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    Prof. Dr. Robert Kappel: Machtverschiebungen. Wie China, Indien und andere Regionalmächte die Welt verändern

    Geisteswissenschaft im Dialog - Die Weltordnung im 21. Jahrhundert

    Machtverschiebungen

    Wie China, Indien und andere Regionalmächte die Welt verändern

    Prof. Dr. Robert Kappel

    Zur Person

    ist Ökonom und Politikwissenschaftler und seit 2004 Präsident des GIGA German Institute of Global and Area Studies, Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien. Seine Forschungsschwerpunkte sind u. a. Globalisierung, wirtschaftliche Verkettungseffekte und die Ökonomie großer Volkswirtschaften. Von 1981 bis 1989 war er am Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik in Bremen tätig, von 1989 bis 1996 an der Universität Bremen und von 1996 bis 2004 als Professor am Institut für Afrikanistik der Universität Leipzig.

    Statement

    Die Welt hat sich bereits stark verändert. Sie wandelt sich grundlegend in Richtung multipolare Welt und teilweise zum Multilateralismus. Zugleich verstärken sich parallel bilaterale Aktivitäten. Politisch und wirtschaftlich wird die Welt zu einem „Nudeltopf" mit verschiedenen un-verbundenen Zutaten. Nationalstaatlicher Protektionismus tritt an die Stelle globaler Gouvernanz. Es wird schwerer, multilaterale Vereinbarungen zu schließen wie für den Klimaschutz, Welthandelsregelungen oder für die atomare Abrüstung. Dabei handelt es sich bei diesen Entwicklungen nicht um etwas Zukünftiges, sondern um eine überwältigende Dynamik, die die Veränderungen der Handels- und Direktinvestitionsströme in Asien und Richtung Süd-Süd-Kooperation umfassen. Zudem wendet sich ein wachsender Teil der Länder den neuen Regional Powers zu, die zu den neuen Zentren mit Welteinfluss geworden sind. Dies sind vor allem China, Indien und Brasilien. Die Türkei, Südafrika, Mexiko und Indonesien spielen ebenfalls eine Rolle. Das Wachstum der Regional Powers ist auf allen Gebieten besonders hoch:

    Exportwachstum: China und Indien wachsen seit 30 Jahren mit durchschnittlich 10 Prozent, die EU immerhin noch mit durchschnittlich über 6 Prozent, die USA ebenfalls mit mehr als 6 Prozent, die beiden letztgenannten aber ausgehend von einem sehr hohen Niveau. Regional Powers wie Nigeria, Iran weisen geringere Wachstumsraten auf.

    Auslandsdirektinvestitionen sind in China, Indien und Brasilien rapide angestiegen.

    Wachstum des Bruttosozialprodukts (BSP): Das durchschnittliche Wachstum des BSP ist in den Regional Powers deutlich höher als in der EU und den USA. Allerdings ist es in Brasilien, Südafrika, Mexiko, Nigeria und Iran deutlich schwächer als in den USA, der EU, Indien und China.

    Pro-Kopf-Einkommen: ist ebenfalls überdurchschnittlich gewachsen, allerdings meistens ausgehend von einem niedrigen Niveau.

    Industrielle Wertschöpfung: Die Wachstumsraten liegen in einigen Regional Powers wie China, Indien und Indonesien oberhalb des Durchschnitts der EU und der USA. Brasilien, Südafrika und Nigeria weisen jedoch deutlich niedrigere Werte auf.

    Forschungsleistungen: Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) haben sich deutlich erhöht und bewegen sich fast auf dem Niveau des Weltdurchschnitts.

    Dieser unaufhaltsame Aufstieg einiger Regional Powers ist nicht das Ergebnis des Wachstums der letzten fünf bis zehn Jahre, sondern begann bereits in den 70er und 80er Jahren. Wie Pranab Bardhan in seinem Buch: „The Awakening Giants", herausarbeitet, wurden die Weichen in China und Indien intern durch die Modernisierung der Landwirtschaft, die Expansion der Forschung und durch marktwirtschaftliche Reformen vor dreißig Jahren gelegt. Heute sind sie bereits weltweit zu den Größten geworden.

    Von erheblicher Bedeutung ist auch die Kooperation untereinander und in den jeweiligen Regionen. Der Handel und die Investitionen untereinander nehmen deutlich zu. Die „Süd-Süd-Kooperation" bezieht sich auch auf Kultur- und Bildungsaustausch, auf gemeinsame Forschung und Netzwerke, politische Absprachen - jenseits der OECD-Welt. Wir können nicht mehr länger von einer OECD-Welt geführten Weltwirtschaft ausgehen. Die Dimensionen haben sich deutlich zugunsten der Regional Powers verschoben. In den 80er und 90er Jahren wurde bereits der Aufstieg der Regionalmächte vorhergesagt, allen voran China und Indien. Seit einigen Jahren ist dies nun tatsächlich der Fall.

    Brasilien, China und Indien nehmen nicht nur regional sondern auch global Einfluss. Stichwort: von G7 zu G20. Die Dynamik wird deshalb besonders sichtbar, weil die globalen und regionalen Players nicht nur die Global Governance mitgestalten, und dies in zunehmenden Maße in den Bereichen Klima, Energie, Weltwährung, WTO und IWF, sondern in den regionalen Kooperationsverbünden eine steigende Anziehungskraft haben. Grund dafür ist das starke wirtschaftliche Wachstum, weil sie public goods zur Verfügung stellen, die Währungen in den Regionen steuern, sich durch tieferen Austausch und Direktinvestitionen stärker integrieren und die maritime Sicherheit in der ASEAN-Region gewährleisten. Interessant ist, dass sowohl die USA als auch die EU ihre ehemals relativ starke wirtschaftliche und politische Rolle in allen Weltregionen immer weiter einbüßen. Der Aufstiegstrend zeigt sich auch in einem Feld, das bisher als Domäne der Europäer und den USA galt, im Bereich zivile und militärische Forschung, Entwicklung und innovative Technologien. Der Catching-Up-Prozess ist eindeutig und wird noch mehr an Dynamik gewinnen.

    M.E. handelt es sich bei den Entwicklungen des relativen Aufstiegs der Regional Powers bei gleichzeitigem relativem Abstieg keineswegs um eine Konstellation, in der es zu „kosmopolitischer Zwangssolidarisierung" zwischen China, Indien, Brasilien, Russland, den USA und der EU kommen wird, sondern um einen Prozess der deutlichen Verschiebung der Weltpolitik und -wirtschaft. Das Konfliktpotenzial steigt. In der G20 nehmen die Regional Powers Positionen ein, die oftmals den Vorstellungen der traditionellen Mächte diametral entgegenstehen. Das betrifft am deutlichsten die Klimapolitik, den wirtschaftlichen Protektionismus, die weltweite Energiezufuhr und vor allem die westlichen Werte. Es handelt sich um eine Neuordnung der Weltpolitik durch die Regional Powers, die keineswegs länger der Dominanz des Westens folgen wollen.

    Was den Regional Powers noch fehlt, liegt auf der Hand. Sie müssen global und regional steuern lernen, d. h. öffentliche Güter der Welt zur Verfügung stellen. Sie werden globale und regionale Verantwortung übernehmen und verlässlich agieren müssen, um das Vertrauen der Nicht-OECD-Welt, ebenso wie der EU und der USA zu erwerben. Die Welt befindet sich in einem fragilen Ungleichgewicht. Nicht nur durch die relative Schwäche der Westmächte, sondern auch durch die sich in der Transformation befindlichen Regional Powers, denen es bislang nicht gelingt, global und regional verlässlich zu agieren. Es bildet sich eine globale Führungslücke und es entstehen globale und regionale Governancelücken. Die Welt driftet auseinander. Anarchie kann entstehen, weil die Gleichgewichte sich verschoben haben, ohne dass Steuerung und Ordnung jederzeit noch möglich ist.



    PSJ Metadata
    Robert Kappel
    Machtverschiebungen
    Wie China, Indien und andere Regionalmächte die Welt verändern
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    Weltgeschichte
    Politik, Wirtschaft
    21. Jh.
    4009937-4 4015701-5 4026722-2 4078704-7 4065449-7 4065468-0 4066527-6
    2000-2012
    China (4009937-4), Europa (4015701-5), Indien (4026722-2), USA (4078704-7), Weltpolitik (4065449-7), Weltwirtschaft (4065468-0), Wirtschaftswachstum (4066527-6)
    PDF document kappel_machtverschiebungen.doc.pdf — PDF document, 265 KB
    Prof. Dr. Robert Kappel: Machtverschiebungen. Wie China, Indien und andere Regionalmächte die Welt verändern
    In: Die Weltordnung im 21. Jahrhundert (Geisteswissenschaft im Dialog, 21.09.2011, Universität Hamburg)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/gid/2011-09-21/kappel_machtverschiebungen
    Veröffentlicht am: 24.02.2012 11:20
    Zugriff vom: 31.03.2020 15:03
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