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Prof. Dr. Andreas Wirsching: Verschlusssachen und Diktatur

Geisteswissenschaft im Dialog - Verschlusssache - streng geheim! Geheimdienstakten und Geheimarchive

Verschlusssachen und Diktatur

Prof. Dr. Andreas Wirsching

Zur Person

steht seit 2011 dem Institut für Zeitgeschichte München-Berlin vor, einem Institut der Leibniz-Gemeinschaft. Er ist u. a. Mitglied des Stiftungsrates der Stiftung DGIA. Seine wesentlichen Forschungsschwerpunkte sind die vergleichende deutsche und französische Geschichte im 20. Jahrhundert sowie die Themen Weimarer Republik, Kommunismus, Faschismus, Nationalsozialismus und die jüngste europäische Geschichte.

Statement

Nach 1945 standen die Akten des untergegangenen NS-Regimes im Mittelpunkt des zeitgeschichtlichen Interesses. Transparenz war in dieser Beziehung anfangs nur begrenzt gegeben, da ein erheblicher Teil der Akten zunächst von den Westalliierten beschlagnahmt und anfangs auch nur westlichen Forschern zur Verfügung standen. So unternahm das Institut für Zeitgeschichte unter Federführung von Hans Rothfels und dem damaligen Institutsleiter Hermann Mau zu Beginn der 1950er Jahre den Versuch, das Quellenmaterial für die westdeutsche NS-Forschung zu verbreitern. Andererseits lag mit den Akten der Nürnberger Prozesse, die unmittelbar veröffentlicht wurden, auch schon ein gewaltiges Material offen zutage. Für die frühe Erforschung der NS-Geschichte spielte dieses Material eine maßgebliche Rolle. Und als die Amerikaner gegen Ende der 1950er Jahre die beschlagnahmten Akten an die Bundesrepublik zurückgaben, entstand je länger desto mehr ein zunehmend transparenteres Bild der NS-Diktatur. Dies hat dann auch bahnbrechende Forschungen wie etwa Martin Broszats „Staat Hitlers" möglich gemacht.

Allerdings waren die in Frage stehenden Quellen keineswegs „Verschlusssachen". Das Regime selbst hatte am Ende des Krieges dafür gesorgt, dass entscheidende Unterlagen seiner geheimsten Tätigkeit vernichtet wurden. So verfügen wir heute über eine ausgesprochen fragmentarische Überlieferung der Tätigkeit der NSDAP, da die meisten Parteiakten nicht mehr vorliegen. Ebenso gravierend ist das weitgehende Fehlen von Gestapo und SD-Akten; auch sie sind von den NS-Machthabern und -Funktionären noch kurz vor dem Zusammenbruch des Regimes beseitigt worden.

Nach 1989 standen die Akten der untergegangenen DDR im Mittelpunkt des zeitgeschichtlichen Interesses. Erneut, und diesmal umfassend, stand die Hinterlassenschaft eines ganzen Staates zur Verfügung, erneut ungeachtet der geltenden Sperrfristen. Und im Unterschied zur Zeit nach 1945 sind auch massenhafte, personenbezogene Geheimdienstakten vorhanden, die ebenfalls grundsätzlich zumindest, der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Die Folge war nach 1989 ein Run, ja eine wahre Goldgräberstimmung, mit der in den Quellen der DDR nach Neuentdeckungen gesucht wurden. Auch nach zwanzig Jahren sind die Stasi-Akten immer wieder für eine Überraschung gut, man denke etwa nur an den Fall des Karl-Heinz Kurras, des West-Berliner Polizisten, der 1967 Benno Ohnesorg erschoss und dessen Enttarnung als Stasi-Spitzel im Jahre 2009 für erheblichen Wirbel sorgte. Mit anderen Worten: Im Falle der DDR garantiert die Existenz kilometerlanger Geheimdienstakten immer wieder interessante, manchmal sensationelle Entdeckungen, die unser geschichtswissenschaftliches Bild von der SED-Diktatur aber wohl kaum mehr verändern.

Blickt man nun auf den bundesdeutschen Umgang mit Verschlusssachen im allgemeinen, so lässt sich ein eigenartiges Paradox beobachten: Einerseits ist der Fall singulär, dass zwei zusammengebrochene Diktaturen die Hoheit über ihr Quellen-material verloren und der Großteil ihrer Akten unmittelbar und ohne Rücksicht auf Sperrfristen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Andererseits bestand auch in der Bundesrepublik eine obrigkeitsstaatliche Tradition fort, in der nicht zuletzt auch die polizeiliche Überwachung eine wichtige Rolle spielte. Zur Telefon- und Postüber-wachung in den 1950er und 1960er Jahren existiert im Übrigen eine Fülle von bis in die jüngste Zeit unter Verschluss gehaltenen Quellen. Mithin besteht in der Bundesrepublik eine Gleichzeitigkeit zwischen intensiver, ja intensivster Bearbeitung der Akten der untergegangenen Diktaturen bei gleichzeitiger „Bescheidenheit" wenn es darum geht, in die Arkana der Gegenwart vorzustoßen. Dies betrifft auch den Datenschutz, der in Deutschland vergleichsweise weit ausgebaut ist und seinen Niederschlag auch im Bundesarchivgesetz findet. Forschung und interessierte Öffentlichkeit stoßen daher immer wieder auf gewisse Grenzen, die sich aus dem Interessenkonflikt zwischen Aufklärung und Schutz der Privatsphäre ergeben. Meine These ist, dass dieser auf den ersten Blick widersprüchliche Befund auf einen tieferen Kausalzusammenhang hinweist: Die Beschäftigung mit Vergangenheit der Diktatur und ihrer „Bewältigung" absorbiert einen Großteil der Kräfte, während die demokratische Gegenwart bzw. ihre jüngere Geschichte einen geringeren Teil des Interesses auf sich zieht.



PSJ Metadata
Andreas Wirsching
Verschlusssachen und Diktatur
CC-BY-NC-ND 3.0
Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
Deutschland / Mitteleuropa allgemein
Bibliotheksgeschichte, Archivgeschichte, Geschichte der Dokumentation, Politikgeschichte
20. Jh., 21. Jh.
4011882-4 4011889-7 4000925-7 7511603-0 4041316-0 4043183-6
1945-2012
Deutschland (4011882-4), Deutschland Bundesrepublik (4011889-7), Akte (4000925-7), Stasi-Akten (7511603-0), Nationalsozialismus (4041316-0), Öffentlichkeit (4043183-6)
Prof. Dr. Andreas Wirsching: Verschlusssachen und Diktatur
In: Verschlusssache - streng geheim! Geheimdienstakten und Geheimarchive (Geisteswissenschaft im Dialog, 21.10.2011, Gedenkstätte Museum in der "Runden Ecke", Leipzig)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/gid/2011-10-21/wirsching_verschlusssachen-diktatur
Veröffentlicht am: 24.02.2012 11:25
Zugriff vom: 27.01.2020 00:36
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