Neologismen der 1990er Jahre spielen fast in der Hälfte der Fälle englische Elemente eine gewissen Rolle. Die Frage ist eher, wie man diese Entwicklung einschätzt. Es gibt ja zweifellos Modeanglizismen, die kommen und gehen (kennt noch wer das Verb dissen ?), es gibt aber auf der anderen Seite auch den Tatbestand, dass bestimmte sachliche Kontexte sehr deutlich „rein englisch-sprachig" geprägt sind - so unser sprachliches Leben mit dem Computer (z. B. Hardware ) in technischer wie in praktischer (z. B. Laptop ) Hinsicht. Das Bild ist auf jeden Fall uneinheitlich (vgl. Computer - Rechner; downloaden vs. herunterladen ; Flexion von Computer usw.). Wie weit betrifft es die Grammatik unserer Sprache, wenn etwas Sinn macht, und zunehmend statt schließlich die Wendung am Ende des Tages verwendet wird - beides Entlehnungen nach englischem Muster?

Was etwa die Einflüsse der Jugend, der Medien und die Wahrnehmung von „Unange-messenheit" verbindet, ist die Beobachtung, dass dadurch vermehrt sprechsprachliche Elemente in öffentlichen Kontexten auftauchen. Wie standardnahe Sprechsprache auszusehen hat, ist ziemlich unklar, so dass häufig für die Beurteilung auf die Wissensbestände aus Schriftsprachlichkeit zurückgegriffen wird. Viele grammatische Wahrnehmungen sind von diesem Typ, etwa die viel diskutierten Beobachtungen zu weil- oder obwohl- Sätzen mit unterschiedlicher Wortstellung ( ich ziehe keinen Pullover an , obwohl es draußen kalt ist - ich ziehe keinen Pullover an - obwohl, es ist draußen kalt ; vgl. weil vs. denn ). In diesen Kontext gehört auch die Diskussion über den Genitiv, dem sein Tod der Dativ sei, dessen Status im „echt" gesprochenen Deutsch immer schon prekär war, und der zudem damit zu rechnen hat, dass bei den deutschen Feminina (z. B. Blume ) Dativ und Genitiv nicht voneinander zu unterscheiden sind, so dass das „Abschieben" des Genitivs in die Attributrolle ( die Weste der Frau/des Mannes/des Kinds ) eine systematisch „vernünftige" Reaktion des Deutschen ist.

Ein Hinweis noch zu den Dialekten: in unserer Umfrage wurde auch nach der Beliebtheit von Dialekten gefragt. Vor dem Bairischen, das übrigens auch als zweitunbeliebtester Dialekt bewertet wurde, wurde das „Norddeutsche" zum beliebtesten Dialekt. Es hilft wenig, zu sagen, das sei aber „eigentlich" kein Dialekt, es spiegelt auf jeden Fall den Tatbestand, dass weithin eine gewisse Orientierung an einer standardnahen Sprechweise vorherrscht. Das bestätigt sich auch in einer flächendeckenden Aufnahmeaktion, die wir an 180 Orten im deutschen Sprachraum durchgeführt haben, die auch belegt, dass diese generelle Orientierung bei jüngeren (schulgebildeten) Sprecherinnen und Sprechern zunimmt. Andererseits hat nach Ausweis unsrer Umfragen in den letzten zehn Jahren die Wertschätzung regional gefärbter Sprachformen zugenommen. Wenn man noch dazu nimmt, dass 60 Prozent der Befragten sagen, dass sie einen Dialekt beherrschten (wenn man die 29 Prozent „Norddeutsch"-Sprecher herausnimmt, führen das Bairische und Alemannische/Schwäbische die Rangliste deutlich an), und dass diese Sprecher angeben, sie würden etwa die Hälfte ihres sprachlichen Lebens mit dem Dialekt verbringen, spricht das einerseits von einer insgesamt hohen Wertschätzung, wirft aber auch die Frage auf, was „Dialekt" in diesem Kontext heißt.


PSJ Metadata
Ludwig M. Eichinger
Trends der deutschen Sprache
CC-BY-NC-ND 3.0
Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
Deutschland / Mitteleuropa allgemein
Sprache, Sprachgeschichte
21. Jh.
4011882-4 4113292-0 4056449-6 4182511-1 4056484-8
2000-2012
Deutschland (4011882-4), Deutsch (4113292-0), Sprache (4056449-6), Sprachentwicklung (4182511-1), Sprachpflege (4056484-8)
PDF document eichinger_trends.doc.pdf — PDF document, 267 KB
Prof. Dr. Ludwig M. Eichinger: Trends der deutschen Sprache
In: Ist der Drops gelutscht? Trends der deutschen Sprache und der Dialekte (Geisteswissenschaft im Dialog, 08.06.2011, Bayerische Akademie der Wissenschaften)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/gid/2011-06-08/eichinger_trends
Veröffentlicht am: 24.02.2012 11:15
Zugriff vom: 06.07.2020 06:34
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