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    Prof. Dr. Cord Jakobeit: Wie sollte der Westen auf den Aufstieg der Regionalmächte reagieren?

    Geisteswissenschaft im Dialog - Die Weltordnung im 21. Jahrhundert

    Wie sollte der Westen auf den Aufstieg der Regionalmächte reagieren?

    Prof. Dr. Cord Jakobeit

    Zur Person

    leitet seit 2000 den Lehrstuhl für Internationale Politik an der Universität Hamburg. Der Politologe und Volkswirt studierte an der Technischen Universität Hannover, am Institut d'Etudes Politiques, Paris, und an der Universität Hamburg. An der Harvard University (USA) absolvierte er den Master in Public Administration. Neben seiner Tätigkeit als Consultant bei der Weltbank begann er seine wissenschaftliche Laufbahn an der Freien Universität Berlin und setzte sie am Stanford Study Center und am Wissenschaftskolleg in Berlin fort. Cord Jakobeit ist seit 2006 Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften in Hamburg.

    Statement

    Die Internationalen Beziehungen, die als wissenschaftliche Disziplin in Deutschland Teil der Politikwissenschaft sind, haben sich in den letzten Jahrzehnten nicht als besondert geeignet erwiesen, die Zukunft vorherzusagen. Wir haben weder den Mauerfall bzw. das Ende der Ost-West-Konfrontation kommen sehen, noch den 11. September 2001 oder den „Arabischen Frühling". Allerdings können wir nach dem Eintritt der Ereignisse immer überzeugend erklären, warum es so und nicht anders kommen musste.

    Selbstironie bei Seite - was lässt sich seriös über „die Weltordnung im 21. Jahrhundert" und den „Aufstieg neuer Mächte" zu Beginn des Jahrhunderts sagen? Basierend auf den Entwicklungen der letzten Jahrzehnte sind wir gegenwärtig in der Tat Zeuge eines drama¬tischen Umbruchs. Galten z. B. die USA noch vor wenigen Jahren als quasi unangreifbare „unipolare Macht", so führen heute militärische imperiale Überdehnung und Erosion der wirtschaftlichen und finanziellen Basis dazu, dass die USA sich voraussichtlich auf absehbare Zeit vor allem mit den eigenen Problemen werden beschäftigen müssen. Durch eine Politik des „erhobenen Zeigefingers" haben sie zudem in anderen Teilen der Welt viel von ihrer einstigen politisch-kulturellen Anziehungskraft verloren, auch wenn ihre militär-technologische Über¬legenheit noch Jahrzehnte anhalten dürfte. Gelingt jedoch keine wirtschaftliche Gesundung, wird die finanzielle Basis für diese Überlegenheit unaufhaltsam erodieren. Gleichwohl sollte man sich davor hüten, die USA bereits abzuschreiben, denn das amerikanische Gesellschaftssystem hat in der Vergangenheit mehrfach bewiesen, dass es sich immer wieder auf überraschende Weise neu erfinden kann.

    Auf der anderen Seite sind wir - teilweise - schon seit Jahrzehnten Zeugen des enormen wirt-schaftlichen Aufstiegs aufstrebender Staaten wie China, Indien, Brasilien und weiterer soge-nannter Regionalmächte. Auf der wirtschaftlichen Ebene hat die Globalisierung offensichtlich enorme Kräfte freigesetzt. Der wirtschaftliche Aufstieg der aufstrebenden Staaten wird zudem von einem großen Optimismus und einer Zuversicht für die Gestaltbarkeit der Zukunft begleitet, die jeden Besucher dieser Länder staunen lässt. Manche Beobachter sprechen sogar schon von einer „asiatischen Hegemonie" und dem 21. Jahrhundert als dem „asiatischen Jahrhundert". Danach wäre die politisch-wirtschaftliche Dominanz des Westens, die sich in den letzten fünf Jahrhunderten entfaltet hat, letztlich doch nur eine Fußnote bzw. ein Ausreißer in einer ansonsten asiazentrischen Weltordnung.

    Worin genau bestehen die Herausforderungen für den Westen angesichts der wirtschaftlichen Erfolge Chinas? Drei Felder sind zu nennen. Erstens stellt sich angesichts der grassierenden Wirtschafts- und Finanzkrise des Westens die Frage, ob bzw. inwieweit nicht ein großer Staatsanteil, insbesondere im Finanzsektor, und massive staatliche Eingriffe die bessere Wirt-schaftspolitik sind? Zweitens wird die Debatte über Möglichkeiten und Grenzen der Entwick-lungsdiktatur neu belebt. Denn das politische Monopol einer kleinen Gruppe, die Kombination von wirtschaftlicher Freiheit und autoritärem Staat (das trifft neben China auch auf Singapur, Vietnam, Malaysia, Russland zu) und der damit verbundene „Beijing Consensus" in der Entwicklungszusammenarbeit, werden in anderen Teilen der Welt zunehmend als die „bes-sere" Alternative zur westlichen Bevormundung begriffen. Und drittens führen die Aufrüstung Chinas, die neuen (und kommenden) Atommächte sowie die „Schurkenstaaten" dazu, dass auch das militärisch-politische System des Westens herausgefordert wird, wobei China (und Russland) ihre Sonderstellung im Weltsicherheitsrat nutzen, Gegner des Westens zu schützen.

    Doch auch hier sollte nicht der Fehler begangen werden, die Trends der letzten Jahre einfach monoton in die Zukunft zu verlängern. Stärke und Überlegenheit (oder deren Gegenteil) eines Systems zeigen sich erst, wenn die anfänglichen Aufstiegs- und Nachholprozesse auf dem höchsten Niveau angekommen sind. In diesem Sinne stehen die unvermeidlichen „Saturierungskrisen" bei den aufstrebenden Staaten noch aus. Die Asienkrise von 1997/1998, die in der Region vergleichsweise rasch überwunden wurde, kann nicht der Gradmesser für den erfolgreichen Umgang mit Krisen sein.

    Wie sollte der Westen auf die genannten Herausforderungen reagieren? In meiner Disziplin werden vor allem zwei Szenarien diskutiert. Das eine geht davon aus, dass der Aufstieg Chinas zwangsläufig auf eine militärische Konfrontation hinauslaufen wird. Weil Aufsteiger nach Überlegenheit streben und andere ihre Spitzenposition verteidigen wollen, geraten die beiden Kontrahenten früher oder später in Streit. Der Inder Arvind Subramanian beschreibt in einem aktuellen Aufsatz eine Situation im Jahr 2030, in der China die USA im Gegenzug für weitere Hilfen zur Finanzierung des Staatshaushalts dazu auffordert, die US-Truppen aus dem Westpazifik zurückzuziehen. In dieser Sichtweise sind die gegenwärtigen Versicherungen der chinesischen Führung, man strebe nur Anerkennung, Gleichberechtigung und gegenseitigen Vorteil an, lediglich als rhetorisches Blendwerk zu verstehen. Stattdessen sollte der Westen aufrüsten und im Zweifel die Konfrontation suchen.

    Das andere Szenario geht dagegen davon aus, dass es keine Alternative zu einer graduellen Heranführung der aufstrebenden Staaten und Regionalmächte an die bestehende Weltordnung gibt, die wesentlich von den USA und vom Westen gestaltet wurde. Dialog, Einbindung in gemeinsame Aufgaben und vertiefte Kooperation sind das Gebot der Stunde. Die Bearbeitung der großen globalen Herausforderungen unserer Zeit - Armut, Hunger, Klimawandel, Konflikte und Kriege etc. - kann nur unter Einschluss der aufstrebenden Staaten gelingen, nicht gegen sie. Das setzt allerdings auch voraus, dass der Westen zu Kompromissen bereit ist, gemeinsame Lernprozesse anstrebt und die Neugestaltung der Weltordnung unter echter Mitsprache der aufstrebenden Staaten in Angriff nimmt. Und es heißt nicht, dass der Westen seine Grundwerte aufgibt oder diese kompromittiert, sondern dass er sie beharrlich vertritt und für sie wirbt, ohne in die Bevormundung der Vergangenheit zurückzufallen. Der „Arabische Frühling" zeigt, wie groß die Anziehungskraft dieser Werte außerhalb des Westens bleibt.

    Und welche Rolle spielen bei alldem die Regionalwissenschaften? Sie sind gefordert, sich als gleichzeitige „Welt- und Lokalwissenschaften" neu zu erfinden, die koloniale Brille endgültig abzulegen, weit offensiver in den Gesellschaften für den Reiz der Beschäftigung mit den faszinierenden Wandlungsprozessen in anderen Teilen der Welt zu werben und ihre Erkennt-nisse noch offensiver und selbstbewusster zu kommunizieren.


    PSJ Metadata
    Cord Jakobeit
    Wie sollte der Westen auf den Aufstieg der Regionalmächte reagieren?
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    Weltgeschichte
    Militär, Politik, Wirtschaft
    21. Jh.
    4003217-6 4015701-5 4078704-7 4557997-0 4039305-7 4046514-7 4066399-1
    2000-2012
    Asien (4003217-6), Europa (4015701-5), USA (4078704-7), Globalisierung (4557997-0), Militär (4039305-7), Politik (4046514-7), Wirtschaft (4066399-1)
    PDF document jakobeit_wie.doc.pdf — PDF document, 197 KB
    Prof. Dr. Cord Jakobeit: Wie sollte der Westen auf den Aufstieg der Regionalmächte reagieren?
    In: Die Weltordnung im 21. Jahrhundert (Geisteswissenschaft im Dialog, 21.09.2011, Universität Hamburg)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/gid/2011-09-21/jakobeit_wie
    Veröffentlicht am: 24.02.2012 11:20
    Zugriff vom: 31.03.2020 14:00
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