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Prof. Dr. Nikolaus Katzer: Schöne Wissenschaft

Geisteswissenschaft im Dialog - Die Naturwissenschaften als Bestseller auf dem Buchmarkt

Prof. Dr. Nikolaus Katzer

Schöne Wissenschaft

Zur Person

Prof. Dr. Nikolaus Katzer leitet seit 2010 das Deutsche Historische Institut Moskau, an dem deutsche und russische Wissenschaftler gemeinsam die Geschichte beider Länder in europäischer Perspektive erforschen. Grundlage sind u. a. Dokumente aus Archiven ehemaliger Sowjetrepubliken, die der Forschung in unterschiedlichem Umfang offen stehen. Nikolaus Katzer ist seit 1996 Professor für die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts mit besonderer Berücksichtigung Mittel- und Osteuropas an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg und befasst sich vor allem mit der russischen und sowjetischen Geschichte.

Statement

Seit ihren Anfängen leben die Geisteswissenschaften mit einem unauflösbaren Widerspruch: Sie differenzieren sich in stets neue Disziplinen und grenzen sich untereinander ab. Zugleich suchen sie nach der verlorenen Einheit der Erkenntnis. Dabei berufen sie sich einerseits auf exakte Methoden und ihre Überprüfbarkeit. Andererseits leugnen sie in ihrer Geburtsurkunde die Herkunft von den Naturwissenschaften. Niemand mag heute mehr an die Wiederkehr des Universalgelehrten glauben. Dennoch hängen viele der Utopie nach, es könnte eine Synthese aller Wissenschaften geben. Anstatt zwischen Mensch und Natur bzw. Geist und Materie zu unterscheiden, so meinen sie, sollten diese als Elemente eines Ganzen betrachtet werden. Letztlich arbeiteten doch alle an ein und demselben Projekt - der Enthüllung der Geheimnisse des Kosmos und der menschlichen Existenz. In diesem Spiel mal mit, mal ohne Fächergrenzen und Methodenstreit suggeriert das Versprechen auf Interdisziplinarität die Möglichkeit, die konkurrierenden Wissenschaften könnten über den jeweiligen konkreten Zweck hinaus dauerhaft in einem Großlaboratorium versammelt werden. Allerdings systematisieren und erklären Naturwissenschaften mittels Hypothesen Erscheinungen in der Regel unabhängig vom menschlichen Handeln. Ihr Anliegen sind die Dinge an sich, die Energetik, die Stoffe, die Kinetik. Hingegen bemühen sich die Geisteswissenschaften darum, geschichtliche Wirklichkeiten des Menschen (und damit auch die der Wissenschaftler/innen selbst) in sich wandelnden Kontexten nachzuvollziehen und zu verstehen. Sie fragen nach Erfahrungen, Wertvorstellungen und Emotionen, rekonstruieren und vergegenwärtigen Erlebtes.

Die bloße Gegenüberstellung von Natur- und Geisteswissenschaften wird indessen weder der Komplexität moderner Forschung, noch ihrer transdisziplinären Verflechtung gerecht. Jede Wissenschaft steht vor der Frage, wie ein Ereignis oder eine Erscheinung sprachlich, bildlich oder akustisch erfasst und reproduziert werden kann. Bei der Vermittlung neugewonnenen Wissens greifen alle auf die jeweils verfügbaren medialen Instrumente zurück. Rhetorik, Symbolik und Semiotik dienen dazu, Fremdes und Unbekanntes in verständliche Zeichen zu übersetzen.

Bei allem Bemühen um Sachlichkeit und Präzision - vor der Ästhetik gibt es kein Entrinnen. Wer den Transfer von Erkenntnis am besten und gelungensten leistet, ist Gegenstand eines fortwährenden Wettstreits. Schönheit kann die Formel des Chemikers oder das Enzephalogramm des Mediziners, die elegante Argumentationskraft des Wissenschaftsjournalisten oder die suggestive Brillanz des Schriftstellers ausstrahlen. Historiker haben erst jüngst diese bunte Welt der Sinne für sich entdeckt.


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PSJ Metadata
Schöne Wissenschaft
PDF document katzer_wissenschaft.doc.pdf — PDF document, 183 KB
Prof. Dr. Nikolaus Katzer: Schöne Wissenschaft
In: Die Naturwissenschaften als Bestseller auf dem Buchmarkt (Geisteswissenschaft im Dialog, 22.11.2011, Bremen-Bremer Forum für Wissenschaftsjournalismus-Wissenswerte)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/gid/2011-11-22/katzer_wissenschaft
Veröffentlicht am: 16.02.2016 09:06
Zugriff vom: 29.01.2020 15:19
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