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    Dr. Daniel Schmidt: Demografische und individuelle Alterung - eine politische Differenz

    Geisteswissenschaft im Dialog – Gesundheit im Alter – Eine Gesellschaft macht sich Sorgen

    Demografische und individuelle Alterung - eine politische Differenz

    Dr. Daniel Schmidt


    Zur Person

    Dr. Daniel Schmidt ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte. Er forscht und gibt Lehrveranstaltungen zu Fragen der politischen Anthropologie, der modernen Staatlichkeit und der Herausbildung von Macht-Wissen-Beziehungen in den letzten zweihundert Jahren. 2000 erschien seine Arbeit Der pädagogische Staat. Die Geburt der staatlichen Schule aus dem Geist der Aufklärung. Er promovierte 2004 mit der Dissertation Staat und Statistik. Seit 2003 ist Dr. Schmidt gewählter Gleichstellungs-beauftragter der Fakultät für Sozialwissenschaften und Philosophie und seit 2006 Stellvertreter der Gleichstellungsbeauftragten der Universität Leipzig.

    Statement

    Demografische Prognosen sagen in der Regel weniger über die Zukunft aus als über die Zeit, in der sie errechnet und in Politik und Öffentlichkeit problematisiert werden. Das Reden von der „Überalterung" der Gesellschaft hat eine bald hundertjährige Tradition, angefangen von den Natalitätsdiskursen am Vorabend des Ersten Weltkriegs, über die „Volk-ohne-Jugend"-Prophetie eines Friedrich Burgdörfer bis hin zum Weltbevölkerungsdiskurs der sechziger und siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Man kann angesichts düsterer Zukunftsszenarien („Greisenrepublik") durchaus gelassen bleiben - denn meistens kommt es anders: Als 1957 die umlagefinanzierte Rentenversicherung in der Bundesrepublik eingeführt wurde, warnte die Versicherungswirtschaft vor einem Rentenbeitragssatz im Jahr 1983 in Höhe von 38,2 Prozent, weil dann zu wenige Arbeitende zu viele Rentner alimentieren müssten. Hinter dieser Prognose steckte freilich ein Eigeninteresse. Die Versicherungsunternehmen befürchteten, dass die Menschen nicht mehr privat fürs Alter vorsorgen würden, weil sie sich auf die vermeintliche Sicherheit der Umlage verließen.
    In der Öffentlichkeit wird, wenn von der „Überalterung" die Rede ist, oft ein simplistisches Bild gezeichnet, das - wie oben gesehen - die Zahl der Erwerbstätigen (Rentenzahler) jener der Nicht-mehr-Erwerbstätigen (Rentenempfänger) gegenüberstellt. Da der relative Anteil der über 65-Jährigen tatsächlich seit langem steigt, könnte diese Umlage (für die Rente ebenso wie für die Gesundheitsversorgung) irgendwann nicht mehr aufgehen. In dieser Argumentation wird übersehen, dass die demografische Entwicklung nur einen Faktor neben vielen anderen darstellt. In den vergangenen fünfzig Jahren (ein Zeitraum, den auch die unsicheren Bevölkerungsprojektionen in den Blick nehmen) ist die Einwohnerzahl der Bundesrepublik (und gegebenenfalls der DDR) um etwa 14 Prozent gestiegen, die Zahl der Rentenempfänger hat sich etwa verdreifacht. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung erhöhte sich von elf auf 30 Prozent. Jedoch war 2007 das Volkseinkommen je Einwohner 13-mal so hoch wie 1957. Aktuell hat das Bundeskabinett eine (minimale) Senkung der Rentenbeiträge beschlossen, und es ist zu erwarten, dass die Rentner im kommenden Jahr einen deutlichen Aufschlag erhalten. Ursächlich dafür sind eine hohe Beschäftigtenquote und steigende Löhne infolge des erfreulichen Wirtschaftswachstums. Wenn wir uns also die Frage stellen, ob wir uns die „Rentenlast" irgendwann noch leisten können, würde ich frohen Mutes bejahen. Allerdings müsste der Wohlstand sinnvoll verteilt werden. Und was sinnvoll ist, das kann die Demografie nicht beantworten; das muss politisch verhandelt werden.
    Ähnlich ist es mit der Krankenversicherung. Viele Menschen leben deutlich länger als noch vor fünfzig Jahren, und viele bleiben auch länger gesund und aktiv (wie es immer so schön heißt). Und wenn man verschiedenen Studien glauben darf, fallen die höchsten Krankheitskosten durchschnittlich im letzten Lebensjahr an, egal wann der Tod im konkreten Fall eintreten mag. Wenn sich die Altersstruktur einer Bevölkerung ändert, dann ändert sich auch die Krankheitsstruktur. Krankheiten, die in der Regel nur im hohen Alter auftreten (Demenzerkrankungen, Altersdiabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen), spielen insgesamt eine größere Rolle als noch vor dreißig Jahren. Aber demografische Veränderungen gehen so langsam vor sich, dass sich Gesundheitswesen und Krankenkassen darauf bequem einstellen können müssten. Jedenfalls ist es nicht sehr plausibel, dass die Kostensteigerungen der jüngeren Zeit darauf zurückzuführen seien, dass es plötzlich viel mehr alte Menschen geben soll. Auch hier stellt sich dringend die Frage nach einer klugen Gesundheits- und Sozialpolitik. Die jüngste Pflegereform zeigt, dass es damit leider nicht weit her ist (so will man beispielsweise offenbar die Demenzkranken weiterhin von Leistungen der Pflegeversicherung fernhalten).
    Die „Demographisierung des Gesellschaftlichen" (Eva Barlösius) hilft hier nicht viel weiter. „Demographisierung" meint, dass man frühere Gerechtigkeits- und soziale Fragen nunmehr wie etwas behandelt, das quasi naturgesetzlich über uns kommt und keine politischen Handlungsalternativen mehr offen lässt. Sie ist in der Konsequenz zynisch: Wenn beispielsweise der steigende Altenanteil der Grund dafür sein soll, dass wir uns damit beschäftigen, wie wir den Alten unter uns ein menschenwürdiges Leben garantieren können, dann vergessen wir, dass es nicht nur demografisches, sondern auch individuelles Altern gibt.



    PSJ Metadata
    Daniel Schmidt
    Demografische und individuelle Alterung - eine politische Differenz
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Politik, Sozial- und Kulturgeschichte
    21. Jh.
    4011882-4 4055879-4
    2000-2012
    Deutschland (4011882-4), Sozialpolitik (4055879-4)
    PDF document schmidt_alterung.doc.pdf — PDF document, 290 KB
    Dr. Daniel Schmidt: Demografische und individuelle Alterung - eine politische Differenz
    In: Gesundheit im Alter - Eine Gesellschaft macht sich Sorgen (Geisteswissenschaft im Dialog, 08.12.2011, Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/gid/2011-12-08/schmidt_alterung
    Veröffentlicht am: 24.02.2012 11:25
    Zugriff vom: 22.09.2020 19:10
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