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    Prof. Dr. Stephan Leder: Das Ende des Postkolonialismus - Was dann?

    Geisteswissenschaft im Dialog - Die Weltordnung im 21. Jahrhundert

    Das Ende des Postkolonialismus - Was dann?

    Prof. Dr. Stephan Leder

    Zur Person

    leitet derzeit das Orient-Institut Beirut/Libanon, ein Institut der Stiftung Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland. Er ist seit 1993 Professor für Arabistik und Islamwissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Am Orient-Institut Beirut arbeitet er vor allem zum Verhältnis von Religion und Politik. Nach seinem Studium der Islamwissenschaft und deutschen Literatur in Mainz und Frankfurt war er in Tunesien, im Libanon, in Jordanien und Syrien wissenschaftlich tätig.

    Statement

    Der Mittlere Osten und Nordafrika werden in Europa als die MENA (Middle East and North Africa) Region wahrgenommen. Ist es aber richtig, alle zugehörigen Länder in einen solchen Bezug zu setzen? An der Schnittstelle dreier Kontinente gelegen, scheint die Region mehr durch Unterschiedlichkeit als durch Zusammengehörigkeit geprägt zu sein.

    Trotz der historischen, kulturellen und sprachlichen Verbindungen ist die Region politisch fragmentiert, stehen Ölreichtum und Entwicklungsprobleme oft in einem scharfen Kontrast und engem Zusammenhang. Ethnische und konfessionelle Vielfalt bedeuten vor allem in den Ländern des arabischen Ostens kulturellen Reichtum und schwere politische Bürde zugleich. Die regionalen Interessen und Anbindungen der einzelnen Länder sind sehr unterschiedlich und von angrenzenden Regionen mitbestimmt. Hinzu kommt, dass die Region seit jeher Tummelplatz der Großmächte ist. Große Konflikte weltpolitischer Dimension prägen seit Jahrzehnten das Geschehen und sind bis heute allgegenwärtig: Der Nah-Ost Konflikt und, eng damit verbunden, der Kalte Krieg, sowie die Herausforderung der politischen und kulturellen Hegemonie des Westens durch die Islam-Politik von Staaten und politische Gruppierungen. Diese Konflikte und die Kriege der letzten Jahrzehnte, die daraus resultierten, stehen unter den den Zeichen des Postkolonialismus.

    Die MENA Region ist aus Europa betrachtet als eine - zum Teil ressourcenreiche - Nachbarschaftsregion besonders wichtig. Die Vielzahl der Akteure und Perspektiven in dieser Region, die kulturellen Differenzen zwischen den Gesellschaften und die Komplexität der Verflechtungen und Interessensüberlagerungen stellen hohe Anforderungen an das Verständnis der Gegebenheiten und sollten einen Ansporn darstellen, Kompetenz einzubringen und weiterzuentwickeln. Dies gilt insbesondere auch vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklung.

    Im Wettstreit der regionalen Großmächte Iran und Saudi Arabien, Türkei und Israel kann das westliche Bündnis zunehmend weniger selbstgewiss auf die Belastbarkeit eingespielter Partnerschaften zählen. Die Türkei als Wirtschaftsriese, politischer Makler und Modellstaat in der Region, agiert mit großem Selbstbewusstsein und verfolgt ihre eigene Agenda. Besonders auffällig ist, dass es zu gelingen scheint, die eigene Politik mit den ideologisch sehr unterschiedlichen Perspektiven Irans zu konzertieren.

    Die bequemen, wenn auch unappetitlichen und anstößigen Allianzen mit Knüppelregimen, die für Ordnung und Berechenbarkeit in der Region sorgten, sind diskreditiert, zerbrochen oder in Gefahr. Saudi Arabien und Israel, problematische Garanten des Status quo, werden von ihren eigenen Bürgern konfrontiert. Die Volksaufstände in den arabischen Ländern sprechen trotz ihrer großen Diversität im Hinblick auf Voraussetzungen und Verläufe eine gemeinsame Sprache: Aufbegehren gegen autoritäre Strukturen und Despotendynastien, Verlangen nach politischer Partizipation und transparenten institutionellen Strukturen. Neu und wichtig ist, dass diese Bewegungen weitgehend getragen werden von einer jugendlichen Generation, die sich neuer Medien und einer neuen politischen Sprache bedient. Es ist kein postkolonialer Kampf gegen Hegemonialmächte, denn es geht um die Reform der eigenen politischen Systeme. Man möchte Hilfe und Zusammenarbeit mit dem Westen, aber bitte keine Bevormundung.

    Sind wir bereit und ausgerüstet für eine Partnerschaft? Das ist wohl eine ständige Schicksalsfrage für die Zukunft des Zusammenlebens mir unserer Nachbarschaftsregion. Der Widerstreit zwischen liberalen Werten, wie sie auch den Aufstand in der arabischen Welt inspirierten, und der konservativen, weitgehend islamisch bestimmten Werte- und Normenwelt der Mehrheitsgesellschaften bleibt bestehen und erfordert komplizierte und langwierige Übersetzungs- und Anpassungsprozesse. Traditionelle Gesellschaftstrukturen, die persönliche Abhängigkeiten und Austauschverhältnisse favorisieren, sind mit dem reibungslosen Funktionieren von Institutionen oft schwer vereinbar. Die globalen Interessengegensätze der (neuen) Weltmächte, die im Nah-Ost Konflikt ihre in der Region wirksame praktische Zuspitzung und symbolische Verdichtung erfahren, werden weiterhin Reformprozesse behindern und brutale Unterdrückung rechtfertigen können.

    Diese Konflikte werden in den Gesellschaften der Region bereits seit langem auf vielfältige Weise ausgetragen. Nicht immer werden die Themen direkt verhandelt, oft sind sie eingebunden in Diskussionen um Recht, Sitte, Literatur etc. Mit den aktuellen Ereignissen hat sich der Prozess der Erneuerung beschleunigt. Der Blick, mit dem wir gerne auf den Orient geschaut haben, voller Bewunderung für seine Geheimnisse und bunte Vielgestalt, und voller Überheblichkeit seinen Werten und seiner vermeintlichen Rückständigkeit gegenüber, ist endgültig überholt.

    Es gibt keine Alternative zu einer vielseitigen Partnerschaft in der Region, die sich auf den Prozess der Erneuerung und seine Komplikationen einlässt. Das erfordert Kooperationswillen, Kompetenz, und Offenheit der Strukturen. Eine schwierige Aufgabe, zu der die Regionalwissenschaften mit ihrem Wissen über Geschichte, Kulturen, Gesellschaften wesentlich beitragen können.



    PSJ Metadata
    Stefan Leder
    Das Ende des Postkolonialismus - Was dann?
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    Weltgeschichte
    Politik
    21. Jh.
    4065449-7
    2000-2012
    Weltpolitik (4065449-7)
    PDF document leder_das.doc.pdf — PDF document, 191 KB
    Prof. Dr. Stephan Leder: Das Ende des Postkolonialismus - Was dann?
    In: Die Weltordnung im 21. Jahrhundert (Geisteswissenschaft im Dialog, 21.09.2011, Universität Hamburg)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/gid/2011-09-21/leder_das
    Veröffentlicht am: 24.02.2012 11:20
    Zugriff vom: 31.03.2020 15:14
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