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Prof. Dr. Nikolaus Katzer: Statement

Geisteswissenschaft im Dialog –Im Gedenkjahr nichts Neues? Der Erste Weltkrieg und die Zukunft Europas

Prof. Dr. Nikolaus Katzer

Statement

Das öffentliche Interesse am Ersten Weltkrieg, seinen Ursachen und Konsequenzen, ist inzwischen auch in Russland groß. Viele blicken auf den Großen Krieg zurück wie in einen fernen Spiegel, der die gegenwärtige Welt in vermeintlich vertrauten Bildern reflektiert. Doch ruft die beständig wachsende Zahl erstmals zugänglicher visueller Zeugnisse auch Furcht vor einer Vergangenheit hervor, die noch immer offen zu sein scheint. Gemeinsam mit der Fülle zeitgenössischer Texte, Erinnerungen und materiellen Überresten entsteht eine Situation, die unmittelbare Nähe und beunruhigende Aktualität suggeriert. Doch schlimmer noch als der Erste Weltkrieg war das, was folgte: Revolution und Bürgerkrieg und mit ihnen der Zerfall des Reiches. Das Trauma der Millionen, die diese moderne "Zeit der Wirren" überlebten, blieb meist unbewältigt, wurde ideologisch überhöht, zu machtpolitischen Zwecken verformt oder auf das Familiengedächtnis beschränkt. Frontbriefe, Kriegstagebücher, beiläufige persönliche Aufzeichnungen und Fotografien gingen verloren oder verschwanden in Kisten und Kartons, in Kellern und Speichern. Hundert Jahre später lesen und betrachten die Nachfahren diesen atemberaubenden Fundus als würden sie noch einmal in die Anfänge des 20. Jahrhunderts zurückversetzt.

Wie soll eine höchst heterogene Gesellschaft mit einer Vergangenheit umgehen, die durch weitere Katastrophen gekennzeichnet war? Die Erinnerung an den Beginn des Jahrhunderts ist durch die Erinnerung an die Stalin-Zeit und den Zweiten Weltkrieg, nicht zuletzt aber auch an die Zäsur von 1989/91 überlagert. Keineswegs selbstverständlich ist deshalb die Einsicht,  dass es der Erste Weltkrieg gewesen sei, der das Tor in ein Jahrhundert der Kriege, der Vertreibungen, des Exils, der Lager, der Flüchtlinge und des Terrors aufstieß.

Hinzu kommt, dass die postsowjetischen Gesellschaften erstmals unverstellt auch den älteren Epochen ihrer Geschichte begegnen. Sie suchen darin nach den Ursprüngen der gegenwärtigen Verhältnisse und Sedimenten ihrer Identität. Eine transnationale Gedenkkultur, die sich auf die Epoche des Ersten Weltkriegs beschränken könnte, um Versöhnung möglich zu machen, ist kaum vorstellbar. "Sieger" erinnerten sich anders als "Verlierer", Bürger neuer Nationalstaaten anders als Angehörige von Minderheiten. Die Revision der Weltkriegsepoche ist deshalb nicht nur für die russische Historiographie ein Kraftakt. Dieser kann sich nicht in einer Dekonstruktion der Meistererzählung vom "Triumph-Marsch der Sowjetmacht" nach 1917 erschöpfen. Den Ersten Weltkrieg in die Geschichte Russlands zurückzuholen, heißt, die Geschichte des 20. Jahrhunderts neu zu überdenken.



PSJ Metadata
Nikolaus Katzer
Statement
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Prof. Dr. Nikolaus Katzer: Statement
In: Im Gedenkjahr nichts Neues? Der Erste Weltkrieg und die Zukunft Europas(Geisteswissenschaften im Dialog, 16.09.2014, Berlin - Deutsches Historisches Museum)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/gid/2014-09-16/katzer_statement
Veröffentlicht am: 16.02.2016 12:20
Zugriff vom: 27.01.2020 09:58
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