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Prof. Dr. Martin Sabrow: Zeitgeschichte als Verschlusssache

Geisteswissenschaft im Dialog - Verschlusssache - streng geheim! Geheimdienstakten und Geheimarchive

Zeitgeschichte als Verschlusssache

Prof. Dr. Martin Sabrow

Zur Person

ist Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam, einem Institut der Leibniz-Gemeinschaft. Er ist Professor für Neueste und Zeitgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zu seinen Publikationen zur Aufarbeitung der jüngsten deutschen Geschichte zählen „Das Diktat des Konsenses. Geschichtswissenschaft in der DDR 1949 - 1969" sowie „Skandal und Diktatur. Formen öffentlicher Empörung im NS-Staat und in der DDR."

Statement

Archivalische Transparenz gilt in der Gegenwart als ein Zeichen von demokratischer Mündigkeit und Aufklärung von Gesellschaften. Die patriarchalische Verfügung über für zumutbar bzw. nicht zumutbar eingestuftes Wissen wird in ihr nicht mehr allgemein toleriert, gleichviel ob im Auskunftsrecht des Patienten gegenüber seinem Arzt wie im Umgang mit der Vergangenheit. „Der Appell für ein schnelles Ende der alten Geheimniskrämerei kann nicht oft genug wiederholt werden", kommentierte in diesem Sinne Rainer Blasius 2010 in der FAZ eine Tagungsdokumentation „Geheimschutz" transparent, die die Affinität von Geheimhaltung und Autoritarismus in der Adenauerzeit belegte.

Auch die Zeitgeschichtsforschung drängt aus eigenem Zunftinteresse heraus und gleichsam naturgemäß auf die immer weitergehende Freigabe von Akten: Quod est in actis, pertinet in mundum". Wissenschaft und Öffentlichkeit haben hier in den letzten Jahrzehnten gegenüber der archivarischen Arkanpraxis früherer Zeiten viel erreicht, wozu die weitgehende Freigabe der Akten des untergegangenen SED-Staates einiges beigetragen hat und ebenso der öffentliche Druck auf die Auseinandersetzung bundesdeutscher Institutionen mit ihrer eigenen Vergangenheit. Mittlerweile beugen sich bekanntlich auch Konzerne, Ministerien und Geheimdienste diesem moralischen Druck oder versuchen ihn mit der Bildung von privilegierten Historikerkommissionen kontrolliert zu begegnen. Hinter diesem Druck steht die Wucht des Aufarbeitungsparadigmas, das der rückhaltlosen Ergründung der Vergangenheit hohen und höchsten Rang in der politischen Kultur westlicher Gesellschaften einräumt.

Ebenso wie aber der allgemeine Appell zur Erinnerung die fachliche Reflexion auf die Rolle des Vergessens sinnvoll macht, scheint es mir geboten, zugleich auch die Dilemmata und Schwachstellen des Kampfes gegen Geheimakten und -archive in den Blick zu nehmen. Dabei ist zunächst eine Präzisierung geboten. Kaum jemand bestreitet außerhalb von „Wikileaks" die Geltungskraft staatlicher Geheimhaltungsgründe. Die Diskussion kann immer nur um die Grenzziehung zwischen schützenswerter politischer Bedeutung und öffnungswürdiger historischer Bedeutung kreisen, sich also auf archivierte Akten beziehen. Ich möchte drei Aspekte nennen, die auch in diesem eingeschränkten Sinne gegenüber dem „Furor gegen die Verschlusssache" nachdenklich machen und seine Kosten ins Bewusstsein rücken könnten.

1. Mythos Geheimakte
Der Glaube an den Wert der Geheimakte entspringt der Denkwelt der Schatzsuche. Tatsächlich trug der Run auf die geöffneten Geheimarchive der untergegangenen SED-Diktatur einem Goldgräberrausch, der lange Zeit die Erkenntnis verdeckte, dass der Aussagewert von Quellen in Abhängigkeit von der jeweiligen Fragestellung ist und selten mit dem sensationellen Fund identisch ist. Am Beispiel von Stalins Metro hat Michail Rykhlin gezeigt, wie stark und steril zugleich die Obsession eines von der stalinistischen Herrschaft geschickt verborgenen Arkanwissens sein kann.

2. Illegitimes Wissen
Die von Geheimpolizeien der kommunistischen Welt gesammelten Daten über tatsächliche und vermeintliche Regimegegner enthalten nicht nur nach westlichen Maßstäben illegal zusammengetragenes, sondern in ihrem sachlichen Gehalt nicht legitimes Wissen, dass unter rechtsstaatlichen Bedingungen zur unantastbaren Privatsphäre des Einzelnen gehört. Entgegen der Auffassung von Friedrich Dürrenmatt, dass das einmal Gedachte (und Aufgezeichnete) nicht mehr zurückgenommen werden kann, kann hier die Legitimität der Aufbewahrung gesammelten Wissens unabhängig vom kontrollierten Aktenzugang in Zweifel gezogen werden.

3. Erkenntnisverzerrung durch ungleichen Aktenzugang
Der privilegierte Aktenzugang in der Ressortforschung durch zugelassene Auftragsforscher oder Ressortmitarbeiter produziert historische Erkenntnis, die wissenschaftlich nicht angemessen überprüft werden kann, aber mit dem Dignitätssiegel der Fachwissenschaft öffentliche Wirkung entfalten kann. Stärker noch beeinflusst der Umstand, dass die östliche, nicht aber die parallele westliche Aktenbildung einsehbar ist, die historische Erkenntnisbildung, wie in den letzten Wochen am Beispiel des Dopings in Ost und West wieder deutlich wurde. Auch wenn die DDR-Staatssicherheit in einem ganz anderen Handlungskontext und mit anderen Zielen operierte, schafft der Umstand, dass die Aktenüberlieferung des BND und des Verfassungsschutzes bislang nicht zugänglich war, ein strukturell verschobenes Bild, in dem der bessere Quellenzugang zur unintendierten Erhöhung des Quellenrangs führen kann.



PSJ Metadata
Martin Sabrow
Zeitgeschichte als Verschlusssache
CC-BY-NC-ND 3.0
Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
Deutschland / Mitteleuropa allgemein
Politikgeschichte
20. Jh., 21. Jh.
4011882-4 2065138-7 4000925-7 4143011-6
1949-2012
Deutschland (4011882-4), Deutschland DDR / Ministerium für Staatssicherheit (2065138-7), Akte (4000925-7), Arkandisziplin (4143011-6)
PDF document sabrow_verschlusssache.dot.pdf — PDF document, 190 KB
Prof. Dr. Martin Sabrow: Zeitgeschichte als Verschlusssache
In: Verschlusssache - streng geheim! Geheimdienstakten und Geheimarchive (Geisteswissenschaft im Dialog, 21.10.2011, Gedenkstätte Museum in der "Runden Ecke", Leipzig)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/gid/2011-10-21/sabrow_verschlusssache
Veröffentlicht am: 24.02.2012 11:25
Zugriff vom: 27.01.2020 00:42
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