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    Georges Khalil: Das Volk hat die alte Ordnung gestürzt

    Geisteswissenschaft im Dialog – Wohin treibt der "Arabische Frühling"?

    Das Volk hat die alte Ordnung gestürzt

    Georges Khalil


    Zur Person

    Georges Khalil ist wissenschaftlicher Koordinator des Forums Transregionale Studien. Er ist außerdem verantwortlich für „Europe in the Middle East – The Middle East in Europe" (EUME), ein Forschungsprogramm, das von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der Fritz Thyssen Stiftung und dem Wissenschaftskolleg zu Berlin initiiert wurde und das versucht Schlüsselbegriffe und Voraussetzungen neu zu durchdenken, die Europa und den Nahen Osten verbinden, aber auch trennen.

    Statement

    Wohin der Arabische Frühling treibt, ist eine Frage die niemand beantworten kann. Die Euphorie, die durch die populären Aufstände und Revolutionen seit Dezember 2010 ausgelöst wurde, ist bei vielen Beobachtern und Bürgern arabischer Länder einer Ernüchterung gewichen. Die arabische Welt befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel, in einem langwierigen revolutionären Prozess, der viele Opfer gekostet hat und den Menschen in der Region in den nächsten Jahren noch viel abverlangen wird.

    „Ash-sha’ab yurid isqat an-nizam“ („Das Volk will den Sturz der Ordnung“) war der Slogan, mit dem die Menschen in den arabischen Ländern für staatsbürgerliche Rechte, Demokratie, Freiheit, Würde und soziale Gerechtigkeit auf die Plätze und Straßen ihrer Städte gezogen sind. „Das Volk hat die Ordnung gestürzt!“ titelte die ägyptische Zeitung al-Ahram nach dem Fall von Husni Mubarak am 11. Februar 2011. Ausser bislang vier Despoten haben die arabischen Bürger auch Praktiken, Vorstellungen und Konzepte zu Fall gebracht, mit denen sie die letzten Jahrzehnte regiert, begriffen und beschrieben wurden. Die arabische Welt ist mit dem Sturz der alten Ordnung unübersichtlicher geworden. Die Revolutionen haben die Sicht der Araber auf sich selbst und den Blick auf auf die Region grundlegend verändert.

    Die Region ist wieder "arabischer" geworden und weniger "islamisch". Wir sprechen wieder von einer "arabischen Welt". Durch die neuen Medien, die Satellitensender und vor durch das Internet sind die Araber wahrscheinlich stärker als je zuvor durch die gemeinsame Sprache und eine geteilte Kultur verbunden, politisch und sozial jedoch in ihrem nationalstaatlichen Kontext verortet. Und so unterscheidet sich die neue arabische Welt von den Vorstellungen panarabischer Ideologen und anderer Vereinfacher indem sie so differenziert wahrgenommen wird, wie sie ist: tunesisch, ägyptisch, libysch, syrisch usw. Nationalstaaten erscheinen als der wesentliche Bezugsrahmen der Politik, innerhalb derer um staatsbürgerliche Emanzipation, soziale Gerechtigkeit und soziopolitischen Zusammenhalt gerungen wird. Da die Kontexte und die Bedingungen unterschiedlich sind, werden es auch die politischen Prozesse in den einzelnen Ländern sein.

    Für die arabischen Staaten mit republikanischer Tradition, wie Tunesien, Ägypten, Syrien oder den Yemen ist das Modell der autoritären Herrschaft durch Militärs gefallen und mit ihm auch das Paradigma des Zusammenspiels von autoritärer Ordnung und/oder islamistischer Opposition. Das Argument der Stabilität und die Warnung vor dem Islamismus bildete über drei Jahrzehnte die Begründung und Legitimation der Despotie, im Inneren und in der Außenpolitik, auch in der unseren. Gleichzeitig war die autoritäre Herrschaft die Voraussetzung für das florieren islamistischer Bewegungen. So betrachtet waren etwa die Muslimbrüder in Ägypten ein Teil des Systems, im Gefängnis wie im Parlament.

    Die Revolutionen haben die Herrschaft des Sicherheitsapparats, der Angst und auch der die politische Lethargie beendet. Die arabischen Gesellschaften sind repolitisiert. Das Bewußtsein für den Wert des Öffentlichen Raums und für das Allgemeingut sind durch die Revolutionen erneuert worden. Von der überwältigenden Erfahrung der persönlichen Teilhabe an einem größeren politischen Geschehen wurde eine neue Generation geprägt, von der seit Dezember 2010 Tausende für die Ideale von Demokratie, Menschenwürde, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit gestorben sind, nicht für Religion, Partei oder Vaterland.

    Die ersten freien Wahlen nach dem Sturz der Despotien haben in Tunesien und in Ägypten die Islamisten an die Macht gebracht. Diese stehen nun durch die Wiederkehr des Politischen und des Sozialen vor der größten Herausforderung der Geschichte ihrer Bewegungen. An der Macht werden sie an ihrer konkreten Politik gemessen. Die säkularen und liberalen Strömungen sind stärker als erwartet. Auch die islamische Bewegung muss sich neu orientieren um nicht noch mehr Mitglieder und Anhänger zu verlieren.



    PSJ Metadata
    Georges Khalil
    Das Volk hat die alte Ordnung gestürzt
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    Naher Osten
    Politikgeschichte
    2010 - 2019
    4068789-2 4002528-7 4124941-0 4121488-2 4049680-6
    2010-2012
    Arabische Staaten (4068789-2), Araber (4002528-7), Demokratisierung (4124941-0), Politische Ordnung (4121488-2), Revolution (4049680-6)
    PDF document khalil_volk.doc.pdf — PDF document, 189 KB
    Georges Khalil: Das Volk hat die alte Ordnung gestürzt
    In: Wohin treibt der "Arabische Frühling"? (Geisteswissenschaften im Dialog, 04.03.2013, Leibniz-Saal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in Berlin)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/gid/2013-03-04/khalil_volk
    Veröffentlicht am: 15.03.2013 09:15
    Zugriff vom: 22.01.2020 19:35
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