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Prof. em. Dr. Leo Montada: Kompetenzen für die Bewältigung von Belastungen

Geisteswissenschaft im Dialog - Ein Leben auf Standby - Die modernen Volksleiden Stress, Burnout und Depression

Zum Wissenschaftsjahr 2011 - Forschung für unsere Gesundheit

Kompetenzen für die Bewältigung von Belastungen

Prof. em. Dr. Leo Montada

Zur Person

Professor für Psychologie an den Universitäten Konstanz und Trier und Direktor des Zentrums für Psychologische Information und Dokumentation an der Universität Trier (1979-2004), Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina

Statement

Wir reden über Stress, Burnout und Depression als moderne Volksleiden.
Ich will folgende Fragen in unser Gespräch einbringen:

Was ist modern an diesen Volksleiden?

Ist die mediale Beachtung produktiv?

Welche Probleme kann sie erzeugen?

Welche diagnostische Validität haben die Konzepte Stress, Burnout und

Depression?

Was ist für Prävention und Behandlung zu bedenken?


Der Titel dieser Veranstaltung regt zum Nachzudenken an, was an diesen Leiden modern sein könnte und was modern heißen könnte.

Stress im Sinne von hoher und übermäßiger Belastung ist nichts neues. Die 60 dann die 48 Stundenwoche im Beruf sind noch nicht lange Geschichte. Die Taktvorgaben in der Produktion waren früher nicht gemächlicher. Körperlicher Kraftaufwand war beim vormaligen Einsatz von Maschinen wesentlich höher, die Verletzungsrisiken auch. Der Kündigungsschutz ist heute erheblich verbessert, die Macht der Betriebsräte höher und die Krankenversorgung objektiv wohl auch nicht schlechter als früher.

Und die Versorgung der Familie ohne Fertigprodukte, ohne Wasch- und Spülmaschine, ohne Zentralheizung und Bad war früher gewiss nicht weniger belastend. Die Kleider wurden noch geflickt und für die jüngeren Geschwister umgearbeitet werden. Die effektive Arbeitszeit für die Familie war für die Mehrheit gewiss signifikant länger. Urlaub im heutigen Sinn war ein Privileg weniger. Pflegeversicherungen gibt es erst seit kurzem.

Lebenskrisen durch Tod und Krankheit, Verarmung, Arbeitslosigkeit, auch durch Armut und Hunger und soziale Ausgrenzung waren vermutlich häufiger als heute.

Der heutige Wohlstand, die sozialen Sicherungssysteme, das Gesundheitssystem, die Freiheit der individuellen Lebensgestaltung, der Zugang zu Informationsressourcen müssten unseren Vorfahren eher paradiesisch vorkommen.

Vergleichende Statistiken über die Verbreitung der Klagsamkeit in der Bevölkerung früher und heute sind mir nicht bekannt. Aber vielleicht hat Karl Valentin schon vor Jahrzehnten in Schwarze getroffen: „Früher war auch die Zukunft viel besser als heute."

Zum Klagen braucht man Begriffe. Die Begriffe Stress und Burnout sind neu. Über Stress und Burnout zu klagen, ist modern. Keine Woche ohne TV Sendungen zum Thema wie in anderen Medien auch. Die Begriffe Stress und Burnout sind nicht nur gesellschaftsfähig, sondern marktgängig, nicht nur auf den Waren- und Berufsmärkten, sondern auch auf den politischen Märkten und in den Medien. Das dürfte sich auf die empirisch erfasste Prävalenz dieser Leiden wohl auswirken.

Die mediale Konjunktur dieser Konzepte hat sicher die positiv zu wertende Folge, dass Betroffene ihre entsprechenden Probleme nicht verheimlichen, dass sie eher Rat und Hilfe suchen, auch eher finden und dass sie Informationen erhalten, die Abhilfe schaffen können.

Aber eine mögliche missbräuchliche Nutzung dieser Leidenskategorien ist zu bedenken, zumal Diagnosen anhand objektiver somatischer Befunde schwierig, wenn überhaupt möglich sind. Wer heute eine Frühverrentung anstrebt, ist gut beraten, wenn er sich mit Symptomen der Volkskrankheiten vertraut macht. In den Medien werden diese seelischen Erkrankungen als Hauptursache der Frühverrentung mit den gesamtwirtschaftlichen Kosten beklagt.

Die Popularität der Konzepte Stress, Burnout und Depression kann oder könnte auch insofern produktive Wirkungen haben, insbesondere wenn erkannt und vermittelt wird, dass diese Phänomene meist aus komplexen systemischen Zusammenhängen resultieren, dass sie in der Regel nicht monokausal und dass sie nicht nur durch externe Faktoren verursacht sind.

Was ist die gegenwärtige diagnostische Validität der Konzepte Stress und Burnout? Was erwarten wir von einem validen Diagnosekonstrukt?

Eine Erklärung des Leidens durch eine empirisch fundierte Theorie der Entstehung dieses Leidens in einem gegebenen Fall.

Eine Verlaufsprognose, wenn nichts geändert wird.

Bei entsprechendem Wissensstand eine Information, ob eine Therapie möglich ist und worin sie besteht und ggfls. welche Änderungen bei den Betroffenen präventiv angezeigt sind.

Hierfür ist noch ein erheblicher Forschungsbedarf gegeben.

Es sind nicht die beruflichen Arbeitsbedingungen. Burnout ist z.B. bei der familiäre Pflege von Demenzkranken häufig.

Nicht alle mit vergleichbaren beruflichen Arbeitsbelastungen und nicht alle in der Pflege von dementen Angehörigen leiden unter einem Burnout: Was macht den Unterschied?

Wir wissen, dass die Häufung von Belastungen in unterschiedlichen Lebensfeldern ein bedeutsamer Faktor ist. Das kann heißen, dass die beruflichen Belastungen erst dann zum Burnout führen, wenn es gleichzeitig Probleme im privaten Bereich gibt: Konflikte in nahen Beziehung, finanzielle Verluste an der Börse, Pflegeaufgaben in der Familie, Schulprobleme der Kinder u.a.

Zentraler Teil des Systems ist die betroffene Person selbst mit ihren Ansprüchen, Aspirationen, Zielen, Einstellungen, Überzeugungen, Kompetenzen und Inkompetenzen. Stress ist ein sehr allgemeiner Begriff.
Die erlebten Belastungen äußern sich spezifischer in Emotionen - als Ängste unterschiedlicher Art, Hoffnungslosigkeit, Empörung über andere, Enttäuschungen, Eifersucht, Kränkungen usw. Emotionen geben präzisere Information über das Zusammenspiel von persönlichen Faktoren und belastenden Anlässen und Konstellationen als der Begriff Stress. Auch schafft nicht nur Arbeit Stress: Arbeitslosigkeit, das Fehlen sinnvoller Aufgaben und Ziele, der sinnlose Konsum von sog. Freizeit oder Vergnügungen tun das nicht minder.

Es ist ein Grundprinzip psychologischer Praxis, dass Problembewältigung und Prävention immer auch Entwicklungen der Klienten selbst voraussetzen: neue Erkenntnisse über sich und die Welt, neue Kompetenzen, Änderung von Überzeugungen, Einstellungen, Sichtweisen, die Aufnahme sinnvoller Tätigkeiten usw. Psychologische Arbeit mit Klienten ist auch und vor allem Entwicklungsarbeit.
Die implizite oder explizite Botschaft der Psychologen an ihre Klienten lautet: Erkenne Dich besser und verändere Dich so, dass Du Deine Probleme mit Dir, mit anderen, „mit der Welt" besser bewältigen kannst. Was konkret zu ändern ist, das ist individuell zu klären.

Über sich selbst mehr zu wissen, Einsichten zu gewinnen, was man selbst zur Entstehung von Problemen, Konflikten und belastenden Emotionen beiträgt,
und zu erfahren, was man bei sich selbst ändern kann, um die Probleme zu
bewältigen oder zu vermeiden oder deren subjektive Wichtigkeit zu relativieren,
das ist eine lebenslange Entwicklungsaufgabe.

Sich dieser Aufgabe zu widmen, ist oft heilsamer als ein sog. Urlaub. Stattdessen sollte man nach Information und kompetente Beratung suchen oder eine Mediation belastender Konflikte erwägen. Es gibt heute, also in der Moderne, viele entwicklungsdienliche Informationen und entsprechende Beratungsangebote. Das sind gute Investitionen für ein gutes Leben.



PSJ Metadata
Leo Montada
Kompetenzen für die Bewältigung von Belastungen
CC-BY-NC-ND 3.0
Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
Deutschland / Mitteleuropa allgemein
Psychologie
21. Jh.
4011882-4 1037948017 4202646-5
2000-2012
Deutschland (4011882-4), Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (1037948017), Stressbewältigung (4202646-5)
PDF document montada_kompetenzen.doc.pdf — PDF document, 203 KB
Prof. em. Dr. Leo Montada: Kompetenzen für die Bewältigung von Belastungen
In: Ein Leben auf Standby - Die modernen Volksleiden Stress, Burnout und Depression (Geisteswissenschaft im Dialog, 28.09.2011, MS Wissenschaft, Berlin-Mitte)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/gid/2011-09-28/montada_kompetenzen
Veröffentlicht am: 24.02.2012 11:20
Zugriff vom: 27.01.2020 00:41
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