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J. Luh, J. Klein: Perspektivweitung

KultGeP - Colloquien 2 (2016)

Jürgen Luh, Julia Klein

Perspektivweitung.

Frauen und Männer machen (brandenburgisch-preußische) Geschichte. Zur Einführung

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Vor rund 600 Jahren belehnte König Sigismund während des Konzils von Konstanz Friedrich VI. von Hohenzollern mit der Mark Brandenburg. Die Hohenzollern wurden Kurfürsten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und zählten fortan zu den wichtigsten Familien dieses Staatenbunds. Es war der Beginn eines nicht vorhersehbaren Aufstiegs des ursprünglich schwäbischen Grafengeschlechts. Knapp 300 Jahre später sicherte ihnen die Erlangung der preußischen Königswürde langfristig europaweite Bedeutung. Als Deutsche Kaiser wurden sie 1871 Oberhaupt des Deutschen Reiches, der Staat, den sie regierten, wurde eine europäische Großmacht, Ende des 19. Jahrhunderts sogar eine Weltmacht. Nach der Niederlage des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg endete die Herrschaft der Hohenzollern 1918. Wilhelm II. dankte am 28. November ab, der Kronprinz drei Tage später. Dazwischen lagen 500 Jahre, in denen die Hohenzollern die Geschichte Brandenburgs und Berlins, Deutschlands, selbst Europas prägten.

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Der Aufstieg des Hauses Hohenzollern hat Historiker seit jeher fasziniert. Das darf man wörtlich nehmen, denn Historikerinnen haben über die Hohenzollernfamilie, über Brandenburg und Preußen sehr selten geschrieben. Sie tun dies erst Ende des 20., Anfang des 21. Jahrhunderts.1 Zuvor schilderten Männer die Geschichte des Landes und seiner Herrschaft. Männer schrieben dabei über – Männer. Die Frauen der Dynastie kamen in diesen Geschichten nicht vor oder nur als unselbstständige Anhängsel ihrer Ehegatten. Selbst für die vielfach verehrte Königin Luise galt das.2 Denn den Staat lenken, Politik treiben, "Geschichte machen" war Männersache.3

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Politik und darüber hinaus Verwaltung und Krieg waren die Kategorien, in denen im 19. und 20. Jahrhundert die "Leistungen" historischer Persönlichkeiten zuerst gewogen und beurteilt wurden. Bestehen vor den damaligen Juroren der Geschichte konnten in diesen Kategorien nur Männer. Das Maß aller Dinge war jahrzehntelang die zehnbändige "Geschichte der Preußischen Politik" von Johann Gustav Droysen, erschienen von 1855 bis 1886.4 Darin wird die Entwicklung des brandenburgisch-preußischen Staates von den Anfängen bis in die Zeit Friedrichs des Großen beschrieben. Dessen Ausbau hätten sämtliche Regenten des Hauses Hohenzollern betrieben: zielgerichtet und von Anfang an in der Absicht, ein Reich aller Deutschen zu gründen. Die Epochen, in die Droysen sein Werk gliederte, waren nach den Herrschern des Hauses benannt, nach dem "Großen Kurfürsten", nach Friedrich I., Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II.

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Nach Droysen wurde es gute borussische Tradition, die Historie Brandenburgs und Preußens aus der Sicht von Männern zu erzählen. Der brandenburgische, preußische, deutsche Staat verdanke, so diese Lesart, sein Werden in allen Bereichen der Lebensleistung kluger und starker Herrscher.

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Ein Blick in die Literatur zur brandenburgisch-preußischen Geschichte, in die "Märkischen Forschungen" (MF) etwa und in die aus ihnen hervorgegangenen akademischen "Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte" (FBPG), macht das offenbar: Frauen spielen darin kaum eine Rolle. Und zwar zweifach nicht. Weder waren sie in größerem Umfang Thema einer Untersuchung, noch traten sie in namhafter Zahl als Autorinnen in Erscheinung.

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Die "Märkischen Forschungen" erschienen zwischen 1841 und 1887 – am Anfang unregelmäßig – in zwanzig Jahrgängen. Sie wurden vom Verein für die Geschichte der Mark Brandenburg herausgegeben und verzeichnen in ihren Beiträgen keine einzige Frau als Autorin. In den Märkischen Forschungen schrieben Hofräte, Direktoren der Kreis- und anderer Gerichte, Professoren, Geheime Archivräte, Oberlehrer – die hierarchische Gesellschaft zunächst Preußens, dann des Deutschen Reiches.

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Allen Autoren gemeinsam war das heimat- bzw. landesgeschichtliche Interesse, und so sind auch die Themen gewählt worden. Sie reichten von Artikeln über die Fürsten des Hauses Hohenzollern, über Beschreibungen von Orten und Besitzungen der Kirche, des Adels, der Landesherren und solchen vom "Bären und Bärenjagden in der Mark Brandenburg" (MF 3) hin zu versuchten Beschreibungen des Lebensgefühls in der Vergangenheit – selbstverständlich am Beispiel eines Mannes: Ulrich Zeuschel, ein märkisches Lebensbild des 15. Jahrhunderts, von Kreis-Gerichts-Direktor Odebrecht, in den MF 5, von 1857, Seite 1-16. Erstmals in Band 11 ist ein kleiner Beitrag über eine Frau veröffentlicht, auf den Seiten 264 bis 266: Kurfürstin Hedwig in Neuruppin – von Gymnasial-Direktor Dr. W. Schwartz in Neuruppin. Doch dessen Interesse galt eher der Stadt als der Kurfürstin.

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Die "Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte", die von 1888 bis 1944 erscheinen, führten zwar weiterhin "Neue Folge der Märkischen Forschungen des Vereins für die Geschichte der Mark Brandenburg" im Untertitel. Sie waren aber nicht mehr nur das Mitgliederblatt eines Geschichtsvereins, sondern hatten sich zum tonangebenden, anerkannten und einflussreichen Publikationsorgan der universitären Wissenschaft gewandelt. Blättert man in den FBPG, finden sich in den Jahren ihres Erscheinens nur zehn Beiträge über Frauen und ihre Bedeutung in der brandenburgisch-preußischen Geschichte, fünf davon nicht länger als drei Seiten.5 Diese fünf "Dreiseiter" erschienen zur Zeit der Monarchie in Deutschland. In vier Artikeln der zehn geht es um jeweils einen einzigen Brief bzw. ein Memoirenfragment; in zwei jeweils 14-seitigen Beiträgen um die Erinnerungen Wilhelmines von Brandenburg-Bayreuth, der Schwester Friedrichs des Großen, wie es dann gleich erläuternd heißt. Lediglich in drei der neun Artikel wird die politische Bedeutung der jeweiligen Frauen thematisiert.

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Einzig in den Hohenzollern-Jahrbüchern sieht die Sache anders aus. Zwischen 1897 und 1913 erschienen dort 40 Beiträge – fast ausnahmslos längere Artikel. Warum? muss man ja fast fragen.

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Warum also? Es liegt an der Ausrichtung der Zeitschrift. Das jährlich erscheinende Hohenzollern-Jahrbuch bildete, wie Paul Seidel, verantwortlicher Herausgeber und Redakteur, 1913 über die Zeitschrift – und schließlich sich selbst schrieb, "den Mittelpunkt für die heute überall verstreuten Forschungen zur Geschichte der Hohenzollern und ihrer Tätigkeit für den Staat".6 Das Hohenzollern-Jahrbuch unterscheide sich dadurch wesentlich von anderen historischen Zeitschriften, dass "es sich nicht nur an die Historiker von Fach, sondern an ein größeres Publikum" wende, "indem Herausgeber und Verleger davon ausgehen, dass die Geschichte der Hohenzollern auch in den weitesten Kreisen auch über die Grenzen Preußens hinaus lebhaftes und eingehende Interesse gefunden hat". Dies läge daran, dass "die Gestalten des Großen Kurfürsten, Friedrichs des Großen, der Königin Luise, Kaiser Wilhelms des Großen und Kaiser Friedrichs […] Gemeingut des ganzen deutschen Volkes geworden" seien. Ganz anders und eigenständig sei das Jahrbuch in seiner Erscheinung dadurch, dass "neben der literarischen Darstellung auf die Illustrierung nach zeitgenössischen Quellen ganz besonderer Wert gelegt" werde. "Die Pflege und Ausbildung dieses bisher noch so gut wie gar nicht oder oberflächlich bearbeiteten, für die allgemeine Geschichte wie für die Kunst- und Kulturgeschichte gleich wichtigen Materials hat sich der Herausgeber, Geheimer Regierungsrat Professor Seidel, den seine amtliche Stellung als Dirigent der Kunstsammlungen in den königlichen Schlössern und Direktor des Hohenzollern-Museums hierfür überaus hierfür überaus glücklich gestellt erscheinen lässt."7

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Diese Gebiete wollte man besonders "pflegen"8:

- die Porträtgalerie der Brandenburgisch-Preußischen Königshauses und die
- Porträtgalerie solcher Männer, die sich um das Haus Hohenzollern und den Brandenburg-Preußischen Staat besonders verdient gemacht haben
- zeitgenössische bildliche Darstellungen von wichtigen Ereignissen, wie Schlachtendarstellungen und Schlachtenpläne
- Darstellungen von Staatsaktionen und Denkmälern der Hohenzollern
- Wahlsprüche der Hohenzollern und besonders bemerkenswerte Urkunden derselben
- die Baugeschichte der königlichen Schlösser und Gärten, mit besonderer Berücksichtigung der Tätigkeit der Hohenzollern für Kunst und Kunstgewerbe, und ähnliches mehr.

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Man merkt, ausgerichtet war das Hohenzollern-Jahrbuch wie alle anderen Zeitschriften zur brandenburgisch-preußischen Vergangenheit auf die Männer der Dynastie und die Männer ihres Umfelds. Dass sich dann doch so viele Beiträge zu Frauen im Hohenzollern-Jahrbuch finden, ist einzig dem Schwerpunkt Kunst- und Kulturgeschichte geschuldet. Es war offensichtlich nicht vermeidbar. Dass es so kam, ist großartig gewesen. Denn von diesen Beiträgen profitieren wir bis heute.

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Im Hohenzollern-Jahrbuch schrieben damals wenige Männer über Frauen – wenn auch "nur" zu kunst- und kulturgeschichtlichen Themen. Schaut man sich in unserer Zeit um, so sind es fast immer Frauen, die über Frauen schreiben. Man war, so scheint es, am Anfang des Jahrhunderts weiter, und im 17. Jahrhundert ebenso, wie Bernd Klesmann in seiner Analyse von Samuel von Pufendorfs "Taten des Großen Kurfürsten" aufzeigt. Pufendorfs 1695 in lateinischer Sprache erschienenes Auftragswerk über das politische Leben des Großen Kurfürsten heroisiert den Kurfürsten Friedrich Wilhelm. Dem politisch-diplomatischen Fokus entsprechend stehen im Mittelpunkt der Pufendorf'schen Ausführungen zweifelsfrei die Männer. Es räumt den weiblichen Akteuren der Zeit innerhalb des Werks nur geringen Raum ein. Doch bleiben drei wichtige weibliche Akteurinnen der brandenburgisch-preußischen Geschichte nicht unerwähnt: Christina von Schweden, Cousine des Großen Kurfürsten, dessen erste Gemahlin Luise Henriette sowie Luisa Maria Gonzaga, Königin von Polen. Seiner Zeit, dem 19. und 20. Jahrhundert, ja sogar dem 21. Jahrhundert voraus ist Pufendorf aber darin, dass er das Wirken der genannten Frauen schildert – und zwar ohne das weibliche Geschlecht in den Vordergrund zu stellen. Deren Handlungen werden verschiedentlich als entscheidend und hilfreich gewürdigt.

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Die aus dem 19. Jahrhundert stammende Sicht der Hohenzollern als weit vorausschauende, modern gesprochen: "Selfmademen", bestimmt dennoch – trotz vieler Richtigstellungen – immer noch viel zu häufig das Bild der Geschichte Brandenburg-Preußens.9 Für die Staats- und Identitätsbildung Brandenburg-Preußens und dessen kulturelle Entwicklung waren jedoch nicht nur die Kurfürsten, Könige und herausragende Minister bedeutsam. Auch die Frauen der Dynastie hatten daran Anteil.

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Will man die brandenburgisch-preußische Geschichte in ihrer Gesamtheit sehen, muss also die Perspektive, aus der man auf diese Vergangenheit schaut, gewechselt und sodann geweitet werden. Darauf sollte die Tagung am 10 und 11. Oktober 2014 im Theaterbau des Schlosses Charlottenburg aufmerksam machen; dafür sollte sie erste Schneisen schlagen. Sie sollte die Frauen der Hohenzollern in den Fokus nehmen, ihre Leistungen für die politische, wirtschaftliche, kulturelle Entwicklung des Staates in den Mittelpunkt der Betrachtung rücken, um ihren – nicht unbeträchtlichen – Anteil am Werden Brandenburg-Preußens zu bestimmen, denn so erst erhalten wir ein vollständiges Bild der preußischen Geschichte.

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Anders als es die gewohnte Reihung der Fürstennamen suggeriert, sind die weiblichen Mitglieder der Dynastie ihre reale "Verkörperung". In ihrer Funktion als Mütter sind sie die Garantinnen der Kontinuität. Gleichzeitig sind sie der lebende Ausdruck der Verknüpfung der Dynastie mit anderen Fürstenhäusern und Territorien. Die eingeheirateten Fürstinnen sind sowohl der Grund wichtiger territorialer Erwerbungen durch Erbfolge, so zum Beispiel das Herzogtum Preußen, als auch Motor des kulturellen Austauschs und der Innovation; ebenso hatten die Frauen Einfluss auf politische Bestrebungen und Vorgänge.

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Als ein Dreh- und Angelpunkt für einen Jahrhunderte andauernden Kulturtransfer von und nach Brandenburg-Preußen sind die Fürstinnen bislang noch am ehesten wahrgenommen worden.10 Der deutschland-, ja europaweite Austausch der Dynastien im Rahmen der Heiratspolitik konnte selbst von den Historikern des 19. und 20. Jahrhunderts nicht übersehen werden. Die Hohenzollernfrauen brachten Brandenburgisches in die Welt, die Fürstinnen aus anderen Adels- und Herrscherhäusern Heimisches nach Brandenburg-Preußen. Die Tragweite dieser kulturellen, nationalen und internationalen Mitgift der Hohenzollerinnen ist wohl nirgends eindrucksvoller erfahrbar als in der Berlin-Potsdamer Kulturlandschaft. Die Schlösser und Sammlungen spiegeln diese Einflüsse aus den Niederlanden (Schloss Oranienburg und Caputh), Russland (Malachitzimmer des Orangerieschlosses) und Großbritannien (Schloss Babelsberg und Cecilienhof) bis heute wider.

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Darüber hinaus war die soziale und räumliche Mobilität der Frauen aber auch für die politische, religiöse und wirtschaftliche Identität Brandenburg-Preußens prägend. Die Betrachtung der zu oft vernachlässigten Heiratspolitik der Hohenzollern zeigt, wie stark der Aufstieg der Dynastie von der strategisch geschickten Partnerwahl abhing. Erst durch die Heiratspolitik waren die Hohenzollern in das weitgespannte, ganz Europa umfassende Netzwerk von Herrscherfamilien eingebettet.11

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Dieses Netz zu knüpfen und zu pflegen war eine der zentralen Aufgaben der Fürstinnen. Die Mütter waren nicht weniger als die Väter für die Positionierung der Kinder auf dem deutschen und europäischen Heiratsmarkt verantwortlich. Durch die gezielte Vermählung ihrer Kinder entstand ein verwandtschaftliches Geflecht, das die Grundlage für Erbansprüche auf verschiedenste Territorien bildete. Die erfolgreiche Einlösung solcher Ansprüche wiederum bestimmte in vielen Fällen die territoriale Fortentwicklung des Landes – nicht nur des Habsburger Reiches, dessen Heiratspolitik sprichwörtlich geworden ist, sondern auch Brandenburg-Preußens. Dessen Werden beruhte in wichtigen Phasen der Geschichte vor allem auf Erbansprüchen. Selbst Annexionen wie die Schlesiens durch Friedrich den Großen gründeten auf erheirateten Ansprüchen, wurden mit diesen Ansprüchen vor der Welt legitimiert. So trifft auch für den Hohenzollernstaat zu: Tu felix Borussia nube!

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Immer deutlicher wurde in den letzten Jahren, dass die Frauen neben den vor allem politisch-diplomatischen Korrespondenzen der Männer weitreichende und bedeutende eigene Schriftwechsel führten, mit den engeren Angehörigen ihrer alten und neuen Familie, mit weiter entfernten Verwandten, mit Fürstinnen und Intellektuellen, die ihre Interessen, auch Ideen teilten.12 Vor dem Hintergrund dieser kunstvoll ausgestalteten und gepflegten Netzwerke und durch die geschickte Ausnutzung ihrer Möglichkeiten im System des Hofes, gelang es einer Reihe von Fürstinnen, ihren Einfluss auf die politischen und religiösen Belange des Staates auszudehnen.

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Dass in Brandenburg am Anfang des 16. Jahrhunderts die Reformation eingeführt wurde, war, sieht man genau hin, zu einem nicht unwesentlichen Teil dem persönlichen Kontakt Kurfürstin Elisabeths zu Martin Luther zu verdanken, vor allem aber ihrem hartnäckigen Kampf für die neue Glaubensrichtung. Immer wieder drängte sie ihre Familie unnachgiebig zum Konfessionswechsel; sie hatte sich diese – ihre – Sache in den Kopf gesetzt und hielt daran fest, auch weil sie sich dadurch eine bessere Stellung am brandenburgischen Hof erhoffte. Die Rolle als "Reformationsheldin", die ihr im 19. und 20. Jahrhundert zugeschrieben wurde, muss jedoch neu bewertet werden, so Ulrike Sträßner.

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Noch bedeutender aber war der Einfluss, den Kurfürstin Anna von Preußen auf das Werden des brandenburgisch-preußischen Staates nahm. Seine eigentümliche langgestreckte Ost-West-Ausdehnung in Norddeutschland ging auf ihre Erbschaft der Territorien Kleve, Mark und Ravensberg am Niederrhein und des Herzogtums Preußen bis an die Memel zurück. Dass dieses Erbe tatsächlich an den Hohenzollernstaat fiel, ist allein ihren Bemühungen zu danken. Sie, nicht ihr Gemahl Johann Sigismund, auch nicht ihr Sohn Georg Wilhelm, sicherte dem Staat zumindest einen Teil des Gebietes, auf die sie Anspruch erheben konnte. Den Rest "verspielten", so sieht es aus, die Männer der Dynastie.

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Wie sehr dabei die Mutter durch Charakter und Handeln Einfluss auf die Tochter ausübte, zeigt der Beitrag von Michael Kaiser. Er macht deutlich, dass Maria Leonora die politischen Vorstellungen ihrer Tochter Anna maßgeblich mitgeprägt hat. Dies gilt für das dynastische Denken, die konfessionelle Festlegung, aber auch für das Rollenverständnis der Fürstin als Regentin. Insofern gehört zur Biographie einer Fürstin immer auch die Betrachtung ihrer Mutter; zumindest ist zu überprüfen, wie stark eine Prägung durch das mütterliche Vorbild gewesen ist.

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Kaum beachtet ist auch, dass weibliche Familienmitglieder der Hohenzollern zu Regimentschefs ernannt wurden, Paraden abnahmen und sich öffentlich in Uniform zeigten, wie Thomas Weißbrich zeigt. Auch wenn es sich bei dem Amt des weiblichen Regimentschefs um ein höfisch-militärisches Ehrenamt und nicht um tatsächliche Kommandoführung handelte und die Aufgaben damit vornehmlich repräsentativer Art waren, trugen die Frauen der Hohenzollern nicht unwesentlich zum Bild Preußens als Militärstaat bei.

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Doch nicht allen Herrscherinnen gelang es, die selbstgesteckten Ziele zu verwirklichen; wie im Fall Victorias von Großbritannien scheiterten sie an ihren Ambitionen. Dies macht Frank Lorenz Müller ganz deutlich. Vom liberal geprägten elterlichen Hof beauftragt versuchte die britische Prinzessin einen Politikwandel in Preußen zu bewirken. Victorias erbitterter Gegner, Reichskanzler Otto von Bismarck, bekämpfte jedoch ihre Bestrebungen als "englische" Einmischung; auch ihr Ehemann Friedrich III., zunächst ein Hoffnungsträger, konnte sich gegen Bismarck und den Vater, Wilhelm I., nicht durchsetzen. Am Ende erwies sich ihr Einfluss als zu gering. Preußen wurde zum Inbegriff eines konservativen, anti-liberalen Staates, sie selbst wurde am Hof immer mehr isoliert.

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Wechselt und weitet man also die Perspektive auf die brandenburgisch-preußische Historie, so ergeben sich für Geschichtsschreibung und Darstellung dieser rund 500 Jahre Vergangenheit einige kleinere, aber auch größere Akzentverschiebungen. Offenbar wird, dass trotz 250 Jahren Forschung zu Brandenburg-Preußen noch große Defizite im Hinblick auf das Wirken der Hohenzollernfrauen und anderer Damen des Hofes bestehen. Das in den Archiven überlieferte Quellenmaterial, so zeigt sich, ist noch nicht ansatzweise ausgewertet, ein Befund, der für fast alle denkbaren Themen gilt. Deutlich wird jedoch jetzt schon, dass der Anteil, den die Fürstinnen am Werden von Staat und Dynastie hatten, zumindest punktuell weit höher bewertet werden muss, als man dies bislang getan hat. Den gewohnten Blick auf die brandenburgisch-preußische Geschichte durch den Anteil der Frauen an dieser Vergangenheit zu weiten, um auf diese Weise Gegenwart und Zukunft gerecht zu werden, dazu möchte diese Publikation der Tagungsbeiträge in Text und Bild beitragen.

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Die Tagung ist von L.I.S.A. – Das Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung aufgezeichnet worden und zuerst dort zwischen dem 7. November 2014 und dem 30. Januar 2015 erschienen. Die Ausgabe hier bei perspectivia.net wurde um die schriftliche Form der Einleitung und sechs Referate erweitert.

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Den Förderern und Partnern, der Stiftung Preußische Seehandlung, Senator a. D. Walter Rasch und Frau Dr. Ute Bredemeyer, L.I.S.A. – Das Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung, der Max Weber Stiftung und ihrer Publikationsplattform für die Geisteswissenschaften, perspectivia.net, die uns seit Jahren unterstützen, gilt unser großer Dank. Es war – wie immer – eine gewinnbringende, schöne Zusammenarbeit.

Autoren:

Dr. Jürgen Luh
Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg
Postfach 601462
14414 Potsdam
j.luh@spsg.de

Dr. Julia Klein
mail@julia-klein.info



1 Karin Friedrich: The other Prussia. Royal Prussia, Poland and Liberty, 1569-1772, Cambridge 2006; Karin Friedrich: Brandenburg-Prussia, 1466-1806. The rise of a composite state, Lonon 2011.

2 Vgl. Paul Bailleu: Königin Luise. Ein Lebensbild, Berlin 1908.

3 Vgl. Heinrich von Treitschke: Politik. Vorlesungen, hg. v. Max Cornicelius, 2. Bde., 2. Aufl., Leipzig 1899, Bd. 1, 6f.

4 Johann Gustav Droysen: Geschichte der preußischen Politik, 10 Bde., Leipzig 1855-1886.

5 Fritz Arnheim: Ein Memoirenfragment der Königin Luise Ulrike von Schweder über ihre Jugendzeit am Hofe Friedrich Wilhelms I., in: FBPG 5 (1892), 580-583; Gustav Sommerfeldt: Ein Brief für Kurfürstin Anna von Sachsen über ihre Reise nach Berlin, Ende Februar 1581, in: FBPG 21 (1908), 217-219; Hans Droysen: Aus den Briefen der Herzogin Charlotte von Braunschweig, in: FBPG 22 (1909), 603-616; Konrad Wutke: Über die Vermählung der Markgräfin Anna Maria von Brandenburg mit Herzog Barnim XII. von Pommern-Stettin, in: FBPG 25 (1912), 238-240; Manfred Laubert: Luise Radziwill und Wrangel, in: FBPG 26 (1913), 585-587; Hans Droysen: Die handschriftliche Überlieferung der "Mémoires de ma vie" der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth, in: FBPG 32 (1920), 191-205; Gustav Berthold Volz: Die Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth und ihre Denkwürdigkeiten, in: FBPG 36 (1924), 164-179; Hilde Binder: Queen Viktoria und König Wilhelm im Jahre 1866, in: FBPG 47 (1935), 104-121; Else Brökelschen-Kemper: Ein unbekannter Brief der Königin Luise, in: FBPG 48, 1936, 388-390; Toni Saring: Kurfürstin Anna, in: FBPG 53, 1941, 248-295.

6 Paul Seidel: Hohenzollern-Jahrbuch. Band I-XVII. 1897-1913. Inhaltsangabe, Berlin 1913, 3.

7 Paul Seidel: Hohenzollern-Jahrbuch (wie Anm. 6), 3.

8 Paul Seidel: Hohenzollern-Jahrbuch (wie Anm. 6), 3f.

9 Vgl. Wolfgang Neugebauer: Die Hohenzollern, 2 Bde., Stuttgart 1996-2003; Christopher Clark: Preußen. Aufstieg und Niedergang. 1600-1947, München 2007; Frank Lothar Kroll: Die Hohenzollern, München 2008; Monika Wienfort: Geschichte Preußens, München 2008.

10 Vgl. Sophie Charlotte und ihr Schloß. Ein Musenhof des Barock in Brandenburg-Preußen, hg. v. d. Generaldirektion der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Ausstellung, Berlin 1999-2000, München u. a. 1999; Paradies des Rokoko. Galli Bibiena und der Musenhof der Wilhelmine von Bayreuth, hg. v. Peter O. Krückmann, Ausstellung 1998, Bd. 2, München 1998.

11 Vgl. Daniel Schönpflug: Die Heiraten der Hohenzollern. Verwandtschaft, Politik und Ritual in Europa 1640-1918, Göttingen 2013 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, 207).

12 Vgl. Katrin Keller: Kommunikationsraum Altes Reich, in: Zeitschrift für Historische Forschung 31 (2004), 205-230; Corina Bastian: Verhandeln in Briefen. Frauen in der höfischen Diplomatie des frühen 18. Jahrhunderts, Köln, Weimar, Wien 2013 (= Externa. Geschichte der Außenbeziehungen in neuen Perspektiven, 4); Anne Simone Rous: Die Geheimschrift der Elisabeth von Rochlitz im Schmalkaldischen Krieg 1546/47, in: "eine STARKE FRAUENgeschichte". 500 Jahre Reformation, hg. im Auftrag d. Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen gemeinnütziger GmbH v. Simona Schellenberger, André Thieme und Dirk Welich, Ausstellung Schloss Rochlitz 2014, Markkleeberg 2014, 47-51.

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PSJ Metadata
Jürgen Luh, Julia Klein
Perspektivweitung
Frauen und Männer machen (brandenburgisch-preußische) Geschichte. Zur Einführung
de
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
Preußen bis 1947
Geschlechtergeschichte, Politikgeschichte
Neuzeit bis 1900
1500-1918
Preußen (4047194-9), Hohenzollern Familie (118552856), Geschichtsschreibung (4020531-9)
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J. Luh, J. Klein: Perspektivweitung
In: Perspektivweitung – Frauen und Männer machen Geschichte. Beiträge des zweiten Colloquiums in der Reihe „Kulturgeschichte Preußens - Colloquien“ vom 10. und 11. Oktober 2014, hg. von Jürgen Luh und Julia Klein (KultGeP - Colloquien, 2)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/kultgep-colloquien/2/luh-klein_einleitung
Veröffentlicht am: 18.05.2016 12:19
Zugriff vom: 06.06.2020 22:40
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