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    Dr. Astrid Menz: Kiezdeutsch - eine Varietät zwischen Jugendsprache, Ethnolekt und Imitation

    Geisteswissenschaft im Dialog - Ist der Drops gelutscht? Trends der deutschen Sprache und der Dialekte

    Kiezdeutsch - eine Varietät zwischen Jugendsprache, Ethnolekt und Imitation

    Dr. Astrid Menz

    Zur Person

    leitet seit 2006 die wissenschaftliche Bibliothek des Orient-Instituts Istanbul, eine Einrichtung der Stiftung Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland. Nach dem Studium der Turkologie und Islamkunde promovierte sie 1998 in Mainz mit einer Arbeit zum kontaktinduzierten Sprachwandel. Sie lehrte u. a. an den Universitäten Mainz, Uppsala und an der Bosporus-Universität, Istanbul. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören die Sprachkontaktforschung in Bezug auf türkische Sprachen, Fragen der Alphabetisierung im Türkischen und der öffentliche Diskurs über Sprache in der Türkei.

    Statement

    Kiezdeutsch ist eine relativ neue, spezielle Form des gesprochenen Deutschen, die von Jugendlichen hauptsächlich in (Groß)städten verwendet wird. Was Kiezdeutsch von anderen Gruppensprachen Jugendlicher deutlich abhebt, ist, dass es Elemente von Sprache(n) der Arbeitsmigranten - wie Türkisch und Arabisch - und Anleihen aus den Lernervarietäten der Generation ihrer Eltern und Großeltern enthält. Dabei handelt es sich neben „fremden" Wörtern wie moruk ‚Alter‘ usw. auch um lautliche Erscheinungen wie das bekannte Phänomen der Ersetzung des (i)ch-Lautes durch sch. Darüber hinaus finden sich auch besondere Merkmale auf der grammatischen Ebene, wie etwa der Wegfall des Artikels, die Auslassung von Präpositionen und Veränderungen in der Wortstellung.

    Alle genannten Erscheinungen finden sich auch im "Türkendeutsch" oder "Türkenslang" u. ä. genannten Ethnolekt von Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund. Was Kiezdeutsch von diesem Ethnolekt unterscheidet, ist hauptsächlich, dass es nicht nur von Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund, sondern von Jugendlichen jeglicher Herkunft, d. h. auch von an sich monolingualen deutschen Jugendlichen, gesprochen wird.

    Verwendet wird Kiezdeutsch zur Kommunikation Jugendlicher untereinander, insbesondere in gemischtethnischen Gruppen. Im Gespräch etwa mit Erwachsenen wird in der Regel sofort auf eine andere Stilvariante des Deutschen oder einer anderen Sprache, je nach Herkunft des Kommunikationspartners, umgestellt. Verbunden mit dieser Sprachform ist einerseits das Image des urbanen, „coolen", „männlichen" Typs; ein Hauch von Rap-Kultur umweht das Kiezdeutsche. Anderseits ist es aber auch stigmatisiert als die Sprache der Problemfälle, der schulisch und beruflich erfolglosen Jugendlichen aus den Unterschichtvierteln der Städte.

    Kiezdeutsch hat eine gewisse Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erfahren und zwar hauptsächlich auf zwei Ebenen:

    Durch die Verwendung von Elementen des Kiezdeutschen in Comedy-Sendungen und in der Werbung erfreuen sich manche Redewendungen und einzelne Wörter auch bei monolingualen Sprechern einer gewissen Popularität, die in ihrer Lebenssituation gar keinen Kontakt zum Kiezdeutschen haben. Elemente des Kiezdeutschen dringen somit über den Umweg der Medien in die monolinguale Umgangssprache vor. Hier handelt es sich aber wohl eher um ironische Zitate als um dauerhafte Veränderungen in der Sprachnorm.

    Auf der anderen Seite sind Kiezdeutsch und „Türkendeutsch" in die öffentliche Diskussion geraten, weil sie häufig als unvollständig erworbenes oder fehlerhaftes Deutsch empfunden werden. Dazu haben sicherlich auch die stereotypen Überzeichnungen in den Medien, insbesondere in Comedy-Sendungen, beigetragen. Dort werden einzelne Elemente des sogenannten „Gastarbeiterdeutsch" - der Sprache der 1. Migrantengeneration - aufgegriffen und zusammen mit vom „Gastarbeiterdeutsch" inspirierten eigenen Schöpfungen als Elemente der Sprache jugendlicher Migranten dargestellt. Dabei sind die kolportierten Sprachproben in solchen Comedy-Acts durchaus nicht immer sehr „authentisch". Sie haben aber eine große Wirkung darauf, was in der Öffentlichkeit für „Türkendeutsch" oder allgemein „Ausländerdeutsch" gehalten wird und welche Vorstellungen über die Sprecher damit verbunden sind. Im Rahmen der Diskussion um den geringeren Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen mit Migrantenhintergrund haben diese Vorstellungen vom Kiezdeutschen die Debatte um Sprachkompetenz und schulischen (Miss-)erfolg mitgeprägt.

    Isolierte Sprachproben des Kiezdeutschen könnten tatsächlich den Eindruck erzeugen, als ob hier jemand das Deutsche nicht vollständig beherrsche. Oftmals entsteht der Eindruck, es handele sich um eine Sprache ohne Regeln bzw. voller Regelverstöße, um „gebrochenes" Deutsch. Sprachwissenschaftliche Untersuchungen des Kiezdeutschen haben aber gezeigt, dass es sich durchaus nicht um eine unvollständig erworbene Form des Deutschen handelt, sondern dass hier eine Varietät mit eigenen Regelhaftigkeiten entstanden ist.

    Ansichten über Sprache sind meist geprägt von dem Ideal der „korrekten" und „gepflegten" Standardsprache, wie man sie aus den Nachrichten, öffentlichen Ansprachen oder gar aus geschriebenen Texten kennt. Dabei wird oft vergessen, dass jeder, auch der monolinguale Muttersprachler des Deutschen über verschiedene Sprachstile, Register, dialektale und soziale Varianten verfügt. Mit Kleinkindern kommuniziert man anders als mit Professoren, innerhalb einer Dorfgemeinschaft anders als auf dem Finanzamt in der Kreisstadt. Genauso wie bestimmte Gesprächspartner die Verwendung einer bestimmten Sprachform bedingen, erfordern auch bestimmte Situationen angemessene Register. Die Umstellung auf die eine oder andere Form erfolgt dabei quasi automatisch. Diese Tatsache trifft auch auf Kiezdeutsch zu: es handelt sich um eine Sprachform, die nur in bestimmten Konstellationen verwendet wird. In der Regel stehen den Sprechern noch andere Varietäten und Register des Deutschen und/oder anderer Sprachen zur Verfügung. Solange dies der Fall ist, kann man Kiezdeutsch tatsächlich als eine Bereicherung der deutschen Umgangssprache verstehen in dem Sinne, dass ein weiterer Stil hinzugekommen ist, dessen man sich bedienen kann, oder auch nicht. Ein tiefergreifender Einfluss auf die allgemeine deutsche Umgangssprache geht nach meiner Einschätzung nicht über einzelne Elemente der Lexik hinaus. Und ob man in einigen Jahren tamam anstelle von o.k. sagt, wie es für möglich erachtet wurde, dass könnte uns fast schon „schnuppe" sein.



    PSJ Metadata
    Astrid Menz
    Kiezdeutsch - eine Varietät zwischen Jugendsprache, Ethnolekt und Imitation
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Sprache
    21. Jh.
    4011882-4 4056449-6 4182511-1
    2000-2012
    Deutschland (4011882-4), Sprache (4056449-6), Sprachentwicklung (4182511-1)
    PDF document menz_kiezdeutsch.doc.pdf — PDF document, 194 KB
    Dr. Astrid Menz: Kiezdeutsch - eine Varietät zwischen Jugendsprache, Ethnolekt und Imitation
    In: Ist der Drops gelutscht? Trends der deutschen Sprache und der Dialekte (Geisteswissenschaft im Dialog, 08.06.2011, Bayerische Akademie der Wissenschaften)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/gid/2011-06-08/menz_kiezdeutsch
    Veröffentlicht am: 24.02.2012 11:15
    Zugriff vom: 27.01.2020 00:37
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