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    Prof. Dr. Dr. Reinhard Werth: Statement zu "Hirngespinst Willensfreiheit? Wie die Neurowissenschaften unser Menschenbild beeinflussen"

    Geisteswissenschaft im Dialog – Hirngespinst Willensfreiheit?

    Statement zu "Hirngespinst Willensfreiheit? Wie die Neurowissenschaften unser Menschenbild beeinflussen"

    Prof. Dr. Dr. Reinhard Werth


    Zur Person

    Prof. Dr. Dr. Reinhard Werth ist Professor für Medizinische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Neuropsychologe am Institut für Soziale Pädiatrie und Jugendmedizin. Er habilitierte sich sowohl für Medizinische Psychologie als auch für Wissenschaftstheorie. Neben dem Gebiet Legasthenie beschäftigt er sich mit seiner Forschung schwerpunktmäßig mit dem Bewusstsein. 2010 veröffentlichte er das Buch „Die Natur des Bewusstseins. Wie Wahrnehmung und freier Wille im Gehirn entstehen“.

    Statement

    Experimente, in denen neuronale Prozesse registriert wurden, die eine bestimmte Entscheidung ankündigten, wurden als Nachweis dafür betrachtet, dass es keinen freien Willen gibt. Eine solche Schlussfolgerung ist jedoch bereits aus methodischen Gründen unzulässig. Es zeigt sich vielmehr, dass die Frage danach, ob es einen freien Willen gibt, keine neurobiologische, sondern primär eine wissenschaftstheoretische-methodische Frage ist. Dies ergibt sich bereits daraus, dass eine wissenschaftliche Diskussion der Willensfreiheit zunächst eine Präzisierung der vagen Begriffe „Willensfreiheit“ und „Determiniertheit“ erfordert. Zudem handelt es sich bei den zur Diskussion stehenden Willensentscheidungen, um „bewusst“ gefällte Willensentscheidungen, was eine wissenschaftliche Präzisierung der „bewussten“ Willensentscheidung im Gegensatz zu „unbewussten“ Entscheidungen erfordert. Eine Präzisierung dieser Begriffe zeigt, dass es sowohl unfreie als auch freie bewusste Willensentscheidungen gibt. Viele bewusste Willensentscheidungen sind nicht festgelegt (determiniert), sondern sind revidierbar und wie die ihnen vorausgehenden neuronalen Prozesse, äußerst variabel. Welche bewusste Willensentscheidung gefällt wird, und welche neuronalen Prozesse einer bewussten Willensentscheidung vorausgehen, ist abhängig von sich ändernden Information, wie z. B. über die Wahrscheinlichkeit des Auftretens bestimmter Konsequenzen einer Entscheidung, Bewertung dieser Konsequenzen, über das Kosten-Nutzen-Verhältnis dieser Konsequenzen usw. Aus diesen Faktoren lässt sich ein „Grad“ bestimmen, zu dem eine bewusste Willensentscheidung frei ist.

    PSJ Metadata
    Reinhard Werth
    Statement zu "Hirngespinst Willensfreiheit? Wie die Neurowissenschaften unser Menschenbild beeinflussen"
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Zeitgeschichte (1918-1945)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Technikgeschichte, Wissen, Wissenschaft, Methoden, Kultur allg.
    2010 - 2019
    4015701-5 4006349-5 4148989-5 4079320-5
    2014
    Europa (4015701-5), Bewusstsein (4006349-5), Definition (4148989-5), Willensfreiheit (4079320-5)
    PDF document werth_statement.doc.pdf — PDF document, 64 KB
    Prof. Dr. Dr. Reinhard Werth: Statement zu "Hirngespinst Willensfreiheit? Wie die Neurowissenschaften unser Menschenbild beeinflussen"
    In: Hirngespinst Willensfreiheit? Wie die Neurowissenschaften unser Menschenbild beeinflussen (Geisteswissenschaften im Dialog, 26.11.2013, Hamburg – Hotel Baseler Hof)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/gid/2013-11-26/werth_statement
    Veröffentlicht am: 12.05.2014 08:45
    Zugriff vom: 20.01.2020 15:40
    abgelegt unter: