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Prof. Dr. Herbert Heuer: Burnout und der Wandel der Arbeit

Geisteswissenschaft im Dialog - Ein Leben auf Standby - Die modernen Volksleiden Stress, Burnout und Depression

Zum Wissenschaftsjahr 2011 - Forschung für unsere Gesundheit

Burnout und der Wandel der Arbeit

Prof. Dr. Herbert Heuer

Zur Person

Professor für Arbeitspsychologie und Experimentelle Psychologie am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der Technischen Universität Dortmund, Leiter der Projektgruppe "Transformierte Bewegungen"

Statement

Ich möchte heute zweierlei behaupten:

1. Der Wandel der Arbeit geht mit verstärkten Anforderungen an die Selbstkontrolle einher
2. Verstärkte Anforderungen an die Selbstkontrolle gehen mit erhöhtem Burnout einher

Die Folgerung aus diesen beiden Behauptungen ist natürlich, dass der Anstieg von krankheitsbedingten Fehlzeiten durch "psychische und Verhaltensstörungen" zumindest teilweise durch verstärkte Anforderungen an die Selbstkontrolle verursacht ist. Im Folgenden möchte ich beide Behauptungen kurz erläutern.

Menschen verfolgen Ziele und richten ihr Denken und Verhalten daran aus. Diese Leistung kann Funktionen der Selbstkontrolle beanspruchen. Zu diesen Funktionen zählt beispielsweise das Unterdrücken spontaner Verhaltenstendenzen. Bei einem Vortrag etwa mag die Tendenz zum Widerspruch noch so stark sein, in der Regel wird sie unterdrückt. Eine zweite Funktion der Selbstkontrolle ist die Überwindung innerer Widerstände. Eine Arbeit muss verrichtet werden, auch wenn sie langweilig oder gar mit heftiger Abneigung verbunden ist. Schließlich ist noch das Widerstehen von Ablenkungen zu nennen. Die Welt ist voller Reize, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, aber bei der Arbeit nur stören.

Der Wandel der Arbeit geht mit verstärkten Anforderungen an die Selbstkontrolle einher - das ist meine erste Behauptung. Für diese Behauptung habe ich zwar keine handfesten Belege, aber der Augenschein spricht recht klar dafür, denn vor allem im wachsenden tertiären Sektor, also im Dienstleistungsbereich, erscheinen die Anforderungen an die Selbstkontrolle eher hoch.

Klarer sind die Belege für meine zweite Behauptung: Verstärkte Anforderungen an die Selbstkontrolle gehen mit erhöhtem Burnout einher. Zunächst gilt für kurze Zeitspannen, dass die Beanspruchung der Selbstkontrolle zu Ermüdung oder Erschöpfung führt. Das kann zum Beispiel verständlich machen, dass man sich richtig geschafft fühlt, wenn man längere Zeit Vorträge gehört hat - ermüdet scheinbar vom Sitzen und Zuhören, in Wirklichkeit aber vom Unterdrücken all dessen, was man gern getan hätte. Ermüdet werden wir nämlich nicht nur durch das, was wir tun, sondern auch durch das, was wir nicht tun.

Wenn wir von Auswirkungen der Beanspruchung an die Selbstkontrolle bei der Arbeit sprechen, meinen wir natürlich eher die langfristigen als die kurzfristigen Folgen. Da wir die Anforderungen bei der Arbeit nicht experimentell variieren können, erfassen wir sie mit Hilfe von Fragebogen. Für die Erfassung von Burnout nutzen wir ebenfalls einen Fragebogen, der mehrere Facetten erfasst. Die zentrale Facette von Burnout ist die emotionale Erschöpfung. Sowohl der Fragebogen zur Selbstkontrolle wie auch der zum Burnout hängen ziemlich handfest mit der Realität zusammen: Beispielsweise sind die Anforderungen an die Selbstkontrolle im Pflegedienst höher als in der Verwaltung von Altenpflegeeinrichtungen, und Personen, die nach Maßgabe des Fragebogens stärker unter Burnout leiden, haben im nachfolgenden Jahr mehr Fehlzeiten.

In den letzten Jahren haben meine Kolleginnen und Kollegen am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung den Zusammenhang zwischen Anforderungen an die Selbstkontrolle und Burnout vielfach belegt. Dieser Zusammenhang kann aber beeinflusst werden, und zwar sowohl durch individuelle Merkmale wie auch durch Merkmale der Arbeit bzw. der Organisation. Drei Beispiele möchte ich kurz nennen.

1. Menschen unterscheiden sich in ihrer Fähigkeit zur Selbstkontrolle. Diese Fähigkeit kann relativ direkt mit Hilfe von Fragebogen erfasst werden, aber auch eher indirekt durch Angaben zur Häufigkeit von Fehlleistungen im Alltag. In beiden Fällen zeigt sich, dass bei geringerer Selbstkontroll-Fähigkeit Burnout stärker mit den beruflichen Anforderungen an die Selbstkontrolle ansteigt als bei höherer Selbstkontroll-Fähigkeit.

2. Arbeitsplätze unterscheiden sich im Spielraum, den sie beispielsweise bei der zeitlichen Organisation der Arbeit lassen. Dieser Spielraum ist ein klassischer sogenannter Puffer für Belastungswirkungen, und das gilt auch für die Anforderungen an die Selbstkontrolle.

3. Menschen und Betriebe passen unterschiedlich gut zusammen, und Menschen entwickeln unterschiedlich starke emotionale Bindungen an einen Betrieb. Man könnte meinen, dass sich vor allem Menschen mit enger Bindung für ihren Betrieb aufreiben und dann von Burnout betroffen sind. Das ist aber nicht der Fall: Eine enge emotionale Bindung an den Betrieb geht vielmehr mit geringeren Auswirkungen von Selbstkontrollanforderungen auf Burnout einher.

Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass die enge Bindung an einen Betrieb unter anderem dadurch gefördert wird, dass die persönlichen Ziele gut mit den wahrgenommenen betrieblichen Zielen übereinstimmen. Diese Zusammenhänge führen dann zu einer sehr einfachen, aber kaum zu beantwortenden Frage: Zielgerichtetes Verhalten ist eine grundlegende menschliche Leistung, für die Menschen generell hervorragend geeignet sind - ein guter Teil läuft ab, ohne dass wir darüber in irgendeiner Weise nachdenken müssen. Welche Ziele sind es dann, deren Verfolgung dennoch mit kurz- und vor allem langfristigen Kosten für den Menschen einhergeht?



PSJ Metadata
Herbert Heuer
Burnout und der Wandel der Arbeit
CC-BY-NC-ND 3.0
Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
Deutschland / Mitteleuropa allgemein
Psychologie
21. Jh.
4011882-4 4195380-0 4180843-5
2000-2012
Deutschland (4011882-4), Burn-out-Syndrom (4195380-0), Selbstkontrolle (4180843-5)
PDF document heuer_burnout.doc.pdf — PDF document, 192 KB
Prof. Dr. Herbert Heuer: Burnout und der Wandel der Arbeit
In: Ein Leben auf Standby - Die modernen Volksleiden Stress, Burnout und Depression (Geisteswissenschaft im Dialog, 28.09.2011, MS Wissenschaft, Berlin-Mitte)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/gid/2011-09-28/heuer_burnout
Veröffentlicht am: 24.02.2012 11:20
Zugriff vom: 07.08.2020 15:25
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